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Gesellschaft+Psychologie

Sind Flüchtlinge eine Last?

Beeinträchtigen Asylsuchende die Wirtschaft ihrer Empfängerländer? (Foto: Stadtratte/iStock)

Passend zur aktuellen Debatte um Flüchtlinge und Einwanderung haben französische Forscher jetzt eine der gängigsten Annahmen dazu überprüft. Nach dieser soll der Einstrom von Flüchtlingen der Wirtschaft der Empfängerländer schaden. Doch die Auswertung von Wirtschafts- und Bevölkerungsdaten der letzten 30 Jahre für 15 europäische Länder zeichnet ein anderes Bild: Trotz zeitweilig stark gestiegener Zahl von Asylsuchenden und Migranten und damit gestiegenen Ausgaben hat die Wirtschaft der Empfängerländer profitiert. Selbst direkt nach einem starken Einstrom von Asylsuchenden ist die Wirtschaft nicht beeinträchtigt.

Im Jahr 2015 suchten mehr als eine Million Menschen Asyl in Ländern der Europäischen Union – eine Rekordzahl, wie auch der UN-Flüchtlingskommissar bestätigt. Demnach gab es im Jahr 2015 mehr Flüchtlinge als in irgendeinem anderen Jahr seit dem Zweiten Weltkrieg. Ursache dieser Flüchtlingswelle waren vor allem der Krieg in Syrien, aber auch andere Konflikte und Probleme. In Deutschland, aber auch in anderen Ländern der EU hat diese „Flüchtlingskrise“ eine heftige, bis heute anhaltende Debatte über Einwanderung und Asyl ausgelöst. Eine der Befürchtungen vieler Menschen hierzulande: Der starke Einstrom von Asylsuchenden und Migranten könnte zu einer zu großen wirtschaftlichen Belastung werden und Arbeitsplätze knapp werden lassen.

Daten aus 30 Jahren und 15 EU-Ländern

Welche ökonomischen und finanziellen Folgen der Einstrom von Flüchtlingen, aber auch von EU-internen Migranten für ein Land hat, haben nun Hippolyte d’Albis von der Paris School of Economics und seine Kollegen untersucht. Für ihre Studie analysierten sie Daten des Zeitraums von 1985 bis 2015 aus 15 EU-Ländern, darunter Frankreich, Deutschland, Italien und Großbritannien. Neben der Menge der Asylsuchenden und EU-Migranten erfassten sie Wirtschaftsdaten wie das jährliche Bruttinlandsprodukt, die Arbeitslosenrate, die Steuereinnahmen sowie die Staatsausgaben pro Kopf. Für die Auswertung nutzten die Wirtschaftswissenschaftler ein statistisches Modell von Christopher Sims, dem Wirtschafts-Nobelpreisträger des Jahres 2011. Dieses wird häufig genutzt, um die Auswirkungen ökonomischer Ereignisse oder Entscheidungen zu bewerten.

In diesem Fall definierten die Forscher einen starken Einstrom von Flüchtlingen als ein solches Schockereignis für die Wirtschaft. Während der Untersuchungsperiode gab es mehrfach Perioden mit besonders vielen Asylsuchenden – unter anderem während der Balkankriege 191 bis 1999 und dann ab 2011 durch den Arabischen Frühling und den Syrienkonflikt, wie die Wissenschaftler erklären. Gleichzeitig stieg ab der Osterweiterung der EU im Jahr 2004 auch die Zahl der Migranten aus EU-Ländern.

Positive Effekte überwiegen

Die Auswertung ergab: Entgegen landläufiger Annahme hat der unvorhergesehene und starke Einstrom von Asylsuchenden und Flüchtlingen keine unmittelbar negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft der Empfängerländer – im Gegenteil. „Die zusätzlichen öffentlichen Ausgaben werden mehr als ausgeglichen durch eine Zunahme der Steuereinnahmen“, berichten d’Albis und seine Kollegen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Einwanderungs-Schocks sogar positive Effekte auf die europäischen Gesellschaften hatten: Sie erhöhten das Bruttoinlandsprodukt, senkten die Arbeitslosigkeit und verbesserten die Balance öffentlicher Ausgaben.“

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Allerdings: Es gab deutliche Unterschiede zwischen den Effekten beim Einstrom vieler Asylsuchender gegenüber dem Einstrom von EU-Migranten und anderen Einwanderern. Wächst die Zahl der Migranten, steigt schon in den ersten beiden Jahren das Bruttoinlandsprodukt um 0,32 Prozent, wie die Forscher berichten. Die Arbeitslosenrate fällt in dieser Zeit durchschnittlich um 0,14 Prozent und die fiskalische Balance verbessert sich um bis zu 0,11 Prozent. Anders beim Einstrom Asylsuchender: Hier treten positive Effekte erst mit Verzögerung auf. „Positive Effekte auf das Bruttoinlandsprodukt sind hier erst sechs bis sieben Jahre nach dem Schock zu sehen“, so d’Albis und seine Kollegen. Aber auch hier gibt es selbst anfangs keine klaren negativen Effekte auf Wirtschaft und Finanzsektor, wie sie betonen. „Unsere Ergebnisse zeigen, das Asylsuchende die wirtschaftliche Leistung und die fiskalische Balance des Empfängerlandes nicht beeinträchtigen“, so die Forscher.

Zusammenfassend konstatieren die Wissenschaftler: „Unsere Ergebnisse deute darauf hin, dass auch die aktuelle sogenannte Flüchtlings-Krise wahrscheinlich keine ökonomische Krise nach sich zieht, sondern eher eine ökonomische Chance darstellt.“ Sie räumen aber auch ein, dass der starke Einstrom von Asylsuchenden nach Europa durchaus eine politische Herausforderung darstellt. „Doch diese politische Herausforderung könnte besser bewältigt werden, wenn das Klischee entkräftet wird, dass eine Einwanderung immer mit einer wirtschaftlichen Belastung verknüpft ist“, sagen d’Albis und seine Kollegen.

Quelle: Hippolyte d’Albis (Paris School of Economics, CNRS, Paris) et al., Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aaq0883

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