Sprache könnte viel älter sein als gedacht - wissenschaft.de
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Gesellschaft+Psychologie

Sprache könnte viel älter sein als gedacht

Bisher nahm man an, dass Affen aus anatomischen Gründen nicht sprechen können. (Bild: photomaru/istock)

„Es ist Zeit, umzudenken“ – Forscher widersprechen einer Lehrmeinung, die seit 50 Jahren die Sprachforschung prägt: Angeblich ermöglichten erst Veränderungen der Lage des Kehlkopfes vor etwa 200.000 Jahren die Sprachentwicklung bei unseren Vorfahren. Wie die Wissenschaftler durch eine Auswertung von aktuellen Studien verdeutlichen, ist dieser Theorie mittlerweile die Grundlage weggebrochen: Denn entgegen der bisherigen Annahme besitzen auch Affen theoretisch die anatomischen Voraussetzungen für die Erzeugung von differenzierten Lauten. Die Entwicklung der Sprache könnte demnach schon vor Millionen von Jahren begonnen haben, so das Fazit der Forscher.

In vielerlei Hinsicht sind wir uns sehr ähnlich – doch ein wichtiger Aspekt unterscheidet den Menschen von seinen nächsten Verwandten im Tierreich: Wir nutzen komplexe Lautsysteme zur Verständigung – die Sprache gilt als ein Schlüsselelement des Erfolgs unserer Spezies. Affen und Menschenaffen geben zwar ebenfalls einige aussagekräftige Laute von sich, doch diese Kommunikationsform besitzt ein vergleichsweise bescheidenes Niveau. Ob es möglich ist, jungen Schimpansen gezielt das Sprechen beizubringen, haben Forscher bereits in den 1930er und 1950er Jahren getestet. Ohne Erfolg: Trotz aller Bemühungen hat nie ein Affe etwas gesagt.

Warum Affen angeblich nicht sprechen können

So stand die Frage nach dem Warum im Raum. Der Forscher Philip Lieberman schien dann 1969 die Erklärung gefunden zu haben. Er kam zu der Überzeugung, dass es einen anatomischen Grund gibt, warum Affen keine Sprachlaute hervorbringen können. Durch den Vergleich des menschlichen Vokaltrakts mit dem von Affen stellte Lieberman fest: Beim Menschen sitzt der Kehlkopf auffällig niedrig. Affen besitzen hingegen einen kleinen Rachen mit einer hohen Position des Kehlkopfs. Dieses Merkmal repräsentiert eine anatomische Blockade, meinte Lieberman: Die Kehlkopfposition verhindert die Bildung von differenzierten Lauten, so die Erklärung.

Diese Theorie über die Ursache der Sprachunfähigkeit von Affen setzte sich anschließend fest und avancierte zur offiziellen Lehrmeinung. Dies hatte weitere Auswirkungen: Da der tiefsitzende Kehlkopf als einzigartig für den Homo sapiens galt, beeinflusste die Theorie auch die Annahmen zur Entstehungsgeschichte der Sprache. Sie konnte sich demnach erst in den letzten 200.000 Jahren entwickelt haben, als der menschliche Kehlkopf seine tiefe Position erreichte, so die Schlussfolgerung.

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Im Rahmen ihrer Review-Studie haben die internationalen Forscher um Louis-Jean Boë von der Université Grenoble Alpe nun systematisch Untersuchungsdaten der letzten Jahre ausgewertet, die sich mit dem Verhalten von Primaten, ihren Fähigkeiten zu Lautäußerungen und zur Kommunikation beschäftigt haben. Es flossen auch Daten aus eigenen Untersuchungen der Forscher ein sowie Ergebnisse von akustischen Modellierungen.

Wie sie erklären, verdeutlichen ihre Auswertungen drei wichtige Aspekte, die der bisherigen Theorie widersprechen: Erstens geht aus einigen Studien hervor, dass der tief sitzende Kehlkopf unter den Primaten nicht ausschließlich beim Menschen vorkommt. Zweitens ist er auch gar nicht erforderlich, um kontrastierende Muster für Lautäußerungen zu erzeugen. Drittens gibt es durchaus nichtmenschliche Primaten, die Lautäußerungen mit kontrastierenden Formantenmustern erzeugen können. Unterm Strich entzieht dies damit der bisherigen Lehrmeinung die Grundlage, resümieren die Wissenschaftler.

Die geistige Entwicklung scheint der Knackpunkt zu sein

Eine Studie, die die Forscher im Rahmen ihres Reviews hervorheben, vermittelt das Gesamtbild besonders eindrucksvoll: Forscher um Asif Ghazanfar von der Princeton University haben durch Röntgenaufnahmen die Veränderungen in Mund und Hals von Makaken untersucht, während sie Laute erzeugten, fraßen oder auch nur ihren Gesichtsausdruck variierten. Anhand dieser Ergebnisse erstellten die Forscher ein Computermodell des Vokaltraktes der Affen. Sie konnten dadurch belegen, dass er weitaus flexibler und leistungsfähiger ist als bisher angenommen.

Letztlich zeichnete sich ab: Die Makaken besitzen eigentlich die anatomischen Voraussetzungen für die Entwicklung tausender unterschiedlicher Wörter. Die Forscher untermauerten diese These, indem sie durch Computersimulationen theoretische Äußerungen der Tiere erzeugten – sie ließen sie virtuell sprechen. Die Blockade, die das Sprechen verhindert, scheint demnach nicht im Hals der Affen zu sitzen, sondern eher im Kopf der Tiere, lautete die Schlussfolgerung.

Wie Boë und seine Kollegen hervorheben, hat die Veränderung der Lehrmeinung nun weitere Konsequenzen: Wenn die Entstehung der artikulierten Sprache nicht an die Abwärtsbewegung des Kehlkopfes gekoppelt war, die vor etwa 200.000 Jahren stattfand, können sich Wissenschaftler jetzt eine weitaus frühere Entstehung der Sprache vorstellen. Der Zeitrahmen dehnt sich ihnen zufolge jetzt sogar auf 20 Millionen Jahre aus. Unser damaliger Vorfahre hat vermutlich ebenfalls schon die Fähigkeit besessen, kontrastierende Lautäußerungen von sich zu geben. Die Frage ist nur, wann unsere Ahnen die geistigen Fähigkeiten zur Sprachentwicklung hervorbrachten. In welcher Phase dies einsetzte und wann erstmals eine Lautkommunikation entstanden ist, die wir als Sprache identifizieren würden, bleibt allerdings weiterhin im Dunkel der Geschichte verborgen.

Quelle: CNRS Press, Facschartikel: Science Advances, doi: 10.1126/sciadv.aaw3916

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