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Gesellschaft+Psychologie

Tierische Emotionen werfen ethische Fragen auf

Oktopus
Was fühlt ein Oktopus? © Freder/ iStock

Tintenfische können komplexe Rätsel lösen, Bienen sind je nach Vorerfahrungen unterschiedlich erkundungslustig und Krabben vermeiden Umgebungen, in denen sie in der Vergangenheit Schmerzen erfahren haben. Dennoch erkennen die meisten Länder der Welt bis heute nicht an, dass auch solche wirbellosen Tiere Emotionen haben oder Schmerz empfinden. Großbritannien erwägt nun, in einer Novelle des Tierschutzgesetzes auch einige Schalentiere als empfindungsfähige Wesen zu berücksichtigen. Im Fachmagazin „Science“ argumentieren Forschende, dass dies aus wissenschaftlicher Sicht längst überfällig ist – aber auch neue ethische Fragen aufwirft.

Können Tiere fühlen? Diese Frage ist komplexer, als sie auf den ersten Blick scheint, und wird seit Jahrzehnten kontrovers diskutiert. Lange gingen Forscher davon aus, dass Tiere zwar über das periphere Nervensystem auf Schmerzreize reagieren – ähnlich wie wir reflexartig die Hand von einer heißen Herdplatte wegziehen, bevor wir den Schmerz überhaupt kognitiv registriert haben – aber den Schmerz nicht emotional bewerten oder als negativ erleben. Dass Säugetiere, Vögel und Knochenfische zu Empfindungen in der Lage sind, ist inzwischen weitgehend anerkannt und wird in vielen Tierschutzgesetzen berücksichtigt. Dagegen dürfen Hummer nach wie vor bei lebendigem Leib gekocht werden und auch für andere wirbellose Tiere gibt es kaum Tierschutzstandards.

Keine Sprache – keine Emotionen?

„Ein von der britischen Regierung in Auftrag gegebener Bericht der London School of Economics (LSE) kommt zu dem Schluss, dass es genügend Beweise dafür gibt, dass Zehnfußkrebse und Kopffüßer empfindungsfähig sind“, erklärt die Philosophin Kristin Andrews von der Universität York in Kanada. Gemeinsam mit dem Verhaltensforscher Frans de Waal von der Emory University in Atlanta diskutiert sie in der Fachzeitschrift „Science“ den aktuellen Forschungsstand zu Emotionen bei Tieren sowie die ethischen Implikationen, die sich daraus ergeben.

„Menschen akzeptieren verbale Aussagen über innere Zustände als Beweis für diese Zustände und setzen umgekehrt manchmal das Fehlen von Sprache mit dem Fehlen dieser Zustände gleich“, erklären Andrews und de Waal. Wer nicht in der Lage ist, über seine Emotionen zu berichten, habe auch keine Emotionen, so die klassische Annahme. Bis in die 1980er Jahre wendeten Ärzte und Wissenschaftler diesen Grundsatz sogar auf menschliche Säuglinge an: „Da die Mediziner skeptisch waren, dass präverbale menschliche Babys etwas empfinden, operierten sie sie ohne Betäubung“, berichten die Autoren.

Wirbellose mit Gefühlen

„Als die medizinische Gemeinschaft in den 1980er Jahren den Schmerz von Säuglingen anerkannte, war die Beweislage so erdrückend, dass die Ärzte nicht länger so tun konnten, als seien Säuglinge immun gegen Schmerzen“, schreiben sie. „Wir sind an einem ähnlichen Punkt angelangt, an dem wirbellose Tiere nicht mehr so behandelt werden können, als hätten sie nur eine nozizeptive Reaktion auf schädliche Reize.“ Unter anderem haben Studien gezeigt, dass Krabben, die im Rahmen von Experimenten in bestimmten Umgebungen Elektroschocks erhielten, diese Umgebungen zukünftig mieden. „Eine ausschließlich unbewusste Schmerzwahrnehmung kann das assoziative Lernen nicht erklären, weil es keine Motivation gibt, den Reiz zu meiden, wenn er sich zu diesem Zeitpunkt nicht schlecht anfühlt“, schreiben die Autoren. Überdies sei davon auszugehen, dass Tiere abgesehen von Schmerz auch andere Emotionen empfinden. „Wirbellose Tiere wie Kraken zeigen etwa Neugier bei der Erkundung, Zuneigung zu einzelnen Individuen oder Aufregung in Erwartung einer zukünftigen Belohnung“, beschreibt Andrews.

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Eine Studie an Bienen hat sogar ergeben, dass positive oder negative Vorerfahrungen beeinflussen, wie optimistisch oder pessimistisch sich die Tiere verhalten, und dass sich diese Unterschiede im Nervensystem widerspiegeln. Wurden die Bienen Stress ausgesetzt, etwa indem sie in einem Gefäß geschüttelt wurden, waren sie danach im Vergleich zu ungestressten Artgenossen weniger bereit, Neues auszuprobieren. Überdies waren in ihrem Nervensystem verringerte Werte von Neurotransmittern wie Dopamin und Serotonin festzustellen – ähnlich wie bei Menschen, die unter Depressionen leiden. „Bei jedem Säugetier würde eine pessimistische Verhaltensreaktion in Verbindung mit physiologischen Anzeichen von Stress als Zeichen für negative Emotionen gewertet werden. Dieselbe Logik sollte auch auf Insekten angewandt werden“, so Andrews und de Waal.

Ethische Implikationen

Sollte tatsächlich anerkannt werden, dass auch wirbellose Tiere Emotionen haben und beispielsweise Schmerzen empfinden können, hätte das zahlreiche ethische Implikationen. „Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Leugnung von Emotionen bei Tieren in der Geschichte der Ausbeutung von Tieren durch den Menschen moralisch günstig war“, schreiben die Autoren. „Obwohl wir daran gewöhnt sind, darüber nachzudenken, wie sich unsere Handlungen auf andere Menschen auswirken, erfordert die Anerkennung der weit verbreiteten Empfindungsfähigkeit von Tieren, dass wir auch unsere Auswirkungen auf andere Arten wahrnehmen – und berücksichtigen.“

Während wir davon ausgehen können, dass ein Hummer, bekäme er die Gelegenheit dazu, nicht einwilligen würde, bei lebendigem Leib gekocht zu werden, fehlt uns bei vielen anderen Tierarten noch das Wissen, wie wir angemessen mit ihnen umgehen können. Laut Andrews und de Waal müssen daher Ethiker und Biologen zusammenarbeiten, um gemeinsam einen Rahmen für einen zukünftigen moralischen Umgang mit Tieren zu finden.

Quelle: Frans de Waal (Emory University, Atlanta, USA) und Kristin Andrews (York University, Toronto, Kanada), Science, doi: 10.1126/science.abo2378

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