Verschwenderische Esslust - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie

Verschwenderische Esslust

Burger essen
Unsere Esslust verschwendet Lebensmittel. (Bild: AndreyPopov/ istock)

Viele Menschen essen regelmäßig mehr als ihr Körper benötigt – und das führt langfristig zu Übergewicht. Bisher wurden die überflüssigen Pfunde vor allem als Gesundheitsproblem betrachtet. Doch Forscher machen nun auf einen weiteren Aspekt dieser Esslust aufmerksam: Sie führt zur Verschwendung von Lebensmitteln, die anderswo dringend benötigt würden und deren Produktion Unmengen an Ressourcen verbraucht hat. Das überschüssige Körpergewicht weltweit entspricht demnach rund 140 Milliarden Tonnen Lebensmittelabfall – ein großer Teil davon geht auf das Konto von Europa und Nordamerika.

Während Menschen in großen Teilen der Welt regelmäßig Hunger leiden, stopfen sie anderswo zu viel in sich hinein: Übergewicht und Adipositas betreffen inzwischen rund 1,9 Milliarden Erwachsene weltweit. „In der Regel entstehen diese überflüssigen Pfunde durch einen übermäßigen Konsum von Kalorien über einen längeren Zeitraum“, erklären Elisabetta Toti vom Rat für Agrarforschung und Wirtschaft in Rom und ihre Kollegen. Das hat nicht nur gesundheitliche Folgen, sondern ist auch eine enorme Verschwendung. Das tonnenweise Wegwerfen von Lebensmitteln vor allem in den reichen Industrieländern ist längst ein anerkanntes Problem – nach Schätzungen der Vereinten Nationen landen weltweit jährlich rund 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung im Müll. „Die Verschwendung von Ressourcen durch den übermäßigen Verzehr von Lebensmitteln ist hingegen bisher kaum beachtet worden“, konstatieren die Wissenschaftler.

140 Milliarden Tonnen „Abfall“

Wie viel Nahrung geht dadurch verloren, dass wir mehr essen als wir benötigen und als uns guttut? Toti und ihr Team haben das nun für die sieben von der Welternährungsorganisation (FAO) definierten Weltregionen berechnet. Dafür kalkulierten sie in einem ersten Schritt die Menge der überflüssigen Pfunde in der Bevölkerung. Ein Body-Mass-Index (BMI) über 21,7 galt dabei als zu viel – dies entspricht dem Wert, der mit der geringsten Sterblichkeit assoziiert ist. Das überschüssige Körpergewicht interpretierten die Forscher als überschüssiges Fett und rechneten seinen Energiegehalt auf die national verfügbaren Lebensmittel um – von Milch- und Fleischprodukten, über Getreide bis hin zu Zucker. Die Verteilung erfolgte dabei danach, wie groß der Anteil einzelner Lebensmittelgruppen an der Gesamtenergiezufuhr der Bevölkerung ist.

Das beeindruckende Ergebnis: „Das überschüssige Körpergewicht weltweit entspricht ungefähr 140 Milliarden Tonnen Lebensmittelabfall“, berichten Toti und ihre Kollegen. Den größten Anteil machen dabei tierische Produkte aus. Europa ist den Ergebnissen zufolge mit 39,2 Milliarden Tonnen für die größte Menge von „metabolischem Lebensmittelabfall“ verantwortlich, dicht gefolgt von Nordamerika und Ozeanien mit 32,5 Milliarden Tonnen. Am wenigsten überschüssige Nahrung wird wie erwartet in Subsahara-Afrika verzehrt. Dort sind es lediglich fünf Milliarden Tonnen. „Unsere Ergebnisse spiegeln die Resultate des letzten FAO-Reports wider, der gezeigt hat, dass Europa, Nordamerika und Ozeanien deutlich mehr Lebensmittelabfall generieren als nicht industrialisierte Länder. Das heißt, dass diesen reichen Staaten eine besondere Verantwortung in diesem Zusammenhang zukommt“, erklärt das Forscherteam.

Nicht nur die Gesundheit leidet

Die Wissenschaftler berechneten auch, wie groß der ökologische Fußabdruck der zu viel gegessenen Nahrung ist. Dabei zeichnete sich unter anderem ab: Allein die Produktion des metabolischen Lebensmittelabfalls der Welt war für etwa 240 Milliarden Tonnen CO2-Emissionen verantwortlich – ungefähr so viel, wie die Menschheit in den letzten sieben Jahren durch die Nutzung fossiler Brennstoffe emittiert hat. Auch der Verbrauch von Land und Wasser ist enorm. Klar ist zwar: Die von den Forschern präsentierten Zahlen sind lediglich eine grob geschätzte Momentaufnahme und lassen viele Aspekte außen vor. Wie sich das Körpergewicht der Menschen im Laufe der Zeit verändert, wie viele überflüssige Pfunde durch mehr körperliche Bewegung verschwinden würden – all dies sind Faktoren, die die Analyse nicht beachtet.

Anzeige

Die Botschaft allerdings ist deshalb nicht weniger deutlich: Zu viel zu essen schadet nicht nur unserer eigenen Gesundheit. Auch für die Umwelt und die Sicherung der Welternährung ergeben sich negative Effekte. Den mit Übergewicht assoziierten metabolischen Lebensmittelabfall zu reduzieren, hilft daher gleich zweifach, wie Toti und ihre Kollegen betonen: „Es reduziert den ökologischen Einfluss unausgewogener Ernährungsmuster und verbessert dadurch auch die Gesundheit der Menschen“, so das Fazit des Teams. In Zukunft gelte es daher, verstärkt Maßnahmen zu ergreifen, um das Ernährungsverhalten insbesondere der Menschen in den Industrienationen zu verändern und ein Bewusstsein für die Folgen des verschwenderischen Umgangs mit Lebensmitteln zu schaffen.

Quelle: Elisabetta Toti (Rat für Agrarforschung und Wirtschaft, Rom) et al., Frontiers in Nutrition, doi: 10.3389/fnut.2019.00126

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

gen|ma|ni|pu|liert  〈Adj.〉 mithilfe der Genmanipulation verändert; Sy genverändert ... mehr

en|te|ral  〈Adj.; Med.〉 zum Darm gehörig, Darm… [zu grch. enteron ... mehr

Bran|dungs|boot  〈n. 11; Mar.〉 breites, flaches Boot zum Landen an flachen Küsten mit starker Brandung

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige