Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Yellowstone-Nationalpark in den USA gegründet, der erste Nationalpark in der Geschichte der Menschheit. Doch seine Errichtung brachte großes Leid über die dort lebenden Schoschonen, Blackfoot und Crow-Indianer. Gewaltsam wurden sie aus ihrer Heimat vertrieben und ermordet, denn der Park sollte Flora und Fauna schützen – für Menschen war dort kein Platz. Dieses Modell, das auf Vertreibung im Namen des Naturschutzes basierte, wurde weltweit übernommen – mit gravierenden Folgen.
Das Beispiel der „Buschleute“ in Botswana zeigt, wie verheerend sich diese Vertreibungen auf indigene Gemeinschaften auswirken können. Die Gana, Gwi und Tsila-Buschleute (auch als San bekannt) leben im Central Kalahari Game Reserve (CKGR), das vor rund 50 Jahren gegründet wurde, um die weiten Freiflächen, die unterirdischen Flüsse und die Tierwelt ihrer Heimat zu schützen. Obwohl die Buschleute bereits seit Zehntausenden von Jahren als Jäger und Sammler nachhaltig in dieser Region leben, begann die botswanische Regierung Ende der 90er Jahre, die Buschleute aus dem Reservat zu vertreiben. Ihre Dörfer wurden abgerissen, ihre Brunnen zerstört und die Buschleute wurden gegen ihren Willen in Lager umgesiedelt.
Die Regierung behauptete, dass die Anwesenheit der Buschleute im Reservat nicht mit dem Schutz der dort lebenden Tiere zu vereinbaren wäre und die Buschleute müssten endlich ihr angeblich miserables Leben „unter Tieren“ hinter sich lassen, um sich der Entwicklung des restlichen Landes „anzuschließen“. Für die Buschleute war diese Überlegung nicht nachvollziehbar. „Der Löwe und ich sind Brüder. Ich bin verwirrt. Warum muss ich dieses Land verlassen und der Löwe darf bleiben?“ fragte ein Mann der Gwi-Buschleute. „Wenn ich zu einem Minister gehen würde und ihn auffordern würde, von seinem Land zu verschwinden, würde er mich für verrückt erklären“, sagte ein anderer Buschmann.
Die Regierung versuchte die Buschleute davon zu überzeugen, dass die Vertreibung zu ihrem Besten geschehe, und dass sie sozial und ökonomisch profitieren würden. Es wurden besonders die Bildungsmöglichkeiten und die Gesundheitsversorgung in den Lagern betont. In der Realität sind diese Lager jedoch Orte der Depression und Prostitution, an denen HIV/AIDS und Alkoholismus weit verbreitet sind. Die Buschleute nennen sie „Orte des Todes“.
Die Buschleute waren nicht bereit, tatenlos mit anzusehen, wie ihnen ihr Land gestohlen wurde und so brachten sie mithilfe von Survival International die Regierung vor Gericht. Der Fall wurde zum längsten und teuersten Prozess in der Geschichte des Landes und endete 2006 mit einem historischen Sieg für die Buschleute. Sie gewannen das Recht, auf ihr Land zurückzukehren und die Richter erklärten die Vertreibung als „ungesetzlich und verfassungswidrig“.
Trotz der Aussage des Gerichts versucht die Regierung bis heute die Buschleute mit allen Mitteln von ihrem Land fernzuhalten. 2010 mussten die Buschleute erneut rechtliche Schritte einlegen, bis es ihnen erlaubt wurde, wieder Zugang zu ihrem Brunnen zu erhalten. Bis heute weigert sich die Regierung den Buschleuten Jagdlizenzen auszustellen, um ihre Familien zu ernähren und Berichte häufen sich von gewalttätigen paramilitärischen Polizeikräften und Parkwächtern, die gegen die Buschleute vorgehen.
Dass die Buschleute oder andere indigene Völker eine Gefahr für Natur und Tierwelt darstellen, wurde wiederholt widerlegt. Im November 2011 bestätigte eine Studie der Weltbank, dass indigene Völker beim Schutz der Wälder eine Schlüsselrolle spielen. Naturschutzgebiete auf indigenem Land, welche die indigene Bevölkerung ausschließen, funktionieren der Studie zufolge weniger gut, während Abholzungen dann am geringsten sind, wenn der indigenen Bevölkerung ermöglicht wird, weiterhin dort zu leben.
Wie viele Völker kämpfen die Buschleute darum, in Frieden auf ihrem angestammten Land leben zu können. Zahlreiche Studien haben belegt, dass indigene Völker ihre natürliche Umgebung schützen und nicht vernichten. Botswanas Präsident Ian Khama, Vorstandsmitglied der Naturschutzorganisation Conservation International, nutzt den Naturschutz nur als Vorwand, um die Buschleute aus dem Kalahari Game Reserve zu vertreiben. Ein riesiges Diamantenvorkommen im Reservat und lukrative Tourismusdeals sind wohl die wesentlichen Interessen der Regierung.
Fotos
Die Dongria Kondh müssen ihren heiligen Berg gegen einen Rohstoffkonzern verteidigen.
Ein Junge vom Volk der Buschleute spielt im Central Kalahari Game Reserve in Botswana.
Die Awá finden im Wald alles, was sie zum Leben brauchen.
Alle Bilder © Survival International
Zur Autorin
Sarah Gilbertz arbeitet für die Organisation Survival International.









