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Gesellschaft+Psychologie

Viele Manager leiden unter einer Persönlichkeitsstörung

Visualisierung einer Persönlichkeitsstörung
(Bild: AdobeStock, freshidea)
In Führungspositionen findet sich ein höherer Anteil an Menschen mit narzisstischer oder psychopathischer Persönlichkeitsstörung, lautet das Ergebnis mehrerer Studien, darunter auch eine Untersuchung von Kristie M. Westerlaken und Peter R. Woods, die unter dem Titel „The relationship between psychopathy and the Full Range Leadership Model“ veröffentlicht wurde. Die Ergebnisse wurden mittlerweile auch durch weitere Untersuchungen in den USA sowie in Deutschland gestützt. Das liegt allerdings nicht daran, dass entsprechende Machtpositionen eine solche Persönlichkeitsstörung hervorrufen, sondern ganz im Gegenteil: Menschen mit entsprechender narzisstischer oder psychopathischer Veranlagung steigen im Job oft schneller sowie höher auf, so das Resultat.

Narzisstische Persönlichkeitsstörung

Wer unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, besitzt ein (zu) geringes Selbstwertgefühl und eine große Selbstbezogenheit. Die Menschen sind also durch Charakterzüge wie Egozentrik, Geltungsbedürfnis sowie eine mangelnde Empathie geprägt. Psychologen gehen davon aus, dass beinahe jeder Mensch solche narzisstischen Züge besitzt und diese zu einer ausbalancierten sowie gesunden Persönlichkeit gehören. Erreichen sie allerdings ein krankhaftes Ausmaß, wird von einer Persönlichkeitsstörung gesprochen. Narzissten sind dann

  • äußerst empfindlich gegenüber Kritik,
  • abhängig von äußerer Bestätigung und
  • getrieben von Zielen wie Macht, Anerkennung oder Reichtum.

Viele Betroffene streben nach einer Idealvorstellung von sich selbst, in welcher sie beispielsweise ungewöhnlich schön, erfolgreich, einflussreich oder vermögend sind – oder verschiedene Kombinationen dieser Ziele. Sie verfolgen diese rücksichtslos und schrecken dabei auch vor einer Ausbeutung nicht zurück, was sowohl sie selbst als auch andere Personen betreffen kann. Sie haben ein unrealistisches Selbstbild und reagieren äußerst empfindlich darauf, wenn dieses nicht bestätigt oder sogar aktiv angegriffen wird. Bei ihren Aktionen und Reaktionen weisen sie ein starkes Defizit an Empathie auf. Sie fühlen sich ihren Mitmenschen überlegen und gleichzeitig von ihnen bedroht.

Dadurch setzen sie sich selbst unter ständigen Stress, der zu Folgeerkrankungen wie einem Burnout-Syndrom, Ängsten oder Depressionen führen kann. Wenig verwunderlich liegt die Suizidrate daher bei einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit 14 Prozent deutlich über der Norm. Geraten Narzissten unter Druck, neigen sie zum Lügen oder Vertuschen, um ihr fragiles Selbst- und Fremdbild aufrechtzuerhalten. Oft entsteht dadurch eine Eskalation, sprich ein Teufelskreis, in welchen sie sich selbst immer weiter hineinmanövrieren. Zu Beginn schaffen sie es aber oft noch, sich positiv zu präsentieren und wirken auf ihre Mitmenschen meist mitreißend, faszinierend sowie charmant.

Psychopathische Persönlichkeitsstörung

Ähnlich verhält es sich bei der psychopathischen Persönlichkeitsstörung, welche gepaart mit dem Narzissmus auftreten kann, aber auch alleine. Sie wird ebenfalls als Psychopathie oder antisoziale Persönlichkeitsstörung bezeichnet und nimmt in vielen Fällen noch drastischere Ausmaße an als eine narzisstische Störung. Die Psychopathie zeichnet sich durch ein hohes Maß an Manipulation aus, wobei die Täter keine Reue und kein Mitgefühl empfinden. Sie agieren zudem mit hohem Risiko, wobei sie ein geringes Verantwortungsgefühl besitzen. Aus diesem Grund neigen sie – mehr noch als Narzissten, um ihr Selbst- sowie Fremdbild zu wahren – zu Straftaten, um ihre Ziele zu erreichen. Auch hierbei handelt es sich im Regelfall um äußere Faktoren wie Macht, Ruhm oder Geld.

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Die Psychopathie gilt somit als Extemform der dissozialen Persönlichkeitsstörung mit erheblichen emotionalen Beeinträchtigungen. Die Betroffenen scheuen sich beispielsweise nicht, Aggressivität oder Gewalt für ihre Zielerreichung anzuwenden, wenn diese notwendig sind, um die Kontrolle über andere Menschen zu erlangen oder zu behalten. Auf den ersten Blick sind Menschen mit psychopathischer Persönlichkeitsstörung oft nicht zu erkennen, da sie sich wie die Narzissten als charmante und „normale“ Personen präsentieren. Sie schaffen es also nicht nur, sich unauffällig in die Gesellschaft einzufügen, sondern sind sogar oft äußerst beliebt. Ihren Charme setzen sie aber rein zu Manipulationszwecken ein und können dabei auch die eigentlich nicht vorhandene Empathie glaubwürdig vorspielen.

Erfolgsfaktoren für Manager

In der Gesamtbevölkerung weisen etwa zwei Prozent der Menschen eine solche psychopathische Störung auf. In den Führungsetagen von Unternehmen sollen es hingegen sechs bis zehn Prozent sein, so das Ergebnis der Untersuchungen. Bei den Narzissten sind es im Durchschnitt rund vier Prozent, aber auch hier liegen die Zahlen in Machtpositionen etwa drei- bis viermal höher. Tatsächlich scheinen genau diese Besonderheiten der Menschen mit Narzissmus oder Psychopathie also Erfolgsfaktoren zu sein, die in der Arbeitswelt für eine besonders steile Karriere sorgen. Viele Betroffene gründen auch eigene Unternehmen oder versuchen, in die höchste aller Machtpositionen bei einem bestehenden Unternehmen aufzusteigen. Diese Erfolgsfaktoren sind also

  • Disziplin,
  • Zielstrebigkeit,
  • Risikobereitschaft,
  • Selbstdarstellung sowie
  • die rücksichtslose Durchsetzung der eigenen Ziele.

Vor allem ihre Risikobereitschaft wird den Menschen mit entsprechenden Persönlichkeitsstörungen aber im Regelfall früher oder später zum Verhängnis. Sobald sie sich also mit Charme und Skrupellosigkeit an die Spitze gekämpft haben, nutzen sie diese Machtposition aus und überschreiten dabei Grenzen – unter anderem jene der Legalität. Straftaten wie eine Steuerhinterziehung, beispielsweise getarnt als verdeckte Gewinnausschüttung, oder auch Korruption sowie Erpressung sind keine Seltenheit, bleiben aber nur selten unerkannt und führen deshalb früher oder später zum Verlust der Machtposition. Die Betroffenen landen also vielleicht im Gefängnis, werden entlassen oder nehmen sich das Leben, sobald ihre Machenschaften auffliegen und damit ihr fragiles Selbstbild keinen Bestand mehr hat.

Folgeprobleme für Unternehmen

Die Besonderheiten der psychopathischen oder narzisstischen Persönlichkeitsstörung bringen aber nicht nur Risiken für die Person selbst mit, sondern ebenso für das Unternehmen, in welchem sie eine entsprechende Machtposition erlangt. Denn die Verbrechen können auch für den Betrieb im Gesamten existenzgefährdend werden. Zudem sind Auswirkungen wie ein Imageschaden, eine schlechte Arbeitsatmosphäre oder eine hohe Mitarbeiterfluktuation denkbar. Denn obwohl diese Persönlichkeiten auf den ersten Blick oft charmant wirken und beliebt sind, kehren sich ihre sozialen Beziehungen meist schnell ins Gegenteil um. Narzisstische beziehungsweise psychopathische Führungskräfte haben also, wenig überraschend, meistens ein negatives Verhältnis zu ihren Angestellten.

Dass sie dennoch oft in solch hohe Machtpositionen aufsteigen, liegt daran, dass Narzissten sowie Menschen mit psychopathischen Zügen sozusagen „Allianzen“ bilden. Dabei scheint es sich um eine unbewusste Auswahl gemäß dem Motto „Gleich und Gleich gesellt sich gern“ zu handeln, woran die Spiegelneuronen im Gehirn schuld sind. Die Betroffenen sympathisieren also miteinander und somit helfen jene, welche es bereits in Machtpositionen geschafft haben, ihren Mitstreitern aktiv beim hierarchischen Aufstieg. Vor allem bei Narzissten sind diese Verhaltensweisen sehr ausgeprägt. Bei psychopathischen Persönlichkeiten hingegen nicht. Woran das liegt, konnten die Wissenschaftler zum jetzigen Zeitpunkt nicht mit Sicherheit erklären, doch sie vermuten die Hintergründe im Mangel an Empathie sowie dem antisozialen Verhalten, welches solche Menschen im Allgemeinen aufweisen.

Am häufigsten betroffene Branchen

Fakt ist also, dass tatsächlich viele Manager über eine narzisstische oder psychopathische Persönlichkeitsstörung verfügen – manchmal sogar eine Kombination beider Störbilder. Dennoch trifft diese Aussage auf einige Branchen mehr zu und auf andere weniger. Menschen mit einem entsprechenden Profil scheinen sich also von gewissen Berufen besonders angezogen zu fühlen, sodass es dort zu einer überproportionalen Häufung kommt. Dazu gehören:

  • CEOs im Allgemeinen, sei es durch die Gründung eines eigenen Unternehmens oder die Erlangung dieser Position aus dem Angestelltendasein heraus.
  • Anwälte, vor allem in Kanzleien sowie Rechtsbereichen, die viel Macht oder Geld versprechen.
  • Medienschaffende, beispielsweise im Fernsehen oder Radio, vor allem in „sichtbaren“ Positionen. Interessant ist jedoch, dass zwar viele Berühmtheiten narzisstische Züge aufweisen, hier allerdings die Schattenseite der Persönlichkeitsstörung kaum zum Tragen kommt.
  • Auch bei den Verkäufern lässt sich ein hoher Anteil an Narzissten oder psychopathisch veranlagten Persönlichkeiten ausmachen – obwohl es sich um einen Beruf mit geringen Karrierechancen handelt. Das rührt vermutlich aus der Besonderheit, als Verkäufer im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und ein Gefühl von Macht zu besitzen.
  • Chirurgen sind ebenfalls nicht selten narzisstisch oder psychopathisch veranlagt, was sich durch das hohe Ansehen von Chirurgen in der Gesellschaft erklären lässt.

Weitere beliebte Berufe solcher Personen sind Journalist, Polizist, Geistlicher, Koch oder Beamter. Die niedrigsten Werte an narzisstischen oder psychopathischen Störungen weisen hingegen soziale Berufe, aber auch Handwerker, Kosmetiker sowie Kulturschaffende und Buchhalter auf. Interessant ist zudem, dass auch hier die Ärzte aufgeführt werden. Die Chirurgen scheinen also tatsächlich einen Sonderfall ihrer Berufsgruppe darzustellen.

04.12.2019

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