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Gesellschaft+Psychologie Nachgefragt

Wann lernen Kinder, die Gedanken anderer einzuschätzen?

Im Grundschulalter bauen Kinder ihre sozial-kognitiven Fähigkeiten entscheidend aus. (Bild: EmirMemedovski/iStock)

Weiß mein Gegenüber, was ich weiß? Was glaubt der andere, was ich denke? Schon im Vorschulalter entwickeln Kinder eine grundlegende Theory of Mind, also die Fähigkeit, mentale Zustände anderer Menschen einzuschätzen. Wie sich diese Fähigkeiten im Grundschulalter weiterentwickeln, zeigt nun eine fünfjährige Langzeitstudie. Für komplexe soziale Herausforderungen – etwa Sarkasmus zu verstehen, Gefühle an den Augen ablesen zu können und einen Fauxpas zu erkennen – spielen demnach sowohl Intelligenz als auch Erfahrung eine Rolle.

Ein Erwachsener legt vor den Augen eines Kindes ein Spielzeug in eine Kiste und verlässt dann den Raum. In seiner Abwesenheit versteckt ein anderer das Spielzeug stattdessen im Schrank. Wo wird der Erwachsene nach seiner Rückkehr zuerst suchen? Aufgaben wie diese können schon viele Dreijährige lösen. Sie erkennen, dass das, was andere wissen, von ihrem eigenen Wissen und von der Realität abweichen kann – die Basis einer Theory of Mind. Komplexere sozial-kognitive Fähigkeiten hingegen entwickeln sich erst im Laufe der Grundschulzeit.

Falsche Überzeugungen und Bluffs erkennen

Wann genau Kinder welche Fähigkeiten erlangen und von welchen Faktoren ihr Verständnis abhängt, haben nun Christopher Osterhaus von der Universität Vechta und Susanne Koerber von der Pädagogischen Hochschule Freiburg in einer Langzeitstudie untersucht. Dazu begleiteten sie 161 Kinder über fünf Jahre hinweg. „Wir haben die Kinder zum ersten Mal im Kindergarten interviewt und haben sie dann bis ans Ende der Grundschulzeit begleitet“, erläutert Osterhaus. „Dabei haben wir jährlich ihre Kompetenzentwicklung gemessen. Auf diese Weise lässt sich sehr genau verfolgen, wann Entwicklungsschritte auftreten und wovon diese abhängen.“

Dabei bekamen die Kinder von den Forschern verschiedene Testaufgaben, in denen sie soziale Situationen einschätzen sollten. So hörten sie zum Beispiel die Geschichte eines gefangenen Soldaten, der von seinen Feinden gefragt wird, wo er seine Waffen versteckt. Er nennt ihnen das tatsächliche Versteck. Die Kinder sollten nun einschätzen, warum er das tut. Rund zwei Drittel der Erstklässler und drei Viertel der Zweitklässler erkannten zutreffend, dass der Soldat darauf spekuliert, dass seine Feinde annehmen, er würde lügen, und seine Waffen deshalb gerade nicht an dem genannten Ort suchen. Von den Kindergartenkindern dagegen zog weniger als jedes Vierte diesen Schluss.

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Absicht oder Versehen?

„Die meisten Kinder erreichen mit etwa sieben Jahren einen Meilenstein in der Entwicklung der Theory of Mind“, erklären Osterhaus und Koerber. In diesem Alter erlangen sie die konzeptuelle Einsicht, dass mentale Zustände sich gegenseitig beeinflussen können und dass Menschen darüber nachdenken, wie andere über ihr Denken denken. Diese Erkenntnis bildet die Grundlage dafür, dass Kinder bestimmte soziale Situationen einordnen können und auf diese Weise weitere Erfahrungen sammeln können, die es ihnen erleichtern, die Gedankengänge anderer zu verstehen.

Für einige weitere Fähigkeiten scheint diese Erfahrung auszureichen. Bei der Geschichte von einem Mädchen, das aus Versehen eine Überraschungsparty ausplaudert, erkannten zum Beispiel fast 90 Prozent der Neunjährigen, dass dies ein Fauxpas und keine Absicht war. „Diese Fähigkeit scheint auf einen relativ simplen Prozess zurückzugehen, bei dem Kinder das, was in ihrem sozialen Umfeld passiert, mehr oder minder automatisch wahrnehmen und bewerten. Und je mehr Erfahrung sie hierin haben, desto besser scheint diese Bewertung zu funktionieren“, sagt Osterhaus. Wann Kinder in der Lage sind, einen Fauxpas zu erkennen, hängt davon ab, in welchem Alter sie den grundlegenden Meilenstein im Verständnis anderer erreicht haben – wie lange sie also bereits Zeit hatten, ihre Theory of Mind mit weiteren Erfahrungen anzureichern.

Intelligenz und Erfahrung entscheiden über Entwicklung

Andere Fähigkeiten scheinen sich hingegen nicht in erster Linie durch ein Mehr an Erfahrung zu entwickeln. So hängt das Verständnis davon, dass zwei Leute dieselbe Information anders interpretieren können, stattdessen mit der Intelligenz der Schüler zusammen: Wer mit sechs Jahren bessere Ergebnisse in einem Intelligenztest der Forscher erzielt hatte, schaffte es mit neun Jahren eher, eine entsprechende Aufgabe zu lösen. Auch die Fähigkeit, Ironie und Sarkasmus zu erkennen oder Gefühle an den Augen abzulesen, war mit der Intelligenz korreliert.

Aus Sicht der Forscher lässt das darauf schließen, dass sich die Kinder explizit kognitiv mit diesen Themen auseinandersetzen müssen. Sie müssen also lernen, die komplexe Funktionsweise unseres Denkens zu verstehen, und zudem eine Theorie darüber entwickeln, nach welchen Mustern komplexe soziale Interaktionen ablaufen.

Aufgabe für Eltern und Lehrkräfte

Osterhaus betont, dass die Ergebnisse auch für Eltern und Lehrkräfte relevant sind. Um die Kinder optimal dabei zu unterstützen, komplexe Gedanken im menschlichen Zusammenspiel zu verstehen, sollten sie mit ihnen entsprechende Situationen durchsprechen und ihnen erklären, was die Beteiligten dabei denken und warum. „Auch sollten wir Kindern die passenden Wörter beibringen“, sagt Osterhaus. „Wenn ein Grundschulkind an der Augenpartie einer Person nicht ablesen kann, dass diese Person durchsetzungsfähig ist, liegt dies wahrscheinlich daran, dass es keinen Begriff von diesem Zustand hat.“

Zusätzlich zur expliziten Förderung sei es wichtig, den Kindern vielfältige soziale Erfahrungen zu ermöglichen. „Durch Corona ist das aktuell nur begrenzt der Fall“, so Osterhaus. „Wir haben festgestellt, dass Kinder bis zum Ende der Grundschulzeit viel Potenzial haben, ihre sozial-kognitiven Fähigkeiten zu entfalten. Die Persönlichkeitsentwicklung ist ein Lernziel von Schulen. Und gerade bei Konflikten ist es wichtig, dass Kinder über die nötigen Tools verfügen, um sich in andere hineinzuversetzen und Konflikte so effektiv zu lösen. Es gibt gute Trainingsprogramme, die man leicht in der Grundschule implementieren könnte. Gerade jetzt im Verlauf der Corona-Pandemie wäre dies vielleicht ein wertvoller Ansatz.“

Quelle: Christopher Osterhaus (Universität Vechta) und Susanne Koerber (Pädagogische Hochschule Freiburg), Child Development, doi: 10.1111/cdev.13627

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