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Gesellschaft+Psychologie

Was bei Risikoentscheidungen im Hirn passiert

Forscher haben Menschen bei Risikoentscheidungen ins Gehirn geblickt. (Credit Jennifer E. Fairman, CMI, FAMI. © 2019, Johns Hopkins University, AAM. )

Soll ich es wagen, oder besser nicht? Forscher haben Einblick in die neuronalen Vorgänge bei riskanten Entscheidungen gewonnen. Über die Neigung zu Risikofreude oder Vorsicht entscheidet demnach die jeweilige Dominanz von Aktivitäten in einer der beiden Hirnhälften: Rechts sitzt offenbar die Risikofreude, links die Vorsicht. Welche Seite dominiert, hängt dabei mit den zuvor gemachten Erfolgs- oder Misserfolgserfahrungen zusammen, berichten die Forscher.

Wir alle kennen entsprechende Situationen: Wir müssen uns manchmal entscheiden, ein Risiko einzugehen oder nicht, beziehungsweise zwischen zwei Optionen wählen, die mit unterschiedlichen Erfolgsaussichten verknüpft sind. In diesem Zusammenhang ist bekannt, dass manche Menschen sich auch dann für Wagnisse entscheiden, wenn die Chancen gegen sie stehen. Den umgekehrten Fall gibt es natürlich auch: Das Risiko wird gemieden, obwohl es gute Erfolgsaussichten gibt. Aus psychologischer Sicht ist bereits einiges über die Hintergründe der jeweiligen Verhaltensweisen bekannt. Doch welche neuronalen Vorgänge sind mit den Risikoentscheidungen verknüpft? Dieser Frage haben sich nun die Forscher um Pierre Sacré von der Johns Hopkins University in Baltimore gewidmet.

Epilepsie-Patienten spielen Karten für die Forschung

Für ihre Studie bekamen die Forscher Unterstützung von speziellen Freiwilligen: Epilepsie-Patienten, denen temporär Elektroden zur Behandlung von Anfällen ins Gehirn eingesetzt worden waren. Die Elektroden zeichnen aber auch Spannungssignale der umliegenden Neuronen auf und können somit ein besonders genaues Abbild der Hirnaktivität der Patienten liefern. Dies ermöglichte das Experiment der Forscher: Sie konnten den Probanden gleichsam ins Gehirn blicken, als diese gegen einen Computer um reales Geld Karten spielten.

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Das Spielprinzip: Der Computer besaß einen Stapel, der ausschließlich aus Karten der Werte 2, 4, 6, 8 und 10 im gleichen Verhältnis bestand. Den Teilnehmern wurden zwei Karten präsentiert – eine offen und die andere verdeckt. Die verdeckte Karte war dabei die des Spielers und die verdeckte Karte die des Computers. Die Teilnehmer wurden gebeten, entweder niedrig (5 US-Dollar) oder hoch (20 US-Dollar) darauf zu setzen, dass ihre Karte einen höheren Wert hatte als die verdeckte des Computers.

Wie zu erwarten war, fiel den Teilnehmern die Entscheidung bei vergleichsweise hohen oder niedrigen Kartenwerten leicht: Bei einer 2, 4, 8 oder 10 setzen die Teilnehmer schnell und instinktiv ihren Einsatz. Weniger leicht fiel ihnen die Entscheidung erwartungsgemäß, wenn sie den Wert 6 gezogen hatten. Dabei stellten die Forscher zunächst fest, dass die jeweilige Entscheidung davon abhing, ob die Teilnehmer zuvor Glück gehabt hatten oder nicht: Eine vorhergehende Glückssträhne führte zu mehr Risikofreude, obwohl letztlich die Chancen auf Gewinn oder Verlust immer gleich blieben.

Linke versus rechte Gehirnhälfte

Durch die neuronalen Untersuchungen konnten die Forscher anschließend zeigen, dass die positiven oder negativen Entscheidungen mit hochfrequenten Gamma-Gehirnwellen in bestimmten Strukturen der rechten beziehungsweise linken Gehirnhälfte verknüpft waren. „Wenn die rechte Gehirnhälfte hochfrequent aktiv ist, entsteht eine Neigung zur Risikobereitschaft. Zeigt hingegen die linke Seite entsprechende Aktivität, bildet sich eine Abneigung gegen das Wagnis heraus“, resümiert Sacré.

Dieses neuronale Verhalten war wiederum verknüpft mit den vorhergehenden Erfahrungen der Teilnehmer, erklären die Forscher. „Es zeichnete sich ab, dass die Spieler bei ihrer jeweiligen Entscheidung alle vergangenen Kartenwerte und alle vergangenen Ergebnisse zusammenfassen – allerdings mit einem Verblassungs-Effekt“, sagt Co-Autor Sridevi Sarma von der Johns Hopkins University. „Das bedeutet: Was kürzlich passiert ist, prägt eine Person mehr als ältere Ereignisse. So waren wir auch in der Lage, basierend auf dem vorhergehenden Verlauf des Glücksspiels vorherzusagen, wie sich eine Person beim aktuellen Spielen fühlt und verhält.“

Den Forschern zufolge könnten ihre Ergebnisse nun auch in die Entwicklung von Strategien einfließen, um Menschen in ihrer Fähigkeit zur Entscheidungsfindung zu trainieren. Konkret: Die Erkenntnisse könnten beispielsweise dabei helfen, das Entscheidungsverhalten von Soldaten in gefährlichen Situationen zu verbessern, sagen die Forscher.

Quelle: Johns Hopkins University, PNAS, doi: 10.1073/pnas.181125911

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