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Gesellschaft+Psychologie

Was einen guten Popsong ausmacht

Musikhören
Welche Rolle spielen unsere Erwartungen für das musikalische Vergnügen? (Bild: MPI CBS)

Menschen mögen Musik mit überraschenden Elementen. Entscheidend für das musikalische Vergnügen ist dabei jedoch auch eine gewisse Erwartbarkeit. So enthüllen Experimente: Nur wenn Zuhörer relativ gut einschätzen können, welcher Akkord wahrscheinlich als nächstes kommt, empfinden sie einen Überraschungseffekt als angenehm. Sind sie dagegen unsicher bei ihrer Vorhersage, kommen weniger überraschende Akkorde besser an. Die Faktoren Unsicherheit und Überraschung spielen für den Erfolg von Popsongs demnach eine wesentliche Rolle, wie die Forscher berichten.

Musik kann eine starke emotionale Wirkung entfalten: Ihr Klang bringt uns zum Weinen, beschert uns eine Gänsehaut oder löst regelrechte Hochgefühle aus. Wie bestimmte Musikstücke auf einen Menschen wirken, ist individuell zwar ganz unterschiedlich. Trotzdem gibt es Lieder, die verlässlich den Geschmack der Masse treffen. Was ist das Geheimnis erfolgreicher Popsongs wie „Country Roads“ von James Taylor oder „Ob-La-Di, Ob-La-Da“ von den Beatles? Studien deuten darauf hin, dass Freude an einem Musikstück unter anderem dann entsteht, wenn das Gehörte gewisse Überraschungsmomente bereithält. Demnach macht eine schöne Klangfolge, die unerwartet kommt, glücklicher als harmonische Töne, mit denen zu rechnen war.

Um mehr über die Rolle der Erwartungen des Hörers für das musikalische Vergnügen herauszufinden, haben Vincent Cheung vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig nun den Test mit 80.000 Akkorden aus 745 US-Billboard-Popsongs gemacht. Für ihr Experiment befreiten sie die Lieder von Elementen wie Text und Melodie und behielten nur die Akkordfolgen bei – so wollten sie verhindern, dass ihre Probanden die Chart-Hits erkannten und die Musik bei ihnen Assoziationen weckte. Außerdem ließen sie einen lernfähigen Algorithmus berechnen, wie erwartbar und überraschend einzelne Akkorde im Kontext der Akkordfolgen waren. Im Test hörten die Studienteilnehmer dann aus den Popsongs ausgewählte Akkordfolgen und bewerteten dabei die einzelnen Akkorde. Welche würden sie als besonders angenehm empfinden?

Die Rolle von Unsicherheit und Überraschung

Die Ergebnisse enthüllten: Wenn die Zuhörer relativ sicher sein konnten, welche Akkorde als nächstes zu erwarten waren, empfanden sie es als angenehmer, wenn sie stattdessen mit einem unerwarteten Akkord überrascht wurden – ihre Erwartungen also verletzt wurden. Dies war zum Beispiel am Ende einer zusammenhängenden Akkordfolge der Fall. Denn dann kannten die Probanden den harmonischen Kontext bereits gut. Waren die Probanden unsicher, was sie als nächstes erwartete, etwa weil die bisher gehörte Akkordfolge nicht ihrer musikalischen Erfahrung entsprach, zeigte sich dagegen ein anderes Bild: Dann bewerteten die Zuhörer Akkorde umso besser, je weniger überraschend sie waren.

Bei ihren Auswertungen wiesen Cheung und seine Kollegen nach, dass sich anhand der Faktoren Unsicherheit und Überraschung die Bewertung eines Akkords tatsächlich erstaunlich verlässlich vorhersagen ließ. „Songs, die wir als angenehm empfinden, sind wahrscheinlich diejenigen, die eine gute Balance erreichen zwischen unserem Wissen, was als nächstes passieren wird, und der Überraschung mit etwas, das wir nicht erwartet haben“, sagt Cheung. „Es ist faszinierend, dass bei Menschen Freude an einem Musikstück entsteht, nur durch die Art und Weise, wie die Akkorde in der Musik über die Zeitdauer hinweg angeordnet werden.“

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Nützliche Erkenntnis für Komponisten

Wie die Wissenschaftler berichten, zeigte sich das Vergnügen beim Musikhören auch im Gehirn der Studienteilnehmer: Vor allem die Amygdala, der Hippocampus und der auditorische Kortex wurden demnach dabei aktiv. Diese Regionen spielen für Emotionen, Lernen und Gedächtnis und für die Verarbeitung von Klang eine Rolle. Im Nucleus accumbens, einem Teil des Belohnungszentrums, spiegelte sich das musikalische Vergnügen dagegen überraschenderweise nicht wider. Dort zeigte sich nur die Unsicherheit der Zuhörer. In Zukunft wollen Cheung und seine Kollegen mehr darüber herausfinden, wie Musik das Genusssystem im Gehirn aktiviert. „Dies könnte erklären, warum wir uns oft durch das Hören von Musik besser fühlen, auch wenn wir gerade melancholisch sind“, sagt der Neurowissenschaftler.

Klar scheint jedoch schon jetzt: Unsere Erwartungen spielen eine wesentliche Rolle für das Musikerleben. „Unsere menschliche grundlegende Fähigkeit zur Vorhersage ist ein wichtiger Mechanismus, durch den abstrakte Klangsequenzen eine affektive Bedeutung erlangen und sich in ein universelles kulturelles Phänomen verwandeln, das wir Musik nennen“, so das Fazit der Forscher. Ihrer Ansicht nach könnte diese Erkenntnis künftig Komponisten beim Schreiben von Musik helfen oder für die Vorhersage musikalischer Trends eingesetzt werden. Auch Algorithmen, die Musik komponieren, generieren wahrscheinlich bessere Ergebnisse, wenn sie den kombinierten Einfluss von Unsicherheit und Überraschung stärker berücksichtigen.

Quelle: Vincent Cheung (Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften, Leipzig), Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2019.09.067

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