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Werkzeuggebrauch bei Seevögeln entdeckt

Das Markenzeichen der Papageientaucher ist ihr bunter Schnabel (Bild: ps50ace/istock)

Sie setzten Stock oder Stein gezielt für ihre Zwecke ein: Nur von wenigen Tierarten ist bisher Werkzeuggebrauch bekannt. Diese Gemeinde der tierischen Tüftler hat nun einen überraschend wirkenden Neuzugang erhalten: Forscher haben dokumentiert, wie Papageientaucher Stöckchen im Schnabel zur Körperpflege einsetzen. Dies legt nahe, dass Seevögel möglicherweise komplexere kognitive Fähigkeiten besitzen als bisher angenommen, sagen die Biologen.

Der Mensch hat das Konzept auf die Spitze getrieben, doch auch in der Tierwelt gibt es raffinierte Werkzeugnutzer. Besonders ausgefeilt ist das Verhalten bei unseren nächsten Verwandten – den Menschenaffen. Sie besorgen sich verschiedene Genstände aus ihrer Umwelt, passen sie teilweise sogar an und nutzen sie dann für unterschiedliche Zwecke wie etwa zum Nüsseknacken oder Termitenangeln. Auch von Elefanten ist der Einsatz von Werkzeugen bekannt und die Vogelwelt hat ebenfalls einige erstaunlich clevere Tüftler zu bieten.

Cleverere Seevögel: Papageientaucher

Vor allem die als besonders intelligent geltenden Vertreter der Rabenvögel und der Papageienvögel sind dafür bekannt, teils in komplexer Weise Werkzeuge einzusetzen. Meist steht dabei die Nahrungsbeschaffung im Fokus. Doch auch Körperpflege durch Werkzeuge wurde schon beobachtet: Neben Affen und Elefanten kratzen sich manchmal auch Papageien mit Stöckchen an schwer erreichbaren Körperstellen. Genau diese Verhaltensweise zeigt offenbar auch ein Vogel, der zwar „Papagei“ im Namen trägt, aber mit diesen Vögeln eigentlich nichts zu tun hat: Der Papageientaucher (Fratercula arctica) ist ein Vertreter der Seevögel. Dabei handelt es sich um eine Gruppe, die bisher nicht gerade für hohe kognitive Leistungen bekannt war.

Das charakteristische Merkmal der Papageientaucher ist der bunte Schnabel in dem sie oft gesammelte Fische aufgereiht herumtragen. Die etwa taubengroßen Vögel brüten in Erdhöhlen an einigen Küsten im nördlichen Atlantik sowie im westlichen Nordpolarmeer. Wie die Forscher um Annette Fayeta von der University of Oxford berichten, gelangen ihnen die Beobachtungen des Werkzeuggebrauchs dieser Vögel an zwei weit voneinander entfernten Orten: in einer Brutkolonie an der Küste von Wales und im über 1700 Kilometer entfernten Island.

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Ein Stöckchen zum Kratzen

In Wales beobachteten die Wissenschaftler einen Papageientaucher im Wasser, wie er einen Holzstab im Schnabel hielt und sich damit den Rücken etwa fünf Sekunden lang kratzte. Offenbar hatte er das Werkzeug zuvor an Land aufgesammelt und zu seinem Rastplatz auf der Wasseroberfläche mitgenommen. In Island konnten die Forscher das Verhalten dann sogar mithilfe einer Kamerafalle auf Video bannen: Zu sehen ist ein Papageientaucher, der einen Holzstab vom Boden aufhebt und sich damit an der Brust kratzt. Das Video brach leider kurz nach dem Kratzen ab. Bei anschließenden Aufnahmen lag das Stöckchen dann allerdings am Boden. Offenbar hat es der Vogel nach dem Gebrauch fallen lassen. Die Forscher sehen darin einen Hinweis darauf, dass es sich nicht um ein Verhalten im Rahmen der Beschaffung von Nistmaterial handelt.

Doch warum kratzen sich die Vögel so intensiv und sogar mithilfe von Werkzeugen? Den Forschern zufolge sind die Kolonien der Papageientaucher oft stark von Zecken befallen. Vermutlich versuchen die Vögel durch ihr Verhalten, die Parasiten aus ihrem Federkleid zu entfernen oder sich Erleichterung vom Juckreiz zu verschaffen. Möglicherweise ist ihr speziell geformter Schnabel dazu nicht gut geeignet, erklären die Wissenschaftler.
Bisher bleibt allerdings unklar, wie die Vögel das Verhalten entwickeln. Möglicherweise lernen sie es durch Beobachtungen anderer. Es könnte sich aber auch um ein instinktives Verhalten handeln. Diesen Fragen wollen die Forscher nun durch weitere Untersuchungen nachgehen.

„Zusammenfassend zeigt unsere Entdeckung, wie wichtig es ist, die Diskussion über die Entwicklung des Werkgebrauchs bei Tieren auf einen breiteren Rahmen auszudehnen“, schreiben die Forscher. „Wir ermutigen andere, nun auch Tierarten einzubeziehen, die traditionell nicht als gute Kandidaten für die Verwendung von Werkzeugen gelten. In unserem Fall rechtfertigen die Erkenntnisse nun weitere Studien zu den kognitiven Fähigkeiten der Seevögel – ein Thema, das bisher vernachlässigt wurde, aber offensichtlich Potenzial bietet“, so die Wissenschaftler.

Quelle: Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1918060117

Video: Ein Papageientaucher holt sich ein Stöckchen und kratzt sich damit an der Brust. (Movie courtesy of Annette L. Fayet)

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