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Gesellschaft+Psychologie

Wie Sprachen aus dem Nichts entstehen

Kinder können offenbar schnell eine Art Zeichensprache entwickeln. (Bild: wckiw/istock)

Es gibt etwa 6000 Sprachen auf der Welt – doch was bildete die Grundlage dieser Entwicklung? Wie reagieren Menschen, wenn sie spontan ein Kommunikationssystem ohne Vorbilder eigenständig entwickeln sollen? Aus einer experimentellen Studie geht nun hervor, dass der Mensch dazu offenbar ausgesprochen begabt ist: Schon Vorschulkinder können spontan Kommunikationssysteme durch Gesten entwickeln, die Kerneigenschaften von natürlichen Sprachen aufweisen.

Sprachen sind in der Regel keine Neuschöpfungen – wir erlernen sie von unseren Mitmenschen und sie haben meist Jahrtausende alte Wurzeln. Dadurch lässt sich schwer erkennen, was die ursprünglichen Grundlagen dieser Entwicklung waren. Doch es gibt interessante Ausnahmen: Frühere Studien haben dokumentiert, dass Gruppen aus gehörlosen Menschen innerhalb von kurzer Zeit eine eigene Gebärdensprache entwickeln können. Das wohl berühmteste Beispiel ist dabei die nicaraguanische Gebärdensprache, die in den 1980er Jahren neu entstanden ist. Interessanterweise zeichnete sich bei dieser Neuentwicklung ab: Besonders Kinder schienen sie voranzutreiben. Die Details des Ablaufs bei dieser Sprachentstehung blieben aber unklar. „Wir wissen relativ wenig darüber, wie aus sozialer Interaktion Sprache wird. An diesem Punkt setzt unsere neue Studie an“, sagt Manuel Bohn von der Universität Leipzig.

Im Rahmen ihrer Studie haben er und seine Kollegen versucht, den Entwicklungsprozess einer neuen Gehörlosensprache nachzustellen. Der Fokus richtete sich dabei auf Kinder. Die Herausforderung war es, Paare von 198 Kindern im Alter von drei bis acht Jahren zu einer Kommunikation anzuregen, ohne dass sie miteinander sprechen konnten. Die Lösung war eine Art Spiel: Die jungen Probanden befanden sich in zwei unterschiedlichen Räumen, die durch eine Skype-Verbindung verknüpft waren. Auf einem Monitor konnten sich die Kinder dadurch sehen und zunächst auch hören. Später schalteten die Forscher den Ton dann ab, um zu beobachten, wie die Kinder neue Wege finden, miteinander rein visuell zu kommunizieren.

Ein Code entsteht

Die Aufgabe der Probanden war es dabei, dem Partner den Inhalt eines Bildes zu vermitteln. Mal besaß der eine, mal der andere die Erklärer-Rolle. Bei konkreten Dingen wie einem Hammer oder einer Gabel fanden die Kinder schnell eine Lösung, indem sie die dazugehörige Handlung – wie etwa essen – durch Gesten nachahmten. Es zeichnete sich dabei ab, dass die Kinder die zuvor beim Partner gesehenen Gesten übernahmen – es stellte sich eine Art Konvention über die Bedeutung bestimmter Gebärden ein.

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Im Laufe der Studie stellten die Forscher die Kinder jedoch immer wieder vor neue Herausforderungen. Zum Beispiel führten sie als abstraktes Element ein weißes Blatt Papier als Bild ein. Das dargestellte „Nichts“ lässt sich natürlich schwer darstellen. Doch auch für dieses Problem fanden einige Probanden offenbar Lösungen: „Eine Erklärerin versuchte beispielsweise zunächst allerhand verschiedene Gesten, aber ihre Partnerin gab ihr zu verstehen, dass sie nicht verstand, was gemeint war. Plötzlich zog sie dann ihr T-Shirt zur Seite und zeigte auf einen weißen Punkt auf ihrem farbigen T-Shirt. Da hatten die beiden einen echten Durchbruch: Natürlich! Weiß! Wie das weiße Papier!“, berichtet Co-Autor Gregor Kachel. Als die Rollen getauscht wurden, hatte die vorherige Empfängerin zwar keinen weißen Fleck auf dem T-Shirt, dennoch wählte sie aber die gleiche Herangehensweise, sagt der Forscher: Sie zog ihr T-Shirt zur Seite und zeigte darauf. Sofort wusste ihre Partnerin wieder, was gemeint war. Die beiden hatten somit in kurzer Zeit ein losgelöstes Zeichen für die Darstellung eines abstrakten Sachverhalts etabliert.

Im Laufe der Studie wurden die darzustellenden Sachverhalte schließlich noch komplexer. Dabei zeichnete sich ab, dass die Kinder sogar eine Art interne Grammatik bei ihrer neu entwickelten Gebärdenkommunikation hervorbrachten. Um beispielsweise eine Interaktion zwischen zwei Tieren dazustellen, etablierten sie separate Gesten für die Akteure und die Handlungen und kombinierten die Teile dann in logischer Weise miteinander.

Erstaunlich schnell entsteht ein Kommunikationssystem

Wie die Forscher resümieren, zeichnen sich nun folgende Schritte bei der Entwicklung der neuen Kommunikationssysteme ab: Zunächst werden Personen, Handlungen oder Gegenstände durch Zeichen dargestellt, die den Objekten oder Abläufen ähneln. Dabei ahmen die Gesprächspartner auch einander nach, sodass sie die gleichen Zeichen für die gleichen Dinge verwenden. So erhalten die Gesten eine Bedeutung. Im Laufe der Zeit werden die Beziehungen zwischen den Zeichen und den Dingen dann immer abstrakter und die Bedeutungen der einzelnen Gebärden spezieller. Wenn dann auch komplexere Sachverhalte kommuniziert werden müssen, werden zudem grammatikalische Elemente nach und nach eingeführt.

Bemerkenswerterweise kann man diese Prozesse schon innerhalb von 30 Minuten beobachten, sagen die Wissenschaftler. Wenn gerade keine Möglichkeit besteht, Sprache einzusetzen, finden Menschen demnach erstaunlich schnell andere Möglichkeiten der Kommunikation. Obwohl es sich in diesem Fall um Zeichensprache handelte, gehen die Forscher davon aus, dass ähnliche Mechanismen auch die Grundlage der Entwicklung gesprochener Sprachen bildeten.

Wie sie ankündigen, wollen sie nun am Ball bleiben, denn es gibt noch weitere interessante Fragen zu klären: „Es wäre sehr aufschlussreich zu sehen, wie sich die neu erfundenen Kommunikationssysteme im Laufe der Zeit und durch Weitergabe an neue „Generationen“ verändern. Es gibt Hinweise, dass Sprache über die Zeit systematischer wird, es wäre sehr interessant, das in diesem Kontext zu überprüfen“, sagt Bohn.

Quelle: Iniversität Leipzig, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.1904871116

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