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Gesellschaft+Psychologie

Wie übersetzbar sind Gefühle?

Kolexifizierung
Im austronesischen Kolexifizierungsnetzwerk ist Liebe eng mit Mitleid verknüpft, in unserer Sprachfamilie eher mit positiven Emotionen. (Bild: T. H. Henry)

Ob Liebe, Angst oder Trauer: In fast allen Sprachen gibt es Begriffe für diese grundlegenden Gefühle. Aber meinen Menschen wirklich das Gleiche, wenn sie von „Love“, „Liebe“ „Sevgi“ oder „Szerelem“ sprechen? Das haben nun Forscher durch eine vergleichende Untersuchung solcher Emotionswörter in 2474 Sprachen untersucht. Sie ergab, dass sich Menschen kultur- und sprachübergreifend meist darüber einig sind, ob ein Gefühl positiv oder negativ ist. Doch in den Feinheiten der Assoziation gibt es durchaus entscheidende Unterschiede. So ist Überraschung in einigen Sprachen eher mit Freude, in anderen aber mit Angst verknüpft. Nach Ansicht der Wissenschaftler deutet dies darauf hin, dass kulturelle Prägung die Einordnung selbst grundlegender Emotionen beeinflussen kann.

Schon Charles Darwin vermutete, dass Gefühle sehr alte evolutionäre Wurzeln haben und dass es eine Reihe von Grundemotionen gibt. Diese sind möglicherweise sogar schon im Tierreich vorhanden und werden auch von allen Menschen geteilt und ähnlich empfunden. Tatsächlich gibt es in nahezu allen Sprachen eine reiche Palette von Begriffen, die Gefühle beschreiben. Eine umstrittene Frage aber ist, inwieweit die mit diesen Emotionswörtern verknüpften Gefühle und Assoziationen zwischen den Kulturen und Sprachen übereinstimmen. „Ist das hinter ‚Liebe‘ stehende Konzept im Englischen das gleiche wie im Türkischen oder Ungarischen?“, fragen Joshua Jackson von der University of North Carolina in Chapel Hill und seine Kollegen.

Viele Gemeinsamkeiten….

Um das herauszufinden, haben die Forscher eine Methode der vergleichenden Sprachwissenschaft eingesetzt, um die Bedeutung von Emotionskonzepten in 2474 Sprachen aus 20 Sprachfamilien zu untersuchen. Dafür suchten sie mithilfe eines speziellen Programms nach sogenannten Kolexifikationen. Bei diesen handelt es sich um Fälle, in denen ein Wort in einer Sprache mehrere Bedeutungen besitzt. So steht das Wort „ruka“ im Russischen je nach Kontext für Hand oder Arm, das Wort „aenduh“ bezeichnet im Persischen sowohl Trauer als auch Reue. Jackson und sein Team haben nun untersucht, ob sich diese Doppelbedeutungen für 24 Emotionswörter in den verschiedenen Sprachen unterscheiden. Zudem analysierten sie, ob diese Wörter jeweils positiv oder negativ bewertet waren und ob sie mit eher starker Erregung verknüpft waren oder ein eher laues Gefühl charakterisierten.

Die Auswertung ergab: In den Grundeinstufungen der Gefühle scheinen sich Sprachen und Kulturen weitgehend einig: Fast überall sind Ausdrücke wie „Liebe“, „Freude“ und „Glück“ positiv besetzt, „Trauer“ und „Angst“ dagegen negativ. „Ich war überrascht, wie universell Sprachen angenehme von unangenehmen Gefühlen unterscheiden“, sagt Jackson. Auch die Valenz, der Grad der Erregung, der einer Emotion und dem entsprechenden Wort zugeschrieben wird, ist häufig gleich: Wut hat beispielsweise mehr „Dampf“ dahinter als „Trauer“. „Die Fähigkeit von Valenz und Aktivierung, die Struktur in der Emotionssemantik über Sprachfamilien hinweg vorherzusagen, legt nahe, dass dies gemeinsame psycho-physiologische Dimensionen sind, die von allen Menschen geteilt werden“, sagt Jacksons Kollegin Kristen Lindquist.

…aber auch auffallende Unterschiede

Allerdings gibt es auch auf dieser grundsätzlichen Ebene einige wenige Ausnahmen, wie die Forscher herausfanden: Demnach ist das Konzept der Überraschung in einigen südostasiatischen Sprachen mit dem positiv besetzten „Wollen“ und „Hoffnung“ verbunden, in den austronesischen Sprache dagegen steht es in enger Verbindung mit der Emotion Angst. „Da eine Sprachfamilie negative und eine andere positive Assoziationen mit dem Wort hat, können Sie sich vorstellen, wie Sprecher dieser verschiedenen Sprachen reagieren könnten, wenn Personen hinter Möbeln oder aus einem dunklen Raum hervorspringen und ‚Überraschung‘ rufen“, so Jackson.

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Noch häufiger aber fanden die Wissenschaftler subtilere Unterschiede zwischen den Bedeutungen der Emotionswörter. So ist beispielsweise der Begriff „Trauer“ im Persischen auch mit dem Gefühl der Reue verknüpft, in dem in Dagestan gesprochenen Dargwa steht das für Trauer verwendete Wort „darg“ dagegen auch für Angst. Ähnliche Unterschiede gibt es für Begriffe, die in verschiedenen Sprachen für Angst stehen: Im Indoeuropäischen Sprachraum ist Angst enger mit Ärger und Wut verknüpft, in den austroasiatischen Sprachen dagegen mit Trauer und Reue. Wie die Studie ergab, sind solche Unterschiede zwischen größeren Sprachfamilien dabei häufiger als zwischen geografisch nahen und enger verwandten Sprach- und Kulturräumen. Nach Ansicht von Jackson und seinem Team könnte dies darauf hindeuten, dass diese subtilen Bedeutungsvarianten im Laufe der Zeit durch kulturelle Einflüsse und die Muster von Handel, Migration, Eroberung und gemeinsamer Abstammung ausgebildet worden sind.

Quelle: Joshua Conrad Jackson (University of North Carolina, Chapel Hill) et al., Science, doi: 10.1126/science.aaw8160

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