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Gesellschaft+Psychologie

Wie uns schlechte Träume helfen

Schlechter Traum
Angst im Traum kann nützlich sein. (Bild: Sergey Nivens/ istock)

Gott sei Dank nur ein Traum! Wer beim Schlafen angstvolle Situationen erlebt, ist oft froh, wenn das Bewusstsein in die Realität zurückkehrt. Dabei haben schlechte Träume durchaus etwas Gutes: Sie helfen uns bei der Bewältigung negativer Emotionen im Alltag, wie Forscher berichten. Demnach fungieren angstauslösende Situationen im Traum als Training für ähnliche Erlebnisse im Wachzustand. Derart vorbereitet, können wir unser Angstgefühl offenbar besser kontrollieren und Bedrohung und Gefahr besonnener begegnen.

Wenn wir schlafen, tauchen wir in eine fremde Welt ein. In diesem Traumland können wir die bizarrsten Dinge erleben, aber auch erstaunlich realitätsnahe Situationen durchlaufen. Oft sind diese Erlebnisse beim Aufwachen bereits verblasst und entziehen sich alsbald unserer Erinnerung. Doch manchmal beschäftigen sie uns noch tagelang. Forscher fasziniert dieses Phänomen seit jeher: Wie kommen Träume zustande? Und welche biologische Funktion erfüllen sie? Eine Theorie geht davon aus, dass uns Träume bei der Bewältigung des Wacherlebens helfen. Demnach verarbeiten wir dabei Probleme aus dem Alltag und setzen uns mit unseren Emotionen auseinander.

Angst im Schlaf

Virginie Sterpenich von der Universität Genf und ihre Kollegen haben sich nun der Funktion eines besonders starken Gefühls gewidmet: der Angst. Sie wollten wissen: Was passiert, wenn wir im Traum Angsterfahrungen machen und wie wirkt sich dies auf unseren Umgang mit dieser Emotion im wachen Zustand aus? Um das herauszufinden, blickten die Wissenschaftler 18 Probanden mithilfe der Elektroenzephalografie (EEG) beim Schlafen ins Gehirn. Dabei weckten sie die Testpersonen immer wieder auf und befragten sie zu ihrem Traumerleben. In Kombination mit der gemessenen Hirnaktivität lieferten die Antworten der Teilnehmer Hinweise darauf, welche Bereiche des Denkorgans bei schlechten Träumen aktiv sind. „Wir identifizierten zwei Hirnregionen, die für im Traum erlebte Angst eine Rolle spielen: die Insula und der cinguläre Cortex“, berichtet Sterpenichs Kollege Lampros Perogamvros.

Das Spannende daran: Beide Gehirnbereiche werden auch in Angstsituationen des realen Alltags aktiviert. So sind die Neuronen in der Insula für die Bewertung von Emotionen zuständig und feuern automatisch, sobald jemand Angst verspürt. Der cinguläre Cortex wiederum bereitet uns auf die adäquate Reaktion in solchen Situationen vor. Er steuert mit, wie wir uns im Angesicht von Gefahr und Bedrohung verhalten. „Zum ersten Mal zeigen wir damit, dass beim Erleben von Angst im Schlaf und im wachen Zustand ähnliche Regionen aktiviert werden“, sagt Perogamvros. Doch welcher Zusammenhang besteht zwischen der Angst in diesen beiden doch so unterschiedlichen Welten?

Training für den Wachzustand

Auf der Suche nach einer Antwort forderten die Forscher in einem zweiten Experiment 89 Probanden dazu auf, eine Woche lang ein Traumtagebuch zu führen. Jeden Morgen notierten die Teilnehmer darin direkt nach dem Aufwachen, ob sie sich an einen nächtlichen Traum erinnern konnten und wenn ja, von welchen Emotionen dieser geprägt gewesen war. Am Ende der Testwoche untersuchten die Wissenschaftler die Probanden dann mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT). Dabei zeigten sie ihnen sowohl neutrale als auch angstauslösende Bilder – etwa von einem Überfall. Das frappierende Ergebnis: Wer in seinen Träumen häufiger und länger Angst erlebt hatte, reagierte auf diese negativen Bilder deutlich weniger stark.

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„Sowohl die Insula und der cinguläre Cortex als auch die Amygdala waren in diesem Fall weniger aktiv“, berichtet Sterpenich. Zusätzlich zeigte sich, dass gleichzeitig der mittlere präfrontale Cortex stärker aktiviert wurde – diese Hirnregion kann die Amygdala in Angstsituationen hemmen und so dafür sorgen, dass wir durch dieses Gefühl nicht gelähmt oder überwältigt werden. Nach Ansicht der Forscher zeichnet sich damit ab: Zwischen der Angst im Traum und der in der Realität besteht eine ausgeprägte Verbindung. Dabei dient die beim Schlafen erlebte Emotion gewissermaßen als Übung – sie hilft uns, in angstvollen Situationen im wachen Zustand besser zu reagieren. „Träume könnten ein Training für zukünftige Reaktionen sein und uns darauf vorbereiten, echten Gefahren und Bedrohungen zu begegnen“, konstatiert Perogamvros.

Wie wirken Albträume?

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich womöglich neue Ansätze für die Therapie von Angststörungen, wie die Wissenschaftler erklären. Doch die heilende Kraft angstvoller Träume könnte auch eine Grenze haben – dann, wenn es sich um starke Albträume handelt. „Wir glauben: Wenn im Traum ein bestimmter Grenzwert an Angst überschritten wird, verliert er seine Funktion als emotionaler Regulator“, sagt Perogamvros. Ob das stimmt, wollen die Forscher in künftigen Studien näher untersuchen. Außerdem interessiert sie die Funktion positiver Gefühle im Traum: Wie wirken sie sich auf unser Verhalten im Wachzustand aus? Über den Einfluss unserer Träume gibt es noch viel herauszufinden.

Quelle: Virginie Sterpenich (Universität Genf, Schweiz) et al., Human Brain Mapping, doi: 10.1002/hbm.24843

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