Hierarchische Beziehungssysteme sind ein grundlegendes Merkmal menschlicher Gesellschaften. Auch in ursprünglichen und stark egalitär geprägten Naturvölkern bilden sich Rangunterschiede zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern aus. Evolutionspsychologisch betrachtet gibt es dafür eine plausible Erklärung: Der Erfolg des Menschen basierte stark auf seiner Fähigkeit, funktionierende Gruppen zu bilden. Dabei kann Führungspersönlichkeiten eine Schlüsselrolle zukommen: Sie koordinieren die Entscheidungen der Gruppe, lösen Konflikte und sorgen für Sanktionen bei Fehlverhalten. Abgesehen von auf Gewalt basierenden Systemen, werden in der Regel Personen zu Führungspersönlichkeiten, die sich etwa durch ihre Klugheit den Respekt der anderen verdient haben. Ihnen wird dann auch das Recht zugeschrieben, Machtworte zu sprechen.
Den Wurzen des Hierarchie-Verständnisses auf der Spur
Man nimmt an, dass im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen auch intuitive Erwartungen hinsichtlich der Verantwortung von Führungspersönlichkeiten gegenüber ihrer Gruppe entstanden sind. Der Erforschung dieses Themas haben sich nun die Wissenschaftler um Maayan Stavans von der University of Illinois at Urbana-Champaign gewidmet. “Wir wissen, dass Erwachsene von Führungspersonen sozialer Gruppen erwarten, dass sie eingreifen, um gruppeninterne Regelverstöße zu unterbinden”, sagte Stavans. “Wir wollten wissen, wie früh diese Erwartungen in der menschlichen Kindheitsentwicklung auftauchen”, erklärt die Wissenschaftlerin.
Bei den Teilenehmern der Studie handelte es sich um 120 Kleinkinder im Alter von 17 Monaten, die während der spielerischen Experimente auf dem Schoß ihrer Eltern saßen. Um Einblicke in die Gedankenwelt der Kleinen zu bekommen, nutzten die Wissenschaftler eine in diesem Forschungsbereich häufig eingesetzt Methode: Sie erfassen die Blicke der Probanden, denn es hat sich gezeigt, dass Kinder typischerweise länger Ereignisse beäugen, die sei überraschen. “Indem wir nachverfolgen, wohin und wie lange die Kinder starren, gewinnen wir Einblicke in das, was sie denken”, sagt Stavans.
Bei ihren Versuchen präsentierten die Forscher den kleinen Probanden kurze Rollenspiele mit Bären-Puppen. Einige der Kinder sahen Szenarien mit einem Protagonisten-Bären, den zwei andere Bären als Anführer behandelten. Andere sahen hingegen einen Protagonisten-Bären, der offenbar keine Autorität über die beiden anderen Bären besaß.
In allen Szenarien überreichte der Protagonist den anderen Bären zwei Spielzeuge, die sie teilen sollten. Doch einer der Bären schnappte sich einfach beide Spielzeuge, sodass der andere Bär leer ausging. Als nächstes korrigierte in einem Fall der Protagonist diesen Regelverstoß, indem er dem Täterbären eines der Spielzeuge wegnahm und dem Opfer überreichte. Im anderen Fall ignorierte der Protagonist das Fehlverhalten, indem er mit jedem der beiden Bären sprach, ohne ein Spielzeug umzuverteilen. “Die Szenarien unterschieden sich somit im Status des Protagonisten – war es eine Führungspersönlichkeit oder nicht? – und in der Reaktion des Protagonisten auf die Übertretung: Hat er die Situation korrigiert oder ignoriert?” erklär Co-Autorin Renee Baillargeon.





