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Gesellschaft+Psychologie

Wir denken früh: Da muss der Chef eingreifen!

Schon Kleinkinder haben offenbar Vorstellungen davon, wie sich Führungspersonen verhalten sollten. (Bild: w-ings/iStock)

„Dieser Mitarbeiter nimmt allen anderen immer die Milch am Kaffeeautomaten weg!“ Bei solch einer Beschwerde geht der Blick des Teams automatisch zur Führungspersönlichkeit der Gruppe: Er oder sie soll ein Machtwort sprechen. Wie früh sich dieses hierarchische Rollenverständnis beim Menschen ausbildet, haben Wissenschaftler nun experimentell erforscht. Demnach erwarten schon Kinder im Alter von 17 Monaten, dass die jeweilige Führungspersönlichkeit einer Gruppe eingreift, wenn sich ein Mitglied gegenüber einem anderen schlecht verhält.

Hierarchische Beziehungssysteme sind ein grundlegendes Merkmal menschlicher Gesellschaften. Auch in ursprünglichen und stark egalitär geprägten Naturvölkern bilden sich Rangunterschiede zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern aus. Evolutionspsychologisch betrachtet gibt es dafür eine plausible Erklärung: Der Erfolg des Menschen basierte stark auf seiner Fähigkeit, funktionierende Gruppen zu bilden. Dabei kann Führungspersönlichkeiten eine Schlüsselrolle zukommen: Sie koordinieren die Entscheidungen der Gruppe, lösen Konflikte und sorgen für Sanktionen bei Fehlverhalten. Abgesehen von auf Gewalt basierenden Systemen, werden in der Regel Personen zu Führungspersönlichkeiten, die sich etwa durch ihre Klugheit den Respekt der anderen verdient haben. Ihnen wird dann auch das Recht zugeschrieben, Machtworte zu sprechen.

Den Wurzen des Hierarchie-Verständnisses auf der Spur

Man nimmt an, dass im Laufe der Entwicklungsgeschichte des Menschen auch intuitive Erwartungen hinsichtlich der Verantwortung von Führungspersönlichkeiten gegenüber ihrer Gruppe entstanden sind. Der Erforschung dieses Themas haben sich nun die Wissenschaftler um Maayan Stavans von der University of Illinois at Urbana-Champaign gewidmet. „Wir wissen, dass Erwachsene von Führungspersonen sozialer Gruppen erwarten, dass sie eingreifen, um gruppeninterne Regelverstöße zu unterbinden“, sagte Stavans. „Wir wollten wissen, wie früh diese Erwartungen in der menschlichen Kindheitsentwicklung auftauchen“, erklärt die Wissenschaftlerin.

Bei den Teilenehmern der Studie handelte es sich um 120 Kleinkinder im Alter von 17 Monaten, die während der spielerischen Experimente auf dem Schoß ihrer Eltern saßen. Um Einblicke in die Gedankenwelt der Kleinen zu bekommen, nutzten die Wissenschaftler eine in diesem Forschungsbereich häufig eingesetzt Methode: Sie erfassen die Blicke der Probanden, denn es hat sich gezeigt, dass Kinder typischerweise länger Ereignisse beäugen, die sei überraschen. „Indem wir nachverfolgen, wohin und wie lange die Kinder starren, gewinnen wir Einblicke in das, was sie denken“, sagt Stavans.

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Bei ihren Versuchen präsentierten die Forscher den kleinen Probanden kurze Rollenspiele mit Bären-Puppen. Einige der Kinder sahen Szenarien mit einem Protagonisten-Bären, den zwei andere Bären als Anführer behandelten. Andere sahen hingegen einen Protagonisten-Bären, der offenbar keine Autorität über die beiden anderen Bären besaß.
In allen Szenarien überreichte der Protagonist den anderen Bären zwei Spielzeuge, die sie teilen sollten. Doch einer der Bären schnappte sich einfach beide Spielzeuge, sodass der andere Bär leer ausging. Als nächstes korrigierte in einem Fall der Protagonist diesen Regelverstoß, indem er dem Täterbären eines der Spielzeuge wegnahm und dem Opfer überreichte. Im anderen Fall ignorierte der Protagonist das Fehlverhalten, indem er mit jedem der beiden Bären sprach, ohne ein Spielzeug umzuverteilen. „Die Szenarien unterschieden sich somit im Status des Protagonisten – war es eine Führungspersönlichkeit oder nicht? – und in der Reaktion des Protagonisten auf die Übertretung: Hat er die Situation korrigiert oder ignoriert?“ erklär Co-Autorin Renee Baillargeon.

Vielsagende Blicke

Wie die Forscher berichten, zeichnete sich Verwunderung in den Blicken der kleinen Probanden ab, wenn ein Anführer das Fehlverhalten ignorierte – sie starrten ihn an. „Dies deutet darauf hin, dass die Kleinkinder erwartet haben, dass der Anführer eingreift und das Unrecht in der Gruppe korrigiert. Deshalb waren sie überrascht, als er diese Rolle nicht übernommen hat“, erklärt Baillargeon. Im Gegensatz dazu schienen die Kinder nicht überrascht zu sein, wenn ein Protagonist, der keine Anführerrolle besaß, das Fehlverhalten ignorierte.

Um weitere Detailinformationen zu gewinnen, veränderten die Forscher in einem weiteren Experiment die Informationslage: Einer der Bären drückte aus, dass er kein Spielzeug haben wollte. Daraufhin nahm dann der andere Bär beide Spielsachen an sich. Wenn in diesem Fall nun der Anführer-Bär eingriff und jedem Bären ein Spielzeug verpasste, starrten ihn die Kinder ebenfalls verwundert an. „Es war, als ob die Kleinen verstanden hatten, dass es in diesem Fall keine Übertretung gegeben hat. So schauten sie erstaunt, als der Anführer dem Bären ein Spielzeug verpasste, der deutlich gemacht hatte, dass er das gar nicht wollte“, sagt Stavans.

Die Ergebnisse belegen damit nun, dass Kinder bereits im Alter von 15 Monaten ein komplexes Verständnis für soziale Hierarchien und Machtdynamiken besitzen, resümieren die Wissenschaftler. „Konkret haben wir gezeigt, dass sogar schon diese Kleinkinder schon recht genaue Vorstellungen und Erwartungen davon haben, wie sich Führungspersonen gegenüber ihren Anhängern verhalten sollten“, so Baillargeon.

Quelle: University of Illinois at Urbana-Champaign, Fachartikel: PNAS, doi: https://www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1820091116

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