Anzeige
Anzeige

Gesellschaft+Psychologie Technik+Digitales

Wirtschaftswunderland Indien?

Der boomende Subkontinent wird oft im selben Atemzug mit China genannt. Doch soziale Probleme bremsen den Aufstieg zur Wirtschaftsmacht.

„Dinge in und für Indien zu entwickeln, ist für viele unserer Wissenschaftler so befriedigend, dass sie es zu ihrer Mission gemacht haben, ihr Land in der Forschung nach vorne zu bringen.“ Das sagt Ashok Misra, Präsident des Indian Institute of Technology (IIT) in Mumbai (früher: Bombay), einer der führenden Bildungs- und Forschungseinrichtungen Indiens.

Sieben dieser Institute sind über das Land verteilt. Der 58-jährige Misra ist Professor für Chemie und hat sich auf die Entwicklung von Kunststoffen spezialisiert. Er sieht sein Land auf der Erfolgsspur. „Wir haben allein in unserem Institut die Ausgaben für Forschung und Entwicklung in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, erklärt er stolz.

Tatsächlich investiert Indien pro Jahr umgerechnet rund 16 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt gibt der indische Staat damit prozentual mehr aus als Deutschland (2,8 Prozent gegenüber 2,5 Prozent), in absoluten Zahlen liegt die Bundesrepublik mit 55,2 Milliarden Euro (2005) deutlich vorne.

Doch Misra ist sich auch über die großen Probleme seines Landes im Klaren. Wenn er durch Mumbais Straßenschluchten fährt, stößt er überall auf krasse Gegensätze: Einerseits gilt die Stadt als die modernste auf dem Subkontinent, zum anderen lebt mehr als die Hälfte der geschätzten über zwölf Millionen Einwohner der Megacity in Slums. Dazu kommt, dass Indien nach den neuesten Zahlen der Vereinten Nationen inzwischen das Land mit den meisten HIV-Infizierten ist: 2006 waren es 5,7 Millionen Menschen – das sind 200 000 mehr als in Südafrika.

Anzeige

Rund ein Drittel aller Inder kann nicht lesen und schreiben. Damit lebt in dem 1,1 Milliarden Menschen zählenden Land die Hälfte aller Analphabeten weltweit. Immerhin hat sich der Alphabetisierungsgrad in den vergangenen Jahrzehnten deutlich erhöht: Während er 1951 bei nur 18 Prozent lag, kletterte er bis 1981 auf knapp 44 Prozent. Inzwischen steigt der Anteil derjenigen, die lesen und schreiben können, jedes Jahr um rund ein Prozent.

Es dauerte allerdings lange, bis die Regierung in Neu-Delhi begriff, wie wichtig Bildung für die Entwicklung eines Landes ist. Erst 2003 wurde das Recht auf Bildung als Grundrecht in die Verfassung aufgenommen und eine formelle Schulpflicht für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren eingeführt. Diese unter dem Slogan „ Education for all“ propagierte umfassende Massenbildung für alle Bevölkerungsteile wird jedoch ihrem hohen Anspruch nicht gerecht. „Das liegt an der ungleichen ökonomischen Ausgangssituation der Menschen und an administrativen Versäumnissen“, erklärt Henrike Lott vom Südasien-Institut der Universität Heidelberg.

Die Historikerin studierte das indische Bildungssystem während eines achtmonatigen Aufenthalts in Mumbai: „Es basiert auf dem Schulsystem der Briten aus der Kolonialzeit und besteht aus öffentlichen und privaten Institutionen, wobei für den Besuch der letzteren hohe Gebühren zu zahlen sind. Dort wird meist nur in Englisch unterrichtet, was für die Absolventen auf dem internationalen Markt von Vorteil ist. Aber nicht alle Inder beherrschen die englische Sprache.“

Hinzu kommt, dass zwar in öffentlichen und privaten Einrichtungen Plätze für alle Bevölkerungsschichten reserviert werden, die Zahl der Bewerber übersteigt jedoch die Quoten bei Weitem. Das ist einer der großen Unterschiede zu China, das beim Thema Wirtschaftswachstum immer wieder in einem Atemzug mit Indien genannt wird: In China sind die Bildungseinrichtungen fast jedem zugänglich.

„Ein weiterer Nachteil des indischen Bildungssystems ist seine große Ungleichheit“, sagt Indienexperte Hans-Georg Bohle. Er ist Professor am Geographischen Institut der Universität Bonn und Mitglied der deutsch-indischen Beratungsgruppe, die 1992 von den Regierungen beider Länder zum Ausbau der bilateralen Beziehungen gegründet wurde. „Etwa 18 Elite-Universitäten, darunter das IIT in Bombay und Kalkutta, stehen Tausende kleiner Universitäten und Colleges gegenüber, deren Qualität teilweise nicht einmal mit unseren Gymnasien vergleichbar ist“, erklärt Bohle.

Zwar gibt es jedes Jahr drei Millionen Hochschulabgänger, doch nur ein bis zwei Prozent der indischen Absolventen stammen von den Spitzenuniversitäten. Letztlich kommen also nur zwischen 30 000 und 60 000 hochqualifizierte Akademiker auf den Markt. Zum Vergleich: In Deutschland sind es etwa 250 000 pro Jahr. Der indische Schwerpunkt liegt auf den Fachbereichen Ingenieur- und Naturwissenschaften und auf der Informationstechnologie (IT).

Gerade im IT-Bereich hat Indien in den letzten 25 Jahren einen gewaltigen Schritt nach vorne gemacht. Insgesamt werden jedes Jahr 300 000 neue Computerfachleute angelernt. Inzwischen arbeiten am schon legendären IT-Standort Bangalore etwa 160 000 Software-Spezialisten – eine Zahl, die nur vom kalifornischen Silicon Valley mit rund 180 000 übertroffen wird. Hier kommt den Indern laut Bohle ihre Fähigkeit zugute, ausgezeichnet in binären Strukturen denken zu können, auf denen die Informationstechnologie basiert. „Dafür haben sie einfach ein ausgesprochenes Talent“, meint der Forscher.

Zudem kommunizieren indische Wissenschaftler auf Englisch, wodurch sie direkten Zugang zu den neuesten Erkenntnissen aus den USA haben. Der Wissenstransfer wird durch Forschungs- und Lehrtätigkeiten indischer Spezialisten in Amerika verstärkt – aber vor allem durch die insgesamt 80 000 indischen Studenten in den USA.

Doch die Inder drängen nicht nur im IT-Bereich an die Spitze, sie mischen auch kräftig in einem der Zukunftsmärkte schlechthin mit: in der Biotechnologie. Hier sind gewaltige Wirtschaftszentren entstanden, etwa das Center for Cellular and Molecular Biology (CCMB) in Hyderabad. Dort forschen rund 100 Wissenschaftler etwa über Zellbiologie, Genomik und Bioinformatik. CCMB-Direktor Laljit Singh ist davon überzeugt, dass Indien mit seinem Potenzial an Spezialisten ohne Weiteres eine Führungsposition in der Biotechnologie übernehmen könnte.

Beispiele dafür gibt es genug. So haben indische Forschungseinrichtungen und Labors durch Nutzung genetischer Informationen preisgünstige Aids-Tests und Lebendimpfstoffe gegen Tollwut entwickelt. Und bis 2010 sollen mindestens zehn weitere große Biotech-Parks errichtet werden. In diesem Sektor hofft man auf eine Million neue Arbeitsplätze.

Bereits heute machen die rund 300 indischen Biotech-Firmen einen Umsatz von einer Milliarde Dollar jährlich – Tendenz steigend. „Allein der Bereich Biotechnologie wächst bei uns um 40 Prozent im Jahr“, freut sich Kiran Mazumdar-Shaw, die reichste Frau Indiens und Chefin von Biocon in Bangalore. Das Unternehmen hat sich auf die Produktion von Insulin spezialisiert und stellt zudem Medikamente gegen Nierenerkrankungen sowie mehrere Cholesterinsenker her. Auch bei der biotechnologischen Unterstützung von Organtransplantationen und beim Züchten von Gewebestrukturen im Reagenzglas sind indische Forscher inzwischen weltweit führend.

Daher wollen die großen deutschen Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Helmholtz Gemeinschaft die Zusammenarbeit mit dem Land intensivieren. Schon jetzt ist der indische Biotech-Sektor – ähnlich wie die IT-Branche – von vielfachen Kooperationen zwischen indischen und ausländischen Unternehmen und Organisationen geprägt.

Fast alle Global Players haben inzwischen Niederlassungen auf dem Subkontinent gegründet. Zum einen erhoffen sie sich einen neuen großen Markt, zum anderen nutzen sie die geringen Lohnkosten dort. Henrike Lott erklärt: „Ein Professor an der Jawaharlal Nehru University in Delhi verdient umgerechnet zwischen 240 und 370 Euro im Monat.“ Ein Bioinformatiker kann in einem indischen Unternehmen nach einigen Berufsjahren 400 Euro bekommen. Besser dran sind diejenigen, die bei einer westlichen Firma arbeiten. Der deutsche Software-Riese SAP zahlt einem jungen IT-Fachmann in Bangalore immerhin umgerechnet 1000 Euro im Monat – für indische Verhältnisse eine enorme Summe.

Von einer Ausbeutung indischer Fachkräfte durch westliche Unternehmen will Lott nicht sprechen. Doch sie gibt zu bedenken: „ Die Forschungsergebnisse insbesondere im IT-Bereich kommen meist bloß dem Ausland und wenigen reichen Indern zugute.“ Als Hauptgründe sieht sie einmal, dass sich die meisten Menschen in Indien neue technische Entwicklungen finanziell nicht leisten können, und zum Zweiten, dass die Infrastruktur in vielen Gebieten katastrophal ist und die neuen Technologien deshalb nicht flächendeckend umgesetzt werden können.

Lott vermutet, dass die – mit westlichen Standards verglichen – schlechte Bezahlung viele indische Spezialisten ins Ausland lockt. Tatsächlich lag der Braindrain vor zehn Jahren noch bei 100 000 Fachkräften pro Jahr, inzwischen sind es aber nur noch wenige 10 000, die abwandern – und viele kommen wieder zurück. „ Wer in Indien allerdings bei einem ausländischen Unternehmen arbeitet, überlegt es sich von vornherein zweimal, ob er seine Heimat verlässt. Ein Monatsgehalt von 1000 Euro garantiert im eigenen Land einen so hohen Lebensstandard, dass man im Ausland schon das Zehnfache verdienen müsste, um mithalten zu können“, meint Hans-Georg Bohle. Besonders geschickt hält das Walldorfer Software-Unternehmen SAP seine Fachkräfte bei der Stange: Die Firma stellt vermehrt Frauen ein, da Inderinnen traditionell heimatverbundener sind und das Land nicht allein verlassen.

Mittlerweile bemüht sich der indische Staat, durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in der Forschung weitere Anreize zu schaffen, um seine fähigsten Leute im Land zu halten. Dafür wurde unter anderem der Forschungsrat SERC (Science and Engineering Research Council) ins Leben gerufen, dem prominente Wissenschaftler, Techniker und Technologen angehören. Der SERC hilft der Regierung bei der Identifizierung neuer und vielversprechender Technologien und unterstützt Projekte junger Forscher finanziell. Dazu bewertet der Forschungsrat jedes Jahr etwa 1000 Vorschläge, vor allem in den Grundlagenwissenschaften und im Ingenieurwesen.

Besonders intensiv kümmert sich der SERC um die Forschungsgebiete Nanomaterialien und Organische Chemie, Photochemie, Neurowissenschaften sowie um Genom- und Klimaforschung. Nicht zu vergessen die Kernphysik – schließlich ist Indien mit dem Bau eigener Bomben zur Atommacht aufgestiegen.

Diese Entwicklung wurde vom Konkurrenten China lange misstrauisch beobachtet, doch in den letzten Jahren haben die Länder damit begonnen, verstärkt zusammenzuarbeiten. China ist inzwischen nach den USA der zweitgrößte Handelspartner Indiens. Und weil in China vor allem die Wirtschaft und in Indien der High-Tech-Bereich boomen, sprechen manche Experten bereits von der verlängerten Werkbank sowie dem verlängerten Schreib- und Labortisch der Welt.

Goldene Zeiten für den Forschungsstandort Indien? Immerhin kommt die Deutsche Bank in zwei Studien zu dem Ergebnis, dass das Land das Potenzial zur Weltmacht hat. Das Geldinstitut stützt sich dabei vor allem auf das Wirtschaftswachstum und erwartet eine weitere dynamische Entwicklung besonders im IT-Bereich und in der Textil- und Pharmaindustrie. Die Chancen Indiens, sich in den nächsten Jahren zu einer führenden Wissenschaftsnation zu entwickeln, stünden ebenfalls gut, meint Henrike Lott. Allerdings werde der Erfolg des Landes davon abhängen, wie Indien sich beim Umweltschutz, im Bildungssektor und bei der Armutsbekämpfung entwickle.

Hier sieht Hans-Georg Bohle das größte Hindernis für Indiens ehrgeiziges Ziel: „Indien gehört zwar bereits zu den 15 führenden Wissenschaftsstandorten, und es ist nicht ausgeschlossen, dass es in 50 Jahren ganz an der Spitze steht. Aber das Land ist noch zu zerrissen, und es ist fraglich, ob dieses Problem gelöst werden kann.“

Damit steht und fällt auch die Zukunft des Wissenschaftsstandorts Indien. Es gibt 500 Millionen Arme, die vor allem in Zentralindien leben, 250 Millionen Menschen hauptsächlich im Süden und Nordwesten gehören der aufstrebenden Mittelschicht an, und dazwischen existiert eine Übergangsschicht. Außerdem gibt es wenige Superreiche. Die gewaltige Zahl der Armen ist eine riesige Hypothek für die gesamte Entwicklung Indiens. Zwar hat die Regierung ein Beschäftigungsprogramm aufgelegt, das jedem Inder 100 Tage Arbeit im Jahr garantiert, doch Bohle ist das zu vereinfacht gedacht: „Die Strukturen und Ursachen der Armut werden dabei nicht beachtet.“

Vor übertriebenen Erwartungen warnt Wolfgang-Peter Zingel, Diplomvolkswirt am Südasien-Institut der Universität Heidelberg. Er spricht vom Problem der „zwei Indien“: „Zu einer Zerreißprobe könnte es vor allem dort kommen, wo sich die sozialen Verhältnisse nicht ändern, die Bevölkerung aber im Kino oder Fernsehen sieht, dass dies in anderen Teilen des Landes ganz anders ist.“ Probleme, mit denen auch China auf dem Land zu kämpfen hat. Die Weltbank warnt in diesem Zusammenhang: „Die Herausforderung für Indien ist nicht, sein Wachstum zu steigern, sondern es überhaupt zu halten.“

Nicht unterschätzt werden dürfen auch die immer wieder aufflammenden blutigen Konflikte zwischen Hindus und Moslems. Bisher ist es der Regierung von Premierminister Manmohan Singh nicht gelungen, die verfeindeten Religionsgemeinschaften vom Vorteil eines dauerhaften friedlichen Nebeneinanders zu überzeugen. Für die Stabilität Indiens ist das gefährlich.

Eher negativ beurteilt auch Sunita Narain die Situation in ihrem Land. Narain leitet das Center for Science and Environment in Delhi und ist Trägerin des Padma Shri, des indischen Bundesverdienstkreuzes. Die angesehene Umweltschützerin steht dem Hype um die Wissenschaft in Indien skeptisch gegenüber: „Das System ist hermetisch abgeriegelt und von unseren alltäglichen Problemen weit entfernt. Es ist gut, wenn wir in den Weltraum fliegen können, aber wichtiger wären auch Fortschritte für den Alltag wie eine funktionierende Toilettenspülung.“ ■

Hans Groth

COMMUNITY Internet

Vergleich zwischen Indien und China:

www.businessweek.com/magazine/toc/05_34/B3948chinaindia.htm

Homepage der indischen Planungs- kommission mit vielen Informationen und Zahlen zur Entwicklung des Landes:

www.planningcommission.nic.in

Daten, Fakten und Hintergründe:

www.indien-netzwerk.de

Länderprofil Indien des Statistischen Bundesamts:

www.destatis.de/download/d/veroe/ laenderprofile/lp_indien.pdf

Ohne Titel

· Insbesondere im Biotechnologie- und IT-Sektor verzeichnet Indien hohe Zuwachsraten. • Für ausländische Firmen ist das Land wegen seiner qualifizierten Fachleute und der niedrigen Löhne attraktiv. • Ökonomische und soziale Konflikte bremsen das Bestreben Indiens, zur führenden Wissenschaftsnation zu werden.

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Wahl zum Wissensbuch des Jahres

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

kris|tal|lin  〈Adj.〉 aus Kristallen bestehend; oV kristallinisch; ... mehr

Na|tur|phi|lo|soph  〈m. 16〉 Anhänger, Vertreter einer Naturphilosophie

mo|no|gam  〈Adj.; Soziol.〉 auf Monogamie beruhend, in Monogamie (lebend), Monogamie bevorzugend; Ggs polygam ( ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige