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Körperwahrnehmung

Affen nehmen eigenen Herzschlag wahr

Rhesusaffen können audiovisuelle Darstellungen mit dem eigenen Muster ihres Herzschlags in Verbindung bringen. Illustration © Matthew Verdolivo/UC Davis

Was geht in meinem eigenen Körper vor? Die Fähigkeit zur sogenannte Interozeption besitzen offenbar auch Rhesusaffen, geht aus einer experimentellen Studie hervor. Demnach sind die Tiere in der Lage, ihren eigenen Herzschlag an der Frequenz zu erkennen. Die Affen könnten sich damit als ein Modelltier für die neuropsychiatrische Forschung eignen, erklären die Wissenschaftler. Denn Störungen der Interozeption werden beim Menschen mit Angstzuständen, Depressionen und der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht.

Es grummelt im Bauch, das Herz rast oder gerät aus dem Takt… „Irgendwas stimmt mit mir nicht“. Die Fähigkeit, unseren inneren Zustand und bestimmte Prozesse zu erkennen, kann auf Probleme im Körper hinweisen, die unsere Aufmerksamkeit erfordern. „Die Interozeption, die Selbstüberwachung unserer physiologischen Systeme, spielt in vielen Bereichen des menschlichen Lebens eine Rolle“, sagt Eliza Bliss-Moreau vom California National Primate Research Center in Davis. Sie und ihre Kollegen interessieren sich auch aus einem speziellen Grund für dieses Wahrnehmungssystem: Aus Studien geht hervor, dass eine gestörte interozeptive Wahrnehmung mit einer geringeren Fähigkeit zur Emotionsregulierung und einer erhöhten Anfälligkeit für psychische Probleme verbunden ist. Bestimmte Verfahren zielen deshalb auch schon lange auf eine Steigerung des eigenen Körpergefühls ab. Unter anderem werden Menschen dabei auch dazu angehalten, gezielt den eigenen Herzschlag wahrzunehmen.

Haben auch Tiere den Sinn für ihren Körper?

Zu den Hintergründen der offenbar komplexen Bedeutung der Interozeption gibt es allerdings noch viele offene Fragen. Unklar ist etwa, welche evolutionären Ursprünge die Selbstwahrnehmung hat und inwieweit auch Tiere dazu fähig sind. Um neue Hinweise zu erhalten, haben Bliss-Moreau und ihre Kollegen nun Experimente mit Rhesusaffen durchgeführt: Sie gingen dabei der Frage nach, inwieweit die Tiere intuitiv ihren eigenen Herzschlag von anders getakteten Frequenzen unterscheiden können.

Die Versuchstiere saßen dazu vor einem Bildschirm, der eine visuelle Darstellung von Herzschlägen anzeigte und zudem dazu passende Töne erzeugte. Bei einigen Durchläufen wurde den Tieren eine Darstellung ihrer eigenen Herzfrequenz präsentiert, die über Elektroden am Arm erfasst wurde. Im anderen Fall wurde eine asynchrone Herzfrequenz dargestellt – ein Herzschlag, der entweder schneller oder langsamer als der des Tieres war. Bei allen Durchläufen erfasste ein Eyetracker die Augenbewegungen des jeweiligen Affen.

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Die Auswertungen ergaben: Alle Affen im Test verbrachten mehr Zeit mit der Betrachtung von Reizen, die nicht im Rhythmus ihres eigenen Herzschlags präsentiert wurden, als mit denjenigen, die ihrem eigenen entsprachen. Wie die Wissenschaftler erklären, ist dies als ein Zeichen zu werten, dass sie den eigenen Herzschlag mit den audiovisuellen Informationen in Verbindung bringen konnten. Denn aus vielen Studien ist bereits bekannt, dass Menschen – inklusive Babys – sowie auch Affen länger auf Dinge schauen, die sie als überraschend oder unerwartet empfinden. Die Wissenschaftler interpretieren die Ergebnisse deshalb als ersten experimentellen Beleg dafür, dass Rhesusaffen eine dem Menschen ähnliche Fähigkeit besitzen, ihren Herzschlag wahrzunehmen und somit ebenfalls einen interozeptiven Sinn aufweisen.

Potenzial für die neuropsychiatrische Forschung

„Die Arbeit, die wir hier vorstellen, ist ein erster erfolgreicher Schritt, um eine wichtige Forschungslücke zu schließen“, sagt Co-Autor Manos Tsakiris von der Royal Holloway University of London. „Interozeption ist enorm wichtig für die Emotionsregulation und die psychische Gesundheit des Menschen und doch wissen wir nur sehr wenig darüber, wie sie sich in der frühen Kindheit entwickelt oder sich im Laufe der Evolution herausbildet hat“, so der Wissenschaftler. In diesem Zusammenhang geht aus den Ergebnissen nun hervor, dass Rhesusaffen, die häufig in der Forschung als Modelltier für den Menschen dienen, auch in der Untersuchung der Interozeption eingesetzt werden könnten. „Die Studie gibt Hinweise darauf, inwieweit das Rhesusaffen-Modell genutzt werden kann, um unser Verständnis der Gehirn- und Körperfunktionen zu verbessern“, so die Wissenschaftler.

Wie sie abschließend betonen, sind davon Forschungsfelder mit einer enormen Bedeutung betroffen. Denn Störungen der Interozeption werden mit Angstzuständen, Depressionen sowie mit der Alzheimer-Krankheit in Verbindung gebracht. „Das Rhesusaffen-Modell könnte in zukünftigen translationalen Studien zu neurodegenerativen Erkrankungen, einschließlich Alzheimer, verwendet werden“, sagte Bliss-Moreau. „Wenn wir die Interozeption messen können, können wir sie als Verhaltensbiomarker für das Fortschreiten der Krankheit verfolgen“, erklärt die Forscherin. „Ein nächster Schritt wird nun darin bestehen, den Mechanismus zu untersuchen, durch den die Interozeption an verschiedenen psychiatrischen und neuropsychiatrischen Erkrankungen beteiligt sein könnte“, so Tsakiris.

Quelle: University of California – Davis, Fachartikel: PNAS, doi: 10.1073/pnas.2119868119

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