Wenn es um Durchseuchungsraten, die Letalität des Coronavirus oder die Ansteckungsgefahr geht, haben bisher alle Regionen und Länder das gleiche Problem: Weil längst nicht alle Verdachtsfälle getestet werden und auch systematische Stichprobentests fehlen, bleibt ein Teil der mit Sars-CoV-2 infizierten Personen unerkannt. Wegen dieser Dunkelziffer lassen sich wichtige Kennzahlen der Epidemie, darunter auch die Todesrate unter den an Covid-19 Erkrankten bislang nur grob abschätzen. Die sogenannte Fallsterblichkeit (Case Fatality Rate) liegt beispielsweise laut Weltgesundheitsorganisation WHO in Deutschland bei 2,2 bis 2,4 Prozent. Weil in diese Werte aber nur die bekannten Fälle eingehen, vermuten Wissenschaftler schon länger, dass das Coronavirus wahrscheinlich deutlich weniger tödlich ist als es diese Zahlen suggerieren.
Die “Heinsberg”-Studie
Um mehr Klarheit zu schaffen – auch was die Infektionszahlen und Übertragungen angeht, haben Wissenschaftler um Hendrik Streeck von der Universität Bonn in der Gemeinde Gangelt im Kreis Heinsberg die bislang umfassendste Studie zur Corona-Pandemie in Deutschland durchgeführt. Der nordrhein-westfälische Landkreis geriet Ende Februar 2020 in die Schlagzeilen, weil dort nach einer Karnevalssitzung die Fallzahlen von Covid-19-Patienten stark anstiegen. Nach offiziellen Daten der Gesundheitsämter haben sich bei diesem Ausbruch rund drei Prozent der Einwohner von Gangelt mit dem Coronavirus infiziert. “Weil es sich hier um eine relativ geschlossene Gemeinschaft mit wenig Tourismus und Reisen handelt, kann diese Gemeinde als ideales Modell dienen, um zu verstehen, wie sich SARS-CoV-2 ausbreitet, wie viele infizierte Symptome entwickeln und wie hoch die Letalität ist”, erklären Studienleiter Streeck und seine Kollegen.
Für ihre Studie haben sie anhand des Melderegisters 600 der gut 12.000 Einwohner von Gangelt ausgewählt und sie und ihre Familien um Mithilfe gebeten. Daraus ergaben sich 919 Teilnehmer aus 405 Haushalten. Alle wurden in der Woche ab dem 31. März 2020 mittels PCR-Test auf das Coronavirus getestet, außerdem wurden Antikörpertests durchgeführt, um bereits überstandene Infektionen nachzuweisen. Die Teilnehmer wurden zudem eingehend nach Symptomen, Kontakten und Vorerkrankungen befragt. Nachdem Streeck und sein Team bereits vor einigen Wochen erste in einer Pressekonferenz über erste Zwischenergebnisse berichtet hatten, haben sie nun die Ergebnisse ihrer Studie erstmals in einem Fachartikel veröffentlicht – wenn auch noch ohne die bei Fachmagazinen übliche unabhängige Begutachtung.
Hohe Dunkelziffer und 22 Prozent symptomlose Infizierte
Die Auswertungen liefern unter anderem einen Einblick in die Höhe der Dunkelziffer bei der Corona-Pandemie: “Unsere zufällig ausgewählte Stichprobe ergab, dass rund 15,5 Prozent der Einwohner in dieser Gemeinde mit dem Virus infiziert sind oder waren”, berichten die Forscher. “Das ist um das Fünffache höher als die offiziell gemeldete Zahl der bei PCR-Tests positiven Fälle.” Dies bestätigt frühere Vermutungen, nach denen es bei dieser Pandemie eine relativ hohe Dunkelziffer gibt. Allerdings betonen die Forscher, dass Gangelt zwar in Bezug auf die Dunkelziffer, nicht aber im Hinblick auf die Durchseuchung der Bevölkerung repräsentativ für ganz Deutschland ist. Denn wegen des Karnevals, der als sogenanntes “Superspreading”-Ereignis gilt, haben sich in diesem Ort überproportional viele Menschen mit SARS-CoV-2 angesteckt. Der Anteil von Menschen, die schon mit dem Coronavirus in Kontakt gekommen sind, dürfte daher anderswo niedriger liegen als 15 Prozent.





