Corona: Maßnahmen waren nicht umsonst - wissenschaft.de
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Corona: Maßnahmen waren nicht umsonst

Lockdown
Was hat der Lockdown gebracht? (Bild: fermate/ iStock)

Man nennt es das Präventionsparadox: Gerade weil vorbeugende Maßnahmen greifen, gibt es keine Belege zu ihrer Wirksamkeit. Dies weckt Zweifel daran, ob die Gegenmaßnahmen – wie im aktuellen Fall der Corona-Shutdown – überhaupt nötig waren. Ein Forscherteam hat deshalb überprüft, ob und was die einzelnen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie hierzulande gebracht haben. Das Ergebnis: In den Fallzahlen und der Ausbreitung von Sars-CoV-2 sind drei Stufen der Abnahme erkennbar – und diese stimmen zeitlich ziemlich genau mit dem Inkrafttreten der drei Maßnahmenpakete in Deutschland überein.

Italien und Spanien waren die abschreckenden Beispiele: Sie erlebten schon zu Beginn der Corona-Pandemie so rapide Anstiege der Covid-19-Fallzahlen, dass dies Kliniken und Gesundheitssystem überforderte. Die drastischen Szenen aus italienischen Krankenhäusern führten dazu, dass auch hierzulande die Sorge vor einer solchen Eskalation wuchs. Unter anderem deshalb beschloss die Bundesregierung – ähnlich wie zuvor schon die Regierungen anderer Länder – einen weitgehenden Lockdown: Schulen und Geschäfte wurden geschlossen, Veranstaltungen verboten und Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren erlassen. Inzwischen wurden viele dieser Maßnahmen wieder gelockert und auch die große Welle der Covid-Fälle blieb in Deutschland aus. Das jedoch weckt bei einigen Menschen nun Zweifel daran, ob die harten Maßnahmen überhaupt nötig waren: Wäre die Epidemie möglicherweise ohnehin weniger dramatisch ausgefallen, als es anfänglich postuliert wurde?

Blick zurück auf die Epidemie-Entwicklung

Wissenschaftler bezeichnen diese Zweifel als Präventionsparadox: Gerade weil vorbeugende Maßnahmen greifen, gibt es keine Belege zu ihrer Wirksamkeit. Denn die ohne diese Maßnahmen befürchteten Folgen bleiben ja aus. Das macht es meist schwer, im Nachhinein zu beweisen, dass die Einschnitte nötig und wirksam waren. Doch im Fall der Corona-Epidemie gibt es bei uns in Deutschland eine Möglichkeit, die Wirksamkeit der Maßnahmen auf den Epidemieverlauf zu überprüfen: Weil das öffentliche Leben in drei zeitlich getrennten Schritten heruntergefahren wurde, kann man für jedes dieser Maßnahmenpakete nachvollziehen, ob es einen Einfluss auf die Übertragungsrate und die Zahl der Neuinfektionen hatte. Genau dies haben nun Forscher um Jonas Dehning vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen untersucht.

Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler die Covid-19- Fallzahlen in Deutschland aus und verglichen die Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 in vier Phasen der Epidemie: Vor Beginn der Maßnahmen, nach der Absage großer öffentlicher Veranstaltungen um den 8. März 2020, nach der Schließung von Bildungseinrichtungen und vielen Geschäften am 16. März und nach der weitreichenden Kontaktsperre am 22. März. Dabei rechneten sie mit ein, dass Neuinfektionen in der Regel erst mit gut einer Woche Verzögerung gemeldet werden, weil die Symptome erst nach fünf bis sechs Tagen auftreten und dann bis zum Testergebnis noch einmal bis zu drei Tage vergehen. Mithilfe eines epidemiologischen Modells ermittelten die Forscher die Ausbreitungsrate des Coronavirus in Form mehrerer Kennzahlen, darunter die Reproduktionsrate und die Wachstumsrate. Die Wachstumsrate gibt die Zahl der Neuinfektionen minus der Zahl der Genesenen an. „Wenn die effektive Wachstumsrate größer ist als Null, steigen die Fallzahlen exponentiell, ist sie kleiner als Null, dominiert die Genesung und neue Fälle gehen zurück“, erklären Dehning und sein Team.

Drei Einschnitte erkennbar

Die Auswertungen ergaben deutliche Hinweise auf einen Zusammenhang von Maßnahmen und Epidemie-Entwicklung in Deutschland: „Wir haben klare Belege für drei Veränderungspunkte im Epidemieverlauf gefunden“, berichten die Forscher. Der erste dieser Wendepunkte ereignete sich etwa ab dem 7. März 2020 und halbierte die Wachstumsrate. „Dieses Datum stimmt mit dem Timing der ersten Regierungsmaßnahmen überein, zu denen die Absage von Großveranstaltungen gehörte, aber auch mit der erhöhten Wachsamkeit der Bevölkerung“, berichten Dehning und sein Team. Die zweite in den Fallzahlen erkennbare Stufe folgte um den 16. März. „Dieser zweite Change Point passt zum Timing des zweiten Maßnahmenpakets, bei dem Schulen und einige Geschäfte geschlossen wurden“, so die Forscher. Diese Maßnahmen senkten die Wachstumsrate auf nur noch ganz knapp über Null.

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Den dritten Einschnitt gab es den Daten zufolge am 24. März. „Dieses Datum passt zum Inkrafttreten des dritten Maßnahmenpakets mit den Kontaktsperren und der Schließung aller nicht essenziellen Geschäfte“, sagen Dehning und sein Team. „Erst nach dieser dritten Intervention sank die mittlere Wachstumsrate unter Null und zeigte so ein Absinken der Neuinfektionen an.“ Nach Ansicht der Wissenschaftler zeigt der Epidemieverlauf in Deutschland damit deutlich, dass die Eindämmungsmaßnahmen eine konkrete, nachvollziehbare Wirkung hatten. „Wir haben nach jeder dieser Maßnahmen und der entsprechenden Verhaltensänderung der Bevölkerung eine deutliche Reduktion der Ausbreitungsrate festgestellt“, so Dehning und sein Team. „Unsere Ergebnisse zeigen aber auch, dass das volle Ausmaß der Maßnahmen nötig war, um das exponentielle Wachstum zu stoppen.“ Wie sich die Virenausbreitung und die Covid-19-Fallzahlen im Zuge der Lockerungen entwickeln werden, ist allerdings noch unklar. „Die ersten Effekte der Lockerungen vom 20. April sehen wir erst seit Kurzem in den Fallzahlen“, erklärt Dehnings Kollege Michael Wilczek. „Und bis wir die Lockerungen vom 11. Mai bewerten können, müssen wir ebenfalls zwei bis drei Wochen warten.“

Quelle: Jonas Dehning (Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, Göttingen) et al., Science, doi: 10.1126/science.abb9789

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