Covid-19: Bluthochdruck erhöht das Sterberisiko - wissenschaft.de
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Covid-19: Bluthochdruck erhöht das Sterberisiko

BLutdruckmessen
Blutdruckmessen (Bild: Andrey Popov/ iStock)

Im Zuge der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass bei Menschen mit Vorerkrankungen Covid-19 häufiger schwer verläuft und sie auch eher an den Folgen der Infektion sterben – das gilt unter anderem für Menschen mit Bluthochdruck. Wie hoch deren Risiko ist und welche Rolle die Einnahme von Blutdrucksenkern spielt, klärt nun eine Studie aus China. Dort starben Bluthochdruck-Patienten gut doppelt so häufig an Covid-19 wie Menschen ohne erhöhten Blutdruck. Diejenigen, die Blutdrucksenker einnahmen, konnten ihr Risiko jedoch stark verringern.

In Deutschland leiden rund 20 bis 30 Millionen Menschen unter einem zu hohen Blutdruck – und längst nicht alle davon sind Senioren in fortgeschrittenem Alter. So weist beispielsweise jeder fünfte Mann im Alter von 40 bis 49 Jahren zu hohe Werte auf und selbst Kinder können schon unter zu hohem Blutdruck leiden. Beobachtungen im Zuge der Corona-Pandemie legen jedoch schon länger nahe, dass Bluthochdruck-Patienten zu den Risikogruppen für einen schweren Verlauf von Covid-19 gehören – möglicherweise, weil bei ihnen Blutgefäße und Herz oft schon vorgeschädigt sind. Hinzu kommt, dass die Medikamente gegen Bluthochdruck häufig am sogenannten Renin-Angiotensin-System ansetzen und die Wirkung des Blutdruckhormons Angiotensin 2 hemmen oder dieses Hormon schneller abbauen. Das wirkt einer Verengung der Gefäße entgegen und senkt so den Blutdruck. Doch das gleiche System spielt auch eine Rolle für die Infektion mit Sars-CoV-2: Das Virus nutzt einen Angiotensin-Rezeptor auf der Zelloberfläche, den sogenannten ACE2-Rezeptor, um in die Zellen einzudringen.

Doppelt so hohes Sterberisiko bei Bluthochdruck

Diese Beobachtungen geben schon länger Anlass zur Frage, wie hoch das Risiko für Bluthochdruckpatienten bei Covid-19 konkret ist und wie sich die Einnahme von Blutsdrucksenker auswirkt. Bislang gab es dazu aber nur wenige, stark variierende Aussagen. Weil viele Blutdruckpatienten aufgrund ihres Alters oder weiterer Erkrankungen wie Diabetes außerdem gleich in mehrfacher Hinsicht zu Risikogruppen gehören, war es bislang schwer, den konkreten Effekt allein des Bluthochdrucks aus diesen Daten zu ermitteln. Jetzt liefert eine der bislang umfangreichsten Studien zu diesem Thema mehr Aufschluss. Dafür haben Chao Gao vom Xijing Hospital die medizinischen Daten aller 2866 Covid-19-Patienten ausgewertet, die vom 5. Februar bis 15.März 2020 im Huo Shen Shan Hospital in Wuhan behandelt wurden. Von diesen Patienten litten 850 Personen – das entspricht 29,5 Prozent unter Bluthochdruck.

Der Vergleich der Krankheitsverläufe und Sterberaten ergab, dass 34 der 850 Blutdruckpatienten an Covid-19 starben, aber nur 22 von 2027 Patienten ohne Bluthochdruck. Das entspreche einem Verhältnis von vier zu 1,1 Prozent, berichten die Forscher. „Nach Berücksichtigung von anderen Einflussfaktoren blieb noch immer ein gut doppelt so hohes Sterberisiko für Bluthochdruckpatienten bestehen“, so Gao und seine Kollegen. Zudem verlief die Covid-19-Erkrankung bei den Patienten mit erhöhtem Blutdruck eher schwerer und sie mussten häufiger intubiert und beatmet werden. „Es ist daher wichtig, dass Personen mit hohem Blutdruck sich dessen bewusst sind, dass sie ein erhöhtes Sterberisiko bei Covid-19 haben“, sagt Gaos Kollege Fei Li. „Gleichzeitig muss diesen Patienten mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden, wenn sie mit dem Coronavirus infiziert sind.“

Blutdrucksenker schützen

Die Auswertung zeigte aber auch, dass die Einnahme blutdrucksenkender Mittel das Sterberisiko verringern kann. So starben von den 850 Blutdruckpatienten diejenigen mit unbehandeltem Bluthochdruck zu 7,9 Prozent, bei denjenigen, die Blutdrucksenker einnahmen, lag die Todesrate nur bei 3,2 Prozent, wie die Forscher berichten. Nach Einberechnung der weiteren Einflussfaktoren ergibt sich daraus, dass ein medikamentös eingestellter Blutdruck das Risiko für einen tödlichen Verlauf von Covid-19 immerhin halbieren kann. „Wir raten daher Patienten, ihre blutdrucksenkende Behandlung nicht zu stoppen oder zu verändern, ohne mit dem Arzt Rücksprache zu halten“, betont Li. In ihrer Studie gab es zudem keine Anzeichen dafür, dass ACE-Hemmer und andere am Angiotensin-System ansetzende Wirkstoffe einen negativen Effekt auf den Verlauf der Coronavirus-Infektion hatten.

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„Im Gegensatz zu unserer Ausgangshypothese haben wir festgestellt, dass diese Medikamente nicht mit einem erhöhten Sterberisiko bei Covid-19 verknüpft waren“, berichtet Li. „Stattdessen könnten sie sogar schützend wirken.“ In einer ergänzenden Metaanalyse haben er und sein Team deshalb anhand der Daten von knapp 2300 weiteren Covid-19-Patienten näher untersucht, ob es einen Unterschied zwischen den am Angiotensin-System ansetzenden Blutdrucksenkern und anderen Wirkstoffen wie Betablockern, Kalziumkanal-Blockern und Diuretika in Bezug auf Covid-19 gibt. Das Ergebnis: Die mit Angiotensin-Hemmern behandelten Patienten hatten ein leicht niedrigeres Sterberisiko verglichen mit den Patienten, die andere Blutdrucksenker einnahmen. Allerdings betonen die Wissenschaftler, dass diese ersten Eindrücke auf noch zu wenigen Patienten beruhen, um definitive Aussagen über den spezifischen Effekt verschiedener Blutdruckmittel zu treffen. „Die Daten zeigen aber ganz klar, dass unbehandelte Bluthochdruckpatienten das höchste Risiko haben“, so die Forscher.

Auch Organisationen wie die Deutsche Hochdruckliga und die Deutsche Herzstiftung empfehlen allen Patienten mit Bluthochdruck, ihre blutdrucksenkenden Medikamente weiter wie verschrieben einzunehmen. „Gerade für diese Patientengruppe ist die konsequente Einnahme ihrer Herzmedikamente wichtig, um ihr Herz im Falle einer Infektion mit Covid-19 oder einer anderen viralen oder bakteriellen Infektion nicht zusätzlich zu gefährden“, betont Thomas Meinertz vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung.

Quelle: Chao Gao (Xijing Hospital, Xi’an) et al., European Heart Journal, doi: 10.1093/eurheartj/ehaa433
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