von THOMAS KÖHLER
Lange Zeit blieben die Riesenviren unentdeckt. Denn aufgrund ihrer ungewöhnlichen Größe erkannten Virologen sie unter dem Mikroskop nicht als Viren, sondern hielten das, was sie da sahen, für Bakterien. Als mit dem sogenannten Mimivirus 2003 das erste Riesenvirus von französischen Forschern identifiziert wurde, war die Verwunderung groß: Mit 0,75 Mikrometern besaß es die Größe eines kleinen Bakteriums. Doch nicht nur das: Es hatte knapp 1000 Gene – eine für Viren bis dahin unvorstellbare Zahl. Zum Vergleich: Das Aids auslösende HI-Virus besitzt lediglich 9 Gene. Im Lauf der Zeit wurden dann viele neue und immer größere Riesenviren entdeckt. So sind die Megaviren 10- bis 30-mal so groß wie ein Durchschnittsvirus, während manche Vertreter der Pandoraviren mehr als 2000 Gene aufweisen. Damit haben einige Riesenviren größere Genome als einfache zelluläre Lebensformen. Die Virusgiganten sind nicht nur eine mikrobiologische Kuriosität, sondern sie sind auch aus evolutionsbiologischer Sicht hochinteressant: Wie sind sie entstanden, und warum ist ihr Genom so groß?
Alle Viren sind auf ihren Wirt angewiesen, um Proteine und Energie herzustellen und um sich fortzupflanzen. Sie dringen in die Wirtszelle ein und benutzen deren Gen- und Protein-Arsenal für ihre eigenen Zwecke. Aus diesem Grund werden Viren von vielen Forschern nicht als zelluläre Lebewesen angesehen. Wissenschaftler waren daher sehr verwundert, als sie im Genom von Riesenviren einen fast kompletten Proteinbiosynthese-Apparat entdeckten. Er sorgt für die Transkription und Translation, also die Bildung von Proteinen anhand der Erbinformation. Um unabhängig vom Wirt Proteine herstellen zu können, fehlen aber noch einige Komponenten, zum Beispiel das Ribosom, der Ort, an dem einzelne Aminosäuren zu Proteinen zusammengesetzt werden. Dennoch: Warum sollten Viren zelluläre, proteinbildende Gene besitzen, wenn sie doch parasitär leben und diese Gene somit gar nicht brauchen?
Riesenviren im Stammbaum des Lebens
„Wer so viele Transkriptions- und Translationsgene mit sich trägt, muss von einem zellulären Organismus abstammen“, formuliert der Riesenviren-Forscher Matthias Fischer vom Max-Planck-Institut für medizinische Forschung in Heidelberg die Hypothese, die manche Wissenschaftler zunächst vertreten haben. Ihre Vermutung: Riesenviren haben sich aus einem ursprünglichen zellulären Organismus zurückentwickelt und sind dadurch parasitär geworden. Das wäre sensationell – würde es doch bedeuten, dass Riesenviren im Stammbaum des Lebens, der die Ursprünge und Beziehungen verschiedener Lebewesen zueinander darstellt, ihren eigenen Platz haben. Und das, obwohl Viren als nicht-zelluläre Organismen von vielen Wissenschaftlern nicht einmal als lebendig betrachtet werden.





