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Das kleinere Übel
Der Markt für E-Zigaretten wächst. Der deutsche Branchenverband rechnet für das Jahr 2022 mit einem Umsatz von 300 Millionen Euro. Das sind 7 Prozent mehr als im Vorjahr. 16 Jahre nach der Zulassung der ersten E-Zigarette in Europa hat sich das Produkt etabliert. In Irland ist der Anteil der E-Zigarettennutzer laut dem Eurobarometer 2021 mit 7 Prozent der Bevölkerung europaweit am höchsten. In Deutschland greifen nach Angaben des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) 4 Prozent der Erwachsenen regelmäßig zu dem elektrischen Rauchprodukt. Bemerkenswert: Zwei Drittel rauchen zusätzlich herkömmliche Tabakprodukte.
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von RAINER KURLEMANN
Der Markt für E-Zigaretten wächst. Der deutsche Branchenverband rechnet für das Jahr 2022 mit einem Umsatz von 300 Millionen Euro. Das sind 7 Prozent mehr als im Vorjahr. 16 Jahre nach der Zulassung der ersten E-Zigarette in Europa hat sich das Produkt etabliert. In Irland ist der Anteil der E-Zigarettennutzer laut dem Eurobarometer 2021 mit 7 Prozent der Bevölkerung europaweit am höchsten. In Deutschland greifen nach Angaben des Bundesinstituts für Risikoforschung (BfR) 4 Prozent der Erwachsenen regelmäßig zu dem elektrischen Rauchprodukt. Bemerkenswert: Zwei Drittel rauchen zusätzlich herkömmliche Tabakprodukte.
In einer elektrischen Zigarette werden die Bestandteile nicht verbrannt, sondern durch eine elektrische Heizung so stark erwärmt, dass sie verdampfen. Gebräuchlich sind zwei Techniken: Im Tabakerhitzer werden spezielle Tabaksorten oder Tabaksalze direkt erwärmt. Beliebter sind aber die sogenannten E-Zigaretten, in denen eine Flüssigkeit über eine Heizspirale erhitzt wird und Dampf bildet. Diese Flüssigkeit, Liquid genannt, besteht aus den Verdampfungsmitteln Propylenglycol und Glycerin sowie Aromen. E-Zigaretten können mit und ohne Nikotin verwendet werden.
Dustin Dahlmann, Vorsitzender des Bündnisses für Tabakfreien Genuss, wird nicht müde, die Vorteile von E-Zigaretten zu nennen: „Wir verstehen unser Produkt als gesünderen Ersatz für die Tabakzigarette.“ Dahlmann vertritt kleine und mittelständische deutsche Firmen, die E-Zigaretten herstellen und verkaufen. „99,7 Prozent unserer Kunden sind Raucher oder ehemalige Raucher“, sagte er bei einem Forum des BfR zum Verbraucherschutz Ende April. Damit widerspricht Dahlmann der weitverbreiteten Vermutung, dass die süßen und fruchtigen Geschmacksrichtungen der E-Zigaretten auch für Nichtraucher attraktiv wären und vor allem Jugendliche und junge Erwachsene zum Konsum verführen würden.
Besser als Tabak
Dahlmann kämpft als Branchenvertreter gegen den schlechten Ruf der E-Zigaretten. Der Streit um die Gesundheitsgefahren durch das Dampfen ist so alt wie die E-Zigarette selbst. Nach jahrelanger hitziger Diskussion gelten zwei zuvor strittige Aussagen inzwischen als wissenschaftlich gesichert. Erstens: Auch die E-Zigarette schädigt die Gesundheit der Konsumenten. Und zweitens: Die Gesundheitsgefahr ist im Vergleich zur Tabakzigarette geringer. Wie groß dieser Unterschied ist, lässt sich nach derzeitigem Forschungsstand nicht beziffern. Zum einen verändern sich ständig die Inhaltsstoffe der Liquids und auch die Technik des Verdampfers. Zum anderen haben viele Konsumenten zuvor jahrelang geraucht, sodass die Ursachen einer zigarettenbedingten Erkrankung nicht klar zugeordnet werden können.
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Die Befürworter des Dampfens verwendeten lange einen Bericht der britischen Gesundheitsbehörden als Hauptargument. Demnach seien E-Zigaretten um 95 Prozent weniger gefährlich als herkömmliche Zigaretten. Die britischen Forscher hatten gemessen, dass nur fünf Prozent der krebserzeugenden und mutmaßlich krebserzeugenden Substanzen, die beim Verbrennen von Tabak entstehen, im Dampf der E-Zigarette vorhanden sind. Diese gefährlichen Stoffe entstehen in der Glutzone einer herkömmlichen Zigarette bei 800 bis 900 Grad. Der Raucher saugt den Verbrennungsrauch während des Zugs an der Zigarette durch eine etwa 600 bis 200 Grad heiße Zone. Chemisch gesehen findet dort eine Pyrolyse statt: Die Wärme spaltet Moleküle der Rauchbestandteile auf, die sich daraufhin neu formieren. Weil Sauerstoff fehlt, bildet sich unter diesen Bedingungen beispielsweise das krebserregende Benzo[a]pyren. Solche Temperaturen werden in der E-Zigarette nicht erreicht, sie bleiben meist deutlich unter 200 Grad.
Doch in E-Zigaretten entstehen andere Schadstoffe und ungesunde Prozesse. Bei neuen Forschungsarbeiten wurden Zellkulturen im Labor verdampften Liquids ausgesetzt. „Wir finden deutliche Entzündungszeichen beispielsweise bei Zellen, die das Innere der Lunge auskleiden“, berichtet der Lungenarzt Klaas F. Franzen vom Universitätsklinikum in Lübeck. Die bedampften Zellen produzieren vermehrt Zytokine: Botenstoffe, die bei einer Reaktion des Immunsystems gebildet werden. „Der Dampf aus dem Liquid enthält Substanzen, die eine Entzündung der Lunge befeuern“, sagt Franzen. Diese Beobachtung sei unabhängig davon, ob der Dampf Nikotin enthalte oder nicht. Aus dem Alltag im Krankenhaus weiß er, dass diese Entzündungen auch die kleineren Atemwege tief in der Lunge erreichen.
Studien zeigen, dass durch den Dampf sogenannte Proteinasen freigesetzt werden, die einen chronischen Umbau der Lunge mit einer verschlechterten Lungenfunktion herbeiführen könnten, sagt Franzen. Neben den Entzündungssymptomen wurde auch ein verfrühter Tod von Lungenzellen nachgewiesen. Ebenso gilt als wissenschaftlich gesichert, dass E-Zigaretten ähnlich wie Tabakprodukte die Anfälligkeit des Atmungsorgans für eine Infektion beispielsweise mit Bakterien wie Streptokokken oder Grippeviren erhöhen. „Zwar lassen die bisherigen Daten den Schluss zu, dass E-Zigaretten weniger gesundheitliche Risiken haben als herkömmliche Zigaretten“, sagt Franzen. Aber den Wert von 95 Prozent Verbesserung, den die britische Studie ermittelt haben will, hält er für viel zu hoch angesetzt.
Giftige Inhaltsstoffe
Elke Pieper vom BfR bestätigt, dass der Schadstoffgehalt in den Emissionen einer E-Zigarette im Vergleich zum Rauch einer normalen Zigarette stark reduziert ist. Aber dennoch scheint der Körper darauf zu reagieren: Typische Biomarker im Urin wie Acrylnitril und Acrolein, die bei Rauchern deutlich erhöht sind, lieferten in den Untersuchungen des BfR auch bei Dampfern höhere Werte als bei Nichtrauchern. Das giftige Acrylnitril kommt im Urin von Nichtrauchern nicht vor, von Acrolein messen die Forscher bei E-Zigaretten-Konsumenten etwa 30 Prozent mehr als bei Nichtrauchern.
Den Wissenschaftlern fällt es schwer, die Gefahren durch E-Zigaretten einheitlich zu bewerten, weil es viele Einflussfaktoren gibt. „Die Schädigung von Lungengewebe ist beispielsweise abhängig von der gewählten Geschmacksrichtung“, sagt Pieper. Im Dampf lassen sich häufig Carbonyl-Verbindungen nachweisen, deren gesundheitsschädliche Wirkung bekannt ist. Einige können Krebs auslösen, andere stehen zumindest im Verdacht, das zu tun. Auch giftige Metalle wie Nickel, Chrom und Blei, die aus den Metalllegierungen der Heizspirale stammen, werden immer wieder gefunden. Abgesehen vom Liquid und den darin enthaltenen Aromen spielt auch der Aufbau des Geräts eine Rolle dabei, wie schädlich der Dampf ist. Wichtig ist zudem, mit welcher Temperatur die E-Zigarette verwendet wird. Ähnlich wie in der Pyrolysezone einer Zigarette können sich die Bestandteile des Liquids bei höheren Temperaturen zersetzen und zu unerwünschten Stoffen neu kombinieren. Die Experten am BfR raten den Dampfern deshalb, Extremeinstellungen am Gerät zu vermeiden.
Trotz aller Beteuerungen der Hersteller sind die verwendeten Liquids und Aromen eine Blackbox für die Konsumenten. Sie können nicht sicher sein, wie gefährlich der Dampf für sie ist. Das gilt manchmal sogar dann, wenn die Mischungen in ausgewiesenen Fachgeschäften gekauft wurden und nicht aus dubiosen Quellen im Internet stammen. Das chemische Untersuchungsamt Baden-Württemberg in Sigmaringen hat von 2019 bis 2021 etliche Liquids eingekauft und ihre Zusammensetzung untersucht. „Der Nikotingehalt entspricht in Deutschland fast immer dem auf der Packung genannten Wert“, berichtet Miriam Laible nach der Analyse von 346 Produkten mit und ohne Nikotin. Befürworter der E-Zigarette in Deutschland sagen, dass Nikotinsüchtige ihre tägliche Dosis senken können, indem sie stufenweise auf Liquids mit geringeren Nikotingehalten wechseln – bis sie nikotinfrei dampfen. Aber in der Praxis gelingt das nur selten.
Untersuchungen der weiteren Inhaltsstoffe zeigen, dass die Hersteller sich nicht in jeder Hinsicht an gesetzliche Vorgaben halten. Die Verbraucherschützer haben 201 Liquids gezielt auf 33 Aromastoffe analysiert. Dazu gehörten fünf Substanzen, deren Verwendung in Tabakerzeugnissen wegen der Gesundheitsgefahr verboten ist. Für E-Zigaretten gelten inzwischen meist ähnliche Regelungen, seit 2020 unterliegen sogar nikotinfreie Liquids den Verordnungen für Tabakerzeugnisse und verwandte Erzeugnisse. In 15 Proben konnten die Forscher die verbotenen Substanzen nachweisen, das sind immerhin 7,5 Prozent der Liquids. Zudem wurden 18 Substanzen entdeckt, die Allergien auslösen können, deren Verwendung aber nicht verboten ist.
Unsichere Herstellung
Ein weiteres Beispiel belegt, dass die Vertrauenswürdigkeit von einigen Firmen der Branche als fragwürdig eingestuft werden muss. Als das Labor in Sigmaringen 27 angeblich cannabidiolhaltige Liquids untersuchte, ließ sich in 5 Produkten kein Cannabidiol nachweisen, und 8 weitere enthielten deutlich weniger, als der Hersteller angegeben hatte. Diese Stichproben sind nicht repräsentativ, aber sie zeigen, dass nicht alle Hersteller vorbildlich agieren.
Die Zusammensetzung der Liquids hat die E-Zigarette zwischenzeitlich in Verruf gebracht. In den USA starben 2019 und 2020 nach dem Gebrauch mehr als 60 Menschen an den Folgen einer Lungenschädigung. Die Dampfer hatten die E-Zigaretten quasi als E-Joint verwendet, die Aromen illegal erworben und das Hanf-Rauschmittel THC konsumiert. Die Produkte wurden von den Händlern mit Vitamin-E-Acetat gestreckt, das als Dampf beim Einatmen in der Lunge schlimme Folgen hat. Wie genau Vitamin-E-Acetat der Lunge schadet, ist nicht bekannt. Vermutlich reichert sich der Stoff in den Lungenbläschen an, was etwa die Aufnahme von Sauerstoff behindert. Die Schlagzeilen aus den USA sorgten auch für einen Umsatzeinbruch im europäischen Markt, obwohl in Europa keine Vergiftungsfälle bekannt sind. Mittlerweile hat sich die Branche erholt, und nach kurzer Einbuße geht der Trend wieder aufwärts.
Das Beispiel Vitamin-E-Acetat zeigt, wie unsicher die Herstellung der Liquids ist. Die Substanz ist für die Produktion von Lebensmitteln und Kosmetika zugelassen. Dort wird sie verwendet, weil der Körper das stabile Acetat leicht zum Vitamin umwandeln kann. Aber Pieper gibt zu bedenken: „Nicht jede Substanz, die unbedenklich in Kosmetika oder Nahrungsmitteln verwendet werden kann, ist auch für die Inhalation geeignet.“ Das BfR rät auch deshalb davon ab, Liquids und Aromen selbst zu mischen. Aber auch in fertig gekauften Liquids werden Aromen verwendet, mit denen man in anderen Produkten gute Erfahrungen gemacht hat – obwohl sie bisher nicht ausreichend auf mögliche schädliche Wirkungen in der Lunge untersucht wurden.
Das wichtigste Anwendungsgebiet der E-Zigarette bleibt die Tabakentwöhnung von Rauchern. In Deutschland ist die Quote der Zigaretten-Raucher mit Blick auf den Trend, erhoben in der zweimonatlichen Deutschen Befragung zum Rauchverhalten (DEBRA-Studie), mit etwas über 20 Prozent seit Jahren nahezu konstant. Nur bei Jugendlichen ist der Griff zur Zigarette weniger beliebt als früher. Für die Älteren gilt: Die meisten können sich von der Sucht nicht befreien. Für diese Gruppe ist der Umstieg auf die nikotinhaltige E-Zigarette die etwas gesündere Alternative.
Ärzteverbände lehnen zwar den Wechsel von einem Suchtmittel zu einem anderen ab, sie empfehlen vielmehr, das Rauchen komplett einzustellen. Doch Suchtmediziner wissen, dass die meisten Raucher nicht aufhören können. Denn die Sucht hat mehrere Komponenten: Einerseits die körperliche Sucht nach Nikotin. Andererseits die psychologische Sucht danach, etwas zu rauchen und zu inhalieren – und auch, etwas in den Fingern zu halten. Diese Abhängigkeit ist ebenfalls schwer zu bekämpfen. „Die Tabakabhängigkeit ist eine schwere Suchterkrankung, und die Rückfallquoten sind höher als bei allen anderen Suchterkrankungen, die wir kennen“, sagt Tobias Rüther, Oberarzt für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum München. Die Betroffenen schaffen den Rauchstopp mit nikotinhaltigen E-Zigaretten eher als mit Verhaltenstherapie oder ohne Unterstützung, sagt Rüther. Der Suchtmediziner fordert deshalb, den Einsatz der E-Zigarette zur Tabakentwöhnung zu fördern.
Allerdings müssen die Raucher komplett umsteigen, sonst profitieren sie nicht von der E-Zigarette. Wer ein tägliches Pensum von mehr als 15 Tabak-Zigaretten durch das Dampfen auf die Hälfte reduzieren kann, fühlt sich zwar gesünder, weil sich Hustenreiz und Kurzatmigkeit bessern. Das Risiko für Herzinfarkt und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringert sich aber nicht, solange weitergeraucht wird. Denn dieses erhöhte Risiko bleibt für Raucher auch bei wenigen herkömmlichen Zigaretten am Tag erhalten. Wenn die Liquids Nikotin enthalten, sind die Konsumenten auch bei E-Zigaretten süchtig. Und auch ohne das Suchtmittel sind die Substanzen in E-Zigaretten in jedem Fall gesundheitsschädlich.
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