Dem Altersjuckreiz auf der Spur - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Gesundheit+Medizin

Dem Altersjuckreiz auf der Spur

Lästiger Juckreiz ohne erkennbaren Grund tritt mit zunehmendem Alter häufiger auf. (Foto: Deepblue/ iStock)

Im Alter reagieren manche Menschen zunehmend empfindlich auf taktile Reize. Schon eine sanfte Berührung oder die Kleidung auf der Haut können dann einen unangenehmen Juckreiz auslösen. Forscher sind nun möglicherweise der Ursache hinter diesem rätselhaften Phänomen auf die Schliche gekommen. Demnach könnte der altersbedingte Verlust sogenannter Merkel-Zellen in der Epidermis verantwortlich für das Jucken sein. Diese Rezeptoren reagieren auf Druck – und unterbinden offenbar auch fälschlicherweise ausgelöste Juckreize, legen Experimente mit Mäusen nahe.

Jeden Menschen juckt es ab und zu einmal. Ob bedingt durch einen Mückenstich oder einen kratzigen Pulloverstoff – das Jucken ist ein Warnsignal unseres Körpers vor potenziell schädlichen Reizen. Doch mit zunehmendem Alter interpretiert der Organismus manchmal auch eigentlich harmlose Reize als bedrohlich. So scheinen vor allem ältere Menschen schon sanfte Berührungen auf der Haut als unangenehm empfinden zu können. „Durch Berührung ausgelöstes Jucken ist ein mit dem Alter zunehmendes Phänomen“, sagt Hongzhen Hu von der Washington University School of Medicine in St. Louis. „Dies ist besonders problematisch für Menschen, die trockene Haut haben oder aufgrund von Erkrankungen wie Neurodermitis bereits an chronischem Jucken leiden.“ Salben oder andere Medikamente helfen gegen diese Form des Juckens in der Regel nicht. Es sind daher andere Behandlungsmöglichkeiten gefragt.

Dafür müssen Wissenschaftler allerdings erst einmal verstehen, wie es zu dem altersbedingten Juckreiz kommt. Gemeinsam mit einem Team um seinen Kollegen Jing Feng ist Seniorautor Hu der Ursache nun womöglich auf die Schliche gekommen. Für ihre Studie untersuchten die Forscher die Reaktion von Mäusen auf sanfte Berührungsreize. Berührten sie die Nager mit einem Nylonfaden, kratzten sich manche der Tiere danach deutlich häufiger und stärker als andere. Wie erwartet waren es vor allem alte Mäuse und solche mit trockener Haut, die als Folge des mechanischen Reizes offenbar ein unangenehmes Jucken verspürten. Doch was war der Grund? Der Verdacht des Teams: Könnte der Juckreiz etwas mit den Merkel-Zellen in der Epidermis zu tun haben? Diese Zellen reagieren auf Druck und es ist bekannt, dass sie eine besondere Rolle bei der Wahrnehmung eher leichter taktiler Reize spielen.

Weniger Zellen – stärkerer Juckreiz

Tatsächlich offenbarte sich: Die Merkel-Zellen der vom Jucken geplagten Nager zeigten eine Auffälligkeit – und zwar bezogen auf ihre Anzahl. So waren in der Epidermis der betroffenen Mäuse weniger dieser Berührungsrezeptoren vorhanden. „Je weniger Merkel-Zellen, desto größer wurde das durch Berührung ausgelöste Juckproblem“, sagt Hu. Durch chemische Reize provoziertes Jucken schien dagegen nicht mit der Zahl der Merkel-Zellen in Zusammenhang zu stehen. „Dieser Befund ist zunächst kontraintuitiv“, kommentieren Amanda Lewis und Jörg Grandl vom Duke University Medical Center in Durham. Denn sterben durch Alterungsprozesse Sinneszellen ab, führt dies normalerweise zu einer Dämpfung der Wahrnehmung – man hört oder sieht beispielsweise schlechter, wie die nicht an der Untersuchung beteiligten Mediziner erläutern. In diesem Fall löst der Verlust von Zellen dagegen ein verstärktes, ungewolltes Empfinden aus.

Wie kommt es dazu? Der genaue Mechanismus, der dahintersteckt, ist noch unklar. „Unsere Ergebnisse deuten aber daraufhin, dass die Merkel-Zellen die Juckantwort kontrollieren“, sagt Hu. Demnach lösen sanfte mechanische Reize in den Zellen die Öffnung eines Ionenkanals namens Piezo2 und schließlich die Ausschüttung von Neurotransmittern aus. Dabei werden Informationen von den Merkel-Zellen an ein Zwischenneuron weitergeleitet – und dieses hemmt daraufhin Juckreiz auslösende Erregungsreize, die von anderen, noch zu identifizierenden Rezeptoren in der Haut erzeugt werden. „Mit dem Verlust der Merkel-Zellen geht deren inhibierende Funktion verloren“, erklärt Hu.

Anzeige

Ende des Juckens in Sicht?

Er und seine Kollegen werten nun Hautproben von menschlichen Patienten aus, um eine wichtige Frage zu beantworten: Ist auch bei ihnen – bedingt durch Alterungsprozesse oder andere Faktoren – die Zahl der Merkel-Zellen in der Epidermis zurückgegangen? Falls ja, könnten sich damit in Zukunft neue Ansätze für Therapien ergeben. Die erste Möglichkeit wäre, den Verlust dieser Zellen von vornherein zu verhindern. Die zweite Möglichkeit: Man versucht, die Aktivität der wenigen verbleibenden Zellen zu steigern. Das dies zum Erfolg führen könnte, haben bereits weitere Experimente mit gentechnisch veränderten Mäusen gezeigt. In diesem Tiermodell ließen sich die Merkel-Zellen mithilfe eines chemischen Wirkstoffs aktivieren. Das Ergebnis: Bekamen die Mäuse den Wirkstoff in entsprechender Menge verabreicht, kratzten sie sich nicht mehr so häufig. „Das macht uns Hoffnung, dass wir das Jucken irgendwann auch beim Menschen kontrollieren können“, schließt Feng.

Quelle: Jing Feng (Washington University School of Medicine, St. Louis) et al., Science, doi: 10.1126/science.aar5703

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

Flug|dra|che  〈m. 17; Zool.〉 baumbewohnende Echse Südostasiens, kann mit aufstellbaren Hautfalten an den Körperseiten, die als Fallschirm wirken, von Baum zu Baum zu gleiten: Draco volans; Sy Fliegender Drache ... mehr

Os|teo|my|e|li|tis  〈f.; –, –ti|den; Med.〉 Knochenmarkentzündung

Li|te|ra|tur|his|to|ri|ker  〈m. 3〉 = Literarhistoriker

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige