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Den Wurzeln der Syphilis auf der Spur

DNA-Analyse
Analysen der alten DNA-Proben im Labor. (Bild: UZH)

Gängiger Annahme nach brachten die Seefahrer um Christoph Kolumbus die Syphilis nach Europa. Denn kurz nach ihrer Rückkehr aus der Neuen Welt grassierte die erste große Epidemie dieser Geschlechtskrankheit auf unserem Kontinent. Doch DNA-Analysen alter Skelette stellen diese Annahme nun in Frage. Sie belegen, dass ein junger Mensch in Estland schon Mitte des 15. Jahrhunderts an Syphilis litt – deutlich vor der Rückkehr von Kolumbus und seiner Mannschaft. Zudem belegen die Analysen, dass damals noch zwei weitere, von eng verwandten Erregern ausgelöste, Krankheiten in Europa umgingen.

Heute ist die Syphilis eine nahezu weltweit verbreitete Geschlechtskrankheit, an der jedes Jahr Millionen Menschen neu erkranken. Die von dem Bakterium Treponema pallidum pallidum verursachte Infektion wird vor allem bei ungeschütztem Sex übertragen, kann aber auch bei Blutransfusionen oder von der Mutter auf ihr ungeborenes Kind weitergegeben werden. Unbehandelt löst der Erreger zunächst kleine Pusteln und Geschwüre aus, kann dann aber im Spätstadium auch Gelenke, Knochen, innere Organe und das Gehirn befallen. Gerade im Anfangsstadium lässt sich die Infektion aber gut mit Antibiotika behandeln. Schon länger weiß man aus historischen Aufzeichnungen, dass es die Syphilis schon seit Jahrhunderten in Europa gibt. Die früheste bekannte Epidemie begann im Jahr 1495 nach einem französisch-italienischen Krieg und breitet sich rasant über halb Europa aus.

DNA-Test an jahrhundertealten Gebeinen

„Weil dieser erste europäische Ausbruch auch mit den ersten Expeditionen nach Amerika zusammentraf, entstand die Theorie, dass die Syphilis durch die Rückkehr des Kolumbus und seiner Mannschaft aus der Neuen Welt im Jahr 1493 nach Europa eingeschleppt wurde“, erklären Kerttu Majander von der Universität Zürich und ihre Kollegen. Andere Theorien gehen davon aus, dass der Syphilis-Erreger schon vorher in Europa präsent war – mangels Belegen ließ sich dies aber nicht nachweisen. Zwar haben Archäologen schon vor einigen Jahren in Österreich ein Skelett aus dem 14. Jahrhundert mit syphilistypischen Knochenveränderungen gefunden. Weil aber auch andere Krankheiten ähnliche Veränderungen auslösen können und kein genetischer Nachweis des Erregers vorlag, war dieser frühe Syphilisfall umstritten. Der Ursprung der „Lustseuche“ blieb daher im Dunkeln.

Inzwischen aber hat die Gewinnung und Analyse alter DNA aus historischen Gebeinen große Fortschritte gemacht. Majander und ihre Kollegen haben diese Techniken nun angewendet, um Erbgut aus neun in Nord- und Mitteleuropa bestatteten Toten aus dem 15. bis 18. Jahrhundert auf Spuren der DNA von Treponema-Bakterien zu untersuchen. Bei vier dieser Proben – zwei aus Finnland, einer aus Estland und einer aus den Niederlanden – wurden sie fündig. Vergleichsanalysen des Erregererbguts ergaben, dass einer der Toten an der Frambösie litt, einer heute nur noch in den Tropen verbreiteten Infektion mit dem Bakterium Treponema pallidum pertenue. Zwei der Proben aber, eine aus der Mitte des 15. Jahrhunderts und eine aus dem 17. Jahrhundert, wiesen Spuren des Syphilis-Erregers auf. „Diese Genome repräsentieren die ersten molekularen Nachweise diese Treponema-Unterart im frühen modernen Europa“, sagen die Wissenschaftler.

Syphilis grassierte schon vor Kolumbus Rückkehr

Aus dem Nachweis des Syphilis-Erregers in einem europäischen Skelett aus der Mitte des 15. Jahrhunderts geht hervor, dass die Syphilis schon vor der Rückkehr von Kolumbus in Europa präsent gewesen ist. „Unsere Datierungen verlegen die ersten Ansteckungen durch die Syphilis vor den ersten Kontakt zur Neuen Welt und deuten darauf hin, dass der Erreger der großen, kontinentweiten Epidemie am Ende des 15. Jahrhunderts schon vorher in der Alten Welt vorkam“, sagen Majander und ihre Kollegen. Das widerlege zwar nicht die Annahme, dass die Seefahrten in die Neue Welt neue Stämme von Treponema pallidum nach Europa einschleppten. Dennoch waren die Syphilis und ihr Erreger auch schon vorher in Europa präsent. Zusammen mit der Frambösie scheinen sich diese endemischen Erregervarianten damals vor allem im Norden Europas ausgebreitet zu haben.

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Und noch etwas entdeckte das Forschungsteam: Neben Syphilis und Frambösie gab es in Europa offenbar noch eine weitere Treponema-Unterart. Ihre Gensignatur wiesen Majander und ihr Team in den DNA-Proben des im 17. Jahrhunderts in den Niederlanden bestatteten Skelett nach. „Dieser unvorhergesehene Fund ist äußerst spannend für uns, weil diese bisher unbekannte Schwesterlinie genetische Ähnlichkeit mit allen modernen Treponema-Unterarten hat“, sagt Majander. Aufgrund ihrer Genvergleiche gehen sie und ihre Kollegen davon aus, dass dieser Erregerstamm ein gemeinsamer Vorläufer der Frambösie und einer weiteren heute existierenden Treponema-Erkrankung ist. Demnach kursierten in der europäischen Bevölkerung des Spätmittelalters und der Renaissance mehrere Treponema-Unterarten parallel. „Die verschiedenen Treponematosen könnten sich zusammen entwickelt haben und vor oder während interkontinentaler Kontakte genetisches Material ausgetauscht haben“, sagt Majanders Kollegin Verena Schünemann. Ob und wie dies geschah, ist jedoch noch ungeklärt.

Quelle: Kerttu Majander (Universität Zürich) et al., Current Biology, doi: 10.1016/j.cub.2020.07.058

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