Der Wetterfrosch in uns - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusGesundheit & Medizin
Der Wetterfrosch in uns
von JÜRGEN BRATER (Text) und RICARDO RIO RIBEIRO MARTINS (Illustrationen)
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Der Wetterbericht im Fernsehen hat es angekündigt: Mit Sonnenschein und angenehmen Wohlfühltemperaturen wird es spätestens morgen vorbei sein. Und tatsächlich ziehen schon in der Nacht Wolken auf, der Wind wird stärker, am Ende ist alles grau in grau. Ein typischer Wetterumschwung, der vielen Menschen aufs Gemüt schlägt: Sie bekommen schlechte Laune und haben kaum Lust, nach draußen zu gehen.
Bei manchen Menschen scheinen die meteorologischen Veränderungen sogar körperliche Beschwerden auszulösen, etwa Kopfschmerzen und Abgeschlagenheit. Solche Symptome fasst man unter dem Begriff „Wetterfühligkeit“ oder mit dem Fachausdruck „Biotropie“ (auch „Meteoropathie“) zusammen. Dabei lassen sich zwei Formen unterscheiden: die „Wetterempfindlichkeit“ bei bestehenden Vorerkrankungen und die „Wetterfühligkeit“ im engeren Sinne. Unter letzterer versteht man, dass Menschen klimatische Umschwünge schon spüren, bevor diese überhaupt eintreffen. Doch während die körperliche und psychische Anfälligkeit meteorologischen Veränderungen gegenüber bei gesundheitlich angeschlagenen Menschen allgemein anerkannt ist, scheiden sich bei der Vorfühligkeit die Geister: Einige Wissenschaftler lehnen sie als pure Einbildung rundweg ab, andere bieten dafür mehr oder weniger plausible Erklärungen an und weisen als Beleg für die tatsächliche Existenz des Phänomens darauf hin, dass die Unfallhäufigkeit laut Verkehrsstatistik bei aufziehenden Gewittern um über sieben Prozent und bei einem Wechsel von kühler zu feuchtwarmer Luft sogar um neun Prozent steigt.
Widersprüchliche Studien
Im Jahr 2013 befragte das Institut für Demoskopie Allensbach im Rahmen einer umfangreichen, vom Deutschen Wetterdienst in Auftrag gegebenen Studie 1623 Bundesbürger zu diesem Thema. Dabei äußerte rund die Hälfte der Befragten die Überzeugung, das Wetter habe auf ihre Gesundheit einen spürbaren Einfluss. Am häufigsten wurden folgende Symptome genannt: Kopfschmerzen und Migräne (59 Prozent), Müdigkeit (55 Prozent), Abgeschlagenheit (49 Prozent), Gelenkschmerzen (42 Prozent) sowie Schlafstörungen (40 Prozent). 29 Prozent – und damit fast ein Drittel der Befragten – gaben sogar an, im Jahr vor der Befragung mindestens einmal witterungsbedingt nicht in der Lage gewesen zu sein, ihrer normalen Tätigkeit nachzugehen.
Bemerkenswert ist dabei, dass Frauen deutlich heftiger auf Wetterumschwünge reagieren als Männer, ebenso ältere ausgeprägter als junge Menschen. Außerdem haben biometeorologische Untersuchungen ergeben, dass labile Personen mit pessimistischer Grundeinstellung, geringer Frustrationstoleranz und Kontaktschwierigkeiten heftiger auf Wetterphänomene reagieren als selbstbewusste, ausgeglichene Mitmenschen.
Mehr aus Gesundheit & Medizin
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Gesundheit & Medizin.
Die Studienlage zur „Wetterfühligkeit“ ist allerdings nicht eindeutig. Und es fällt auf, dass sämtliche Literatur zu dem Thema aus dem deutschsprachigen Raum stammt. In den meisten anderen Ländern gibt es für das Phänomen nicht einmal ein eigenes Wort. Dennoch ist die Biotropie nach Ansicht etlicher Experten keine Einbildung. „Auch wenn die kausalen Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt sind, haben dies zahlreiche Studien belegt“, betont Andreas Matzarakis vom Zentrum für medizin-meteorologische Forschung des Deutschen Wetterdienstes in Freiburg. „Krank macht allerdings nicht das Wetter selbst. Vielmehr greift es nur bereits vorhandene Schwachstellen an. Ein Wetterumschwung wirkt bei solchen Menschen wie ein zusätzlicher belastender Faktor, der das Fass zum Überlaufen bringt. Nicht das Wetter an sich ist also an der Krankheit schuld, vielmehr verstärken bestimmte atmosphärische Bedingungen die schon vorhandenen Symptome.“
Wie wirkt Wetter?
Eine Erklärung lautet: Unser Körper versucht mit allen Mitteln, seine optimale Betriebstemperatur von 37 Grad Celsius aufrechtzuerhalten. Sinkt nun die Umgebungstemperatur in kurzer Zeit stark ab, veranlasst das Gehirn, dass sich die peripheren Gefäße zusammenziehen, damit das Blut bevorzugt die lebenswichtigen inneren Organe erreicht. Die Folge: Das Herz muss gegen einen stärkeren Widerstand anpumpen, der Blutdruck steigt. Schlimmstenfalls verengen sich dabei sogar die Herzkranzgefäße, und schließlich wird auch das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Bei Menschen, die ohnehin schon unter arteriosklerotisch veränderten Gefäßen leiden, kann das ein Druckgefühl in der Brust, aber auch Kopfschmerzen und Schwindel auslösen. Bei gravierenden Wetterumschwüngen, etwa einem massiven Temperatursturz, steigt nachweislich das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Und eine im Mai 2022 im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlichte Untersuchung von Forschern der australischen Monash University in Melbourne mit Probanden aus 43 Ländern und Regionen zeigt, dass selbst kurzfristige Temperaturschwankungen mit einem erhöhten Sterberisiko verbunden sind. Demnach gehen 3,4 Prozent aller Todesfälle in den Jahren 2000 bis 2019 auf derartige meteorologische Phänomene zurück.
Daneben gibt es noch eine Reihe weiterer krankhafter Prozesse, die durch massive atmosphärische Veränderungen zumindest begünstigt werden. Das lässt sich nach einer Hypothese von Wissenschaftlern der Universität Zürich möglicherweise darauf zurückführen, dass sich bei abrupten Wetterveränderungen die Aktivität des vegetativen Nervensystems, das die unbewussten körperlichen Reaktionen steuert, ändert, und das kann Entzündungsprozesse sowie die Schmerzwahrnehmung verstärken. Denkbar ist auch, dass sich bei plötzlichem Luftdruckabfall die Gelenke ausdehnen, was über eine vermehrte Spannung in der umgebenden Haut und den Bändern durchaus Beschwerden verursachen kann. Schließlich gibt es noch eine Erklärung, der zufolge der wetterbedingte Stimmungsumschwung im Gehirn dazu führt, Schmerzsignale verstärkt wahrzunehmen. Doch alle diese Theorien lassen sich nicht eindeutig verifizieren.
Bei Patienten mit chronischer Bronchitis reizen große Luftfeuchtigkeit und Kälte die ohnehin schon angegriffenen Schleimhäute. Speziell an Tagen mit dichtem Nebel verengen sich die Bronchien noch weiter, und die Atmung wird behindert. Manche Patienten berichten, dass sich die Luftwege regelrecht abgeschnürt anfühlten.
Einen besonders starken Einfluss haben meteorologische Veränderungen auf viele Patienten mit Asthma. Vor allem abrupte Temperaturwechsel machen ihnen zu schaffen. Die Atmung beginnt zu pfeifen, und es kann sogar zu Anfällen mit akuter Luftnot kommen. Das ist besonders einen Tag bis drei Tage nach Durchgang einer Kaltfront, gefolgt von einer Warmfront, der Fall.
Allgemein bekannt ist zudem ein witterungsbedingter Phantomschmerz in nicht mehr vorhandenen Gliedmaßen. Auch viele Menschen mit rheumatischen Erkrankungen, mit Arthrose oder chronischen Rückenleiden klagen bei einem Umschlag von heiterem zu feucht-kaltem Wetter vermehrt über Schmerzen. Eine Sonderrolle bei den Krankheiten, die durch klimatische Veränderungen ausgelöst oder zumindest verschlimmert werden, spielen Allergien (mehr dazu im Interview mit der Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann).
Und wie steht es mit der Fähigkeit, unmittelbar bevorstehende Wetterumschwünge, etwa Schneefall am kommenden Tag, aufgrund körperlicher Symptome vorherzusagen? Wie bereits erwähnt, scheiden sich hier die Geister der Wissenschaftler, wobei diejenigen, die an diese „Vorfühligkeit“ glauben, darauf hinweisen, dass die betroffenen Menschen vermutlich, ohne es zu wissen, ebenfalls mehr oder weniger krankhafte körperliche Abnormitäten aufweisen, die sich bei atmosphärischen Veränderungen plötzlich bemerkbar machen.
Sferics und Föhnluft
Immerhin gibt es ein meteorologisches Phänomen, bei dem es denkbar, wenn auch nicht bewiesen ist, dass besonders empfindsame Personen es spüren und als Zeichen eines bevorstehenden Wetterumschwungs deuten: die sogenannten Sferics. Das sind kurze elektromagnetische Impulse, ausgelöst von aneinanderreibenden Luftmassen, also etwa wenn bei einer Schlecht- oder Schönwetterfront oder vor einem Gewitter kalte und warme Luft aufeinandertreffen. Sferics eilen dem eigentlichen Wettergeschehen mit Lichtgeschwindigkeit voraus. Das könnte erklären, warum empfängliche Personen einen Temperaturwechsel bereits Tage vorher fühlen können und schon wieder beschwerdefrei sind, wenn die Wetterlage schließlich eintrifft.
Im Hinblick auf wetterbedingte körperliche Beeinträchtigungen berüchtigt ist der Föhn – ein warmer, trockener Südwind in Alpennähe. Bei dafür anfälligen Menschen löst er psychische Beschwerden aus, die von Apathie und Lustlosigkeit bis hin zu Streitsucht und Wutausbrüchen reichen. Dazu kommen Muskelzucken, Herzklopfen, Kopfschmerzen und zum Teil ausgeprägte Kreislaufbeschwerden, die in geschlossenen Räumen ebenso massiv sein können wie im Freien.
Über die Ursache dieser „Föhnkrankheit“ sind sich Mediziner, Physiker und Meteorologen bis heute nicht einig. Es könnte sich um Luftdruckschwankungen handeln, die durch das Schwingen der Kaltluft in den Föhntälern entstehen, oder aber um Hochfrequenzstrahlung, die von der Grenzfläche zwischen der Kaltluft und der darüber wehenden Föhnluft ausgeht.
Aber es gibt auch Skeptiker, die solche Zusammenhänge rundweg ablehnen. Einer davon ist der Schweizer Physiker und Atmosphärenforscher Hans Richner, emeritierter Professor am Institut für Atmosphäre und Klima der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Während er Vorhersagen von potenziell gefährlichen meteorologischen Situationen (Hitzebelastung, hohe Ozonkonzentrationen, Pollenausbrüche, massive UV-Strahlung) als sehr notwendig erachtet, findet er Biowettervorhersagen nicht besser als Horoskope. Und er ist überzeugt, dass sie zu einem sogenannten Nocebo-Effekt führen, demzufolge prognostizierte wetterbedingte Beschwerden allein durch den Glauben daran diese auslösen.
Vermeintliche Zusammenhänge
„Wenn man wissenschaftlich an die Wetterfühligkeit herangeht, findet man keine allgemeingültigen Zusammenhänge. Es mag zwar individuelle Reaktionen geben, diese sind aber wissenschaftlich schwer fassbar“, erklärt Richner. „Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende Studien, die versucht haben, derartige Effekte wissenschaftlich zu untersuchen. Bei den meisten ist zwar etwas herausgekommen, aber die Resultate widersprechen sich völlig.“
Als Richner mögliche Zusammenhänge zwischen atmosphärischen Druckschwankungen und Tausenden von Herzinfarktfällen in vier Regionen der Schweiz untersuchte, fand er zwar tatsächlich Häufungen. Doch während in einer Region tiefer Luftdruck einen Infarkt zu begünstigen schien, war in einer anderen Region dafür anscheinend ein Hoch verantwortlich. Fazit: Die statistischen Befunde waren rein zufällig. Und was die Sferics angeht, so haben diese nach Richners Auffassung eine viel zu geringe Feldstärke, um irgendwelche körperlichen Beschwerden auszulösen. „Bei etlichen beobachteten Effekten handelt es sich“, so der Wissenschaftler, „um nichts als Scheinkausalitäten. So wie niemand bezweifelt, dass es an heißen Sommertagen sowohl einen erhöhten Eiskonsum als auch gehäuft auftretende Sonnenbrände gibt, ohne deswegen auf die Idee zu kommen, dass man von Eisessen einen Sonnenbrand bekommt.“
Eine Zivilisationskrankheit
Doch in einem sind sich fast alle Wissenschaftler einig: Falls es eine Wetterfühligkeit geben sollte, würde es sich um eine typische Zivilisationskrankheit handeln. Die permanente Abschirmung vor Wettereinflüssen in klimatisierten, stets gleich temperierten Räumen könnte auf Dauer dazu führen, dass wir auf atmosphärische Veränderungen zunehmend sensibel reagieren. Dann lösen auch schon geringe Klimareize eine Überforderung des vegetativen Nervensystems aus, mit der Folge, dass man die natürlichen Reaktionen des Körpers, die man normalerweise kaum wahrnimmt, zunehmend spürt und verstärkt unter Kopfschmerzen, Müdigkeit, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und Schlafstörungen leidet. Daraus ergibt sich geradezu zwangsläufig die Therapie der Wahl: Möglichst oft und vor allem bei jedem Wetter ins Freie gehen und den Körper so nach und nach an unterschiedliche klimatische Bedingungen gewöhnen.
Gesundheit & Medizin
Jojo-Effekt lässt unsere Muskeln schwinden
27. Juli 2026
Der bei Diäten gefürchtete Jojo-Effekt erschwert nicht nur das Abnehmen – er greift auch unsere Muskeln an, wie eine Langzeitstudie enthüllt.
Gesundheit & Medizin
Unerkanntes Abwassersystem im Auge entdeckt
24. Juli 2026
Im Augenhintergrund verbirgt sich ein zuvor unerkanntes Netzwerk aus Lymphkanälchen, über das unser Auge Abfallstoffe und Flüssigkeit entsorgt.