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Gesellschaft+Psychologie Gesundheit+Medizin

DICKE KINDER, DÜNNE DATEN

In der Debatte um übergewichtige Kinder herrscht viel Hysterie. Es kursieren falsche Zahlen – zum Schaden der Kleinen.

Als Renate Künast noch Verbraucherministerin war, erklärte sie das Problem „Übergewicht bei Kindern“ zur Chefsache. Seitdem schlagen die Wogen immer wieder hoch, wenn neue Studien zu den kranken Moppel-Kindern publiziert werden. „Jedes dritte Kind in Deutschland ist übergewichtig“, meinte unlängst Familienministerin Ursula von der Leyen. „Übergewichtige Kinder sind die Diabetiker und Diabetikerinnen und Herzinfarktopfer von morgen“, setzte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt noch eins drauf. Die Folgekosten von Fehlernährung werden mit rund 70 Milliarden Euro im Jahr beziffert. Aber auch Zeitungen schreiben gern von „Fett-Epidemie“, von „faulen, dummen Kindern“, von „der ersten Generation, die noch vor ihren Eltern stirbt“.

Doch wo sind eigentlich all die dicken, kranken Kinder, von denen hier die Rede ist und die angeblich der Gesellschaft künftig auf der Tasche liegen werden? Die Fakten besagen: Keine Panik! „Es gibt zwar eine Zunahme von kindlichem Übergewicht, doch nicht in dem Maße, wie das immer wieder behauptet wird“, so Michael Zwick, Soziologe an der Universität Stuttgart. Die Zahl der übergewichtigen Kinder zu ermitteln, ist nicht leicht. Internationale Studien arbeiten mit drei verschiedenen Referenzsystemen: Vergleiche zweier Länder oder alter mit neuen Studien sind somit oft nicht möglich. Ein weiteres Manko: Wenn die Gewichtsangaben aus Befragungen von Eltern stammen, vertun sich diese leicht. Das verfälscht die Statistik. In einigen Studien müssen Kinder mit, in anderen ohne Kleider auf die Waage – keine Spur also von einheitlichen Standards.

ReichE SIND SELTEN DICK

Zuverlässige Daten für Deutschland beziehen die Wissenschaftler aus Einschulungsuntersuchungen und dem Kinder- und Jugend-Gesundheits-Survey (KiGGS), durchgeführt vom Robert-Koch-Institut. Laut dieser Studie mit über 14 000 Teilnehmern sind derzeit 15 Prozent der deutschen Kinder und Jugendlichen übergewichtig und 6 Prozent adipös, sprich: fettsüchtig. Von jedem dritten Kind, das über Gebühr pummelig ist, kann also keine Rede sein. Vor allem Kinder und Jugendliche aus Zuwandererfamilien und aus sozialen Brennpunkten sind anfällig für zu viele Pfunde. So zählen nur ein Prozent der Drei- bis Sechsjährigen aus wohlhabenden Familien zu den Fettleibigen – in armen Haushalten sind es dagegen vier Prozent. Und bloß fünf Prozent der 14- bis 17-Jährigen mit gut situierten Eltern sind bedenklich dick, während es im sozial schwachen Milieu 14 Prozent sind. Mittelschichtkinder liegen dazwischen. Diese Abhängigkeit vom sozialen Umfeld zeige, „dass Übergewicht kein Problem von einzelnen Menschen ist, die sich nicht beherrschen können“, folgert Manfred Müller, Ernährungsmediziner an der Universität Kiel.

Auch in den einzelnen Bundesländern stellt sich die Situation unterschiedlich dar. So sind in Bayern, Niedersachsen und Brandenburg die Kinder seit den 1980er Jahren bis zur Jahrtausendwende immer dicker geworden. Seit 2001 stagnieren die Zahlen jedoch und sind teilweise sogar rückläufig. In Niedersachsen etwa waren im Jahr 1993 rund 8 Prozent der Jungen übergewichtig, während es 2003 bereits 10 Prozent waren – und bis heute sind. Eine plausible Erklärung dafür gibt es bislang nicht. „Denkbar wäre, dass die Kampagnen für mehr Bewegung und gesündere Ernährung einen Effekt zeigen“, spekuliert Martin Wabitsch, Pädiater an der Ulmer Universitätsklinik. Einen größeren Anstieg beobachten Gesundheitswissenschaftler vor allem bei stark übergewichtigen, also fettsüchtigen Kindern. Bei niedersächsischen Mädchen beispielsweise stieg der Anteil in zehn Jahren von drei auf fünf Prozent.

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SITZEN, STEHEN, LiEGEN

Warum das so ist? Die Experten sind sich heute weitgehend einig, dass genetische Faktoren kombiniert mit einem Überangebot an kalorienreicher Nahrung bei gleichzeitigem Bewegungsmangel dafür verantwortlich sind. „Wir haben uns in nur 60 Jahren von einer Not- in eine Überflussgesellschaft gewandelt“, sagt Soziologe Zwick. Wem es nicht gelingt, sich trotz des Riesenangebots von Nahrung diszipliniert zu verhalten, dem wachsen die Hüftpolster. Besonders deutlich wird das bei ausländischen Familien: „Migranten aus armen Ländern und bäuerlichen Gegenden kochen häufig angepasst an körperliche Schwerstarbeit“, so Zwick. Auf der anderen Seite treiben gerade diese Kinder wenig Sport. Aber auch deutsche Kinder verbringen im Schnitt 23 Stunden am Tag sitzend, stehend oder liegend. Kinder werden aus Angst vor dem Straßenverkehr heute seltener zum Spielen auf die Straße gelassen. Fernsehen, Computer und häufig ausfallende Schulsportstunden verschärfen das Problem.

Doch niemand weiß genau, was zu viel Speck auf den Rippen für die Gesundheit der Kleinen bedeutet. Denn: Bei Kindern gibt es anders als bei Erwachsenen keine Studien, die einen hohen Body-Mass-Index (BMI) mit dem Fettanteil im Körper in Bezug setzen oder aus denen sich ein höheres Krankheitsrisiko ableiten ließe. Es ist noch nicht einmal belegt, dass dicke Kinder auch zu dicken Erwachsenen werden. „Vor allem bei vor der Pubertät auftretendem Übergewicht ist die Aussagekraft für späteres Übergewicht mangelhaft“, betont Friedrich Schorb, Wissenschaftler am Bremer Zentrum für Sozialpolitik. Umgekehrt waren in einer britischen Studie aus dem Jahr 2005 mit über 16 000 Teilnehmern nur 13 Prozent der Fettleibigen 30-Jährigen auch schon als 10-jährige moppelig. Um das Risiko für Übergewicht im Erwachsenenalter präziser vorherzusagen, ziehen Kinderärzte darum auch noch andere Faktoren heran, etwa den BMI der Eltern. „Wenn ein oder beide Elternteile übergewichtig sind, trägt das Kind ein deutliches Risiko, dass es sein Übergewicht beibehält“, so der Ulmer Forscher Wabitsch. Knapp ein Drittel der übergewichtigen Erstklässler würden im Laufe ihrer Grundschulzeit aber normalgewichtig – der Babyspeck wächst sich bei ihnen aus. Laut einer Studie von Wabitsch mit 520 Kindern aus dem Jahr 2003 leiden etwa 7 Prozent der Adipösen im Alter zwischen 9 und 20 Jahren an einer Störung im Glukosestoffwechsel – einer Vorstufe des Altersdiabetes. Bei 1,5 Prozent liegt eine Diabetes-Erkrankung vor. „Es handelt sich fast ausnahmslos um Kinder, bei denen bereits Eltern oder Großeltern an einem Typ-2- Diabetes leiden“, steht im Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2008. „Die Sorge um eine Diabetes-Epidemie ist unbegründet“, resümiert Anette-Gabriele Ziegler, Diabetologin am Klinikum Schwabing in München.

BLUTDRUCK ERHÖHT

Wie sieht es mit Herzkrankheiten aus? Tatsächlich leiden mollige Kinder häufig an erhöhten Blutdruck- und Cholesterinwerten. In einer aktuellen europäischen Studie unter Federführung des Kinderkrankenhauses in Sankt Gallen, an der über 26 000 Kinder teilnahmen, stellte man bei jedem dritten übergewichtigen Kind diese Diagnose. Eine dänische Studie vom Institute of Preventive Medicine bestätigt zudem, dass übergewichtige Kinder im Erwachsenenalter eine um 16 Prozent größere Wahrscheinlichkeit haben, eine Herzkrankheit zu erleiden.

Herzinfarkt & Co gehen aber nicht nur auf Fettpolster zurück, sondern auch auf mangelnde Bewegung und das genetische Erbe. Die Aussage, dass übergewichtige Kinder von heute die Altersdiabetiker und Herzinfarktopfer von morgen sind, ist also falsch. Richtig ist dagegen, dass man vor 20 Jahren die beschriebenen Stoffwechselstörungen bei Kindern noch gar nicht kannte. Falsch ist auch, dass die dicken Kinder von heute befürchten müssen, früher als ihre Eltern zu sterben. „Das ist reine Spekulation“, sagt Wabitsch. Oft berücksichtigten entsprechende Hochrechnungen nicht, dass Begleiterkrankungen von Übergewicht immer besser behandelbar würden.

SCHNEIDIG FORMULIERT

Schon heute haben schwere Zeitgenossen eine höhere Lebenserwartung als noch vor 20 Jahren. Da man also noch nicht einmal weiß, wie krank moppelige Kinder in 20, 40 oder 60 Jahren tatsächlich sein werden, sollte man kritische Aussagen über die Kosten, die Übergewichtige verursachen, mit Vorsicht genießen. „ Die kursierenden Zahlen sind jedenfalls spekulativ und maßlos überzogen“, ist der Soziologe Michael Zwick überzeugt.

Was sind die Gründe? Politiker hantierten gerne mit überzogenen Zahlen, weil ihr Engagement nur honoriert wird, wenn es auch tatsächlich ein Problem gibt, meint der Forscher. Deutsche Verbraucherminister, aber auch EU-Minister, könnten sicher sein, dass Aktionen im „Kampf gegen die Fettleibigkeit“ bei den Wählern gut ankommen. „Auch Wissenschaftler können leicht dafür Forschungsgelder akquirieren, und Journalisten können sich durch dieses Top-Thema hervortun“, gibt Zwick zu bedenken. Umgesetzt werden die schneidig formulierten Programme jedoch nur halbherzig. Vielleicht, meint Zwick, weil Teile der Wirtschaft erheblich von Adipositas profitieren: So nehmen immer mehr Kinder Schlankheitspillen wie Appetithemmer, Abführ- oder Quellmittel ein. Allein die europäische Diätindustrie erzielt jährliche Umsätze in Höhe von 100 Milliarden Euro. Auch die Ernährungsindustrie, etwa die Zuckerwirtschaft, verdient kräftig: „Zucker, heute in fast jedem Produkt zu finden, ist eindeutig mitverantwortlich für kindliches Übergewicht“, so Wabitsch. Betreiber von Spielkonsolen, Pharmafirmen, Kurkliniken, Hersteller von Zubehör für Übergewichtige – all diese Branchen wollen auch in Zukunft noch Geschäfte machen, indem sie entweder zum Zunehmen verführen oder beim Abnehmen zu helfen versprechen.

Letztlich sind übermäßige Fettpolster auch ein Mittel der sozialen Unterscheidung. Heute dient nicht mehr die Kleidung wie einst in der Standesgesellschaft dazu, sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen. Es ist die gute Figur, an der man die Bessergestellten erkennt. Auch diese Gruppe hat also kein Interesse daran, dass alle schlank und rank sind. So bleibt die Bekämpfung des Übergewichts ein politisches Lippenbekenntnis.

SPASSBREMSE SCHLANKHEITSWAHN

Den Schaden haben die Kinder. Sie werden stigmatisiert, gelten als dumm, faul und unsympathisch – auch bei Altersgenossen. Gemäß einer Tübinger Studie vom vergangenen Jahr werden adipöse Kinder im Vergleich zu normalgewichtigen und gehbehinderten Kindern als am wenigsten sympathisch bewertet und am seltensten als Spielkamerad ausgesucht. Viele Kinder nehmen sich die dramatischen Appelle sogar so zu Herzen, dass sie dem Diätwahn verfallen. Laut der DONALD-Studie vom Forschungsinstitut für Kinderernährung isst jedes dritte Kind zwischen 11 und 17 Jahren nicht mehr mit gesundem Appetit, sondern zählt Kalorien und zügelt sich bei Tisch. Viele halten sich fälschlicherweise für zu dick. Das ist fatal. Denn: Kinder, die ihr Körpergewicht überbewerten, haben weniger Spaß am Leben. ■

KATHRIN BURGER hat Ernährungswissenschaften studiert. Die Journalistin und Buchautorin lebt in München.

von Kathrin Burger

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INTERNET

Die KiGGS-Studie: www.kiggs.de Die DONALD-Studie: www.fke-do.de

KOMPAKT

· Kindliches Übergewicht ist schwer zu bewerten. Daher lässt sich heute kaum vorhersagen, wie krank dicke Kinder als Erwachsene sein werden und wie teuer sie die Solidargemeinschaft kommen.

· Teile der Gesellschaft – einzelne Wirtschaftsbranchen, Politiker, Medien – profitieren davon, wenn Adipositas zum gravierenden Gesundheitsproblem hochstilisiert wird.

DICKES KIND – WAS TUN?

Wie kann man dicken Kindern helfen, damit sie nicht noch dicker werden? Hier herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Zwar favorisiert jeder Experte die eine oder andere Maßnahme. Doch: Ob Klinikaufenthalt, ambulante Schulung oder Gesundheitserziehung für alle – auf die Wirksamkeit überprüft ist bislang kaum etwas. Die zahlreichen Pummel-Kuren in Kliniken für Kinder sind meist erfolglos. Wenn die Kinder heimkehren, haben sie ihre Pfunde bald wieder drauf, zum Beispiel weil die Eltern nach wie vor ins Fast-Food-Lokal gehen. Auch ambulante Schulungsprogramme wie „ Moby Dick“ oder „Obeldicks“ bescheren oft keinen langfristigen Erfolg – nur jedem zehnten Heranwachsenden kann damit geholfen werden.

Zudem erreicht man mit solchen Angeboten nicht die hauptsächlich Betroffenen: Kinder aus sozial schwachem Milieu oder aus Migrantenfamilien. Denn oft fehlt dort das Problembewusstsein oder einfach das nötige Kleingeld. Zudem fühlen sich viele Eltern von den Experten bevormundet.

Der Stuttgarter Soziologe Michael Zwick plädiert deshalb für eine Gesundheitserziehung in Kindergarten, Schule und Hort, von der alle profitieren. Gemeint ist nicht ein Ernährungsunterricht, in dem nur über die Gefahren ungesunden Essens aufgeklärt wird. Stattdessen sollten Kinder die Möglichkeit haben, in der Schule das Kochen zu üben. Und: Eine wirkungsvolle, praxisnahe Ernährungserziehung sollte unbedingt mit mehr Schulsport einhergehen.

FETTSUCHT UND IHRE SOZIALEN HINTERGRÜNDE

Betrachtet man nicht das Übergewicht allgemein, sondern die krankhafte Fettsucht (Adipositas) bei Kindern und Jugendlichen, so fällt auf, dass die Familienherkunft

(Grafik links) und der soziale Status (Bildung, Beruf, Einkommen; Grafik rechts) der Mutter mit darüber entscheiden, ob ein Kind zu dick wird oder nicht. Die Daten stammen aus einer bundesweiten Studie zur Kindergesundheit (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts.

SCHWERER IM NORDEN

In einer Studie für das Bundesgesundheitsblatt haben Forscher die Ergebnisse aus Schuleingangs-Untersuchungen verschiedener Bundesländer verglichen. Fazit: Es gibt ein Nord-Süd-, aber kein Ost-West-Gefälle. Aus einigen Ländern liegen keine Daten vor.

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