Die Schattenpandemie - wissenschaft.de | Bild der Wissenschaft
BDW PlusGesundheit & Medizin
Die Schattenpandemie
Es ist kurz vor Mitternacht, als mich die Ärztin in der Notaufnahme an den Tropf hängt. Bluthochdruckkrise mit Anfang 40. Wie kann das sein? Ich rauche nicht, trinke keinen Alkohol und ernähre mich gesund. Ich bin schlank, zwar nicht übermäßig sportlich, aber komme immerhin auf 12.000 Schritte und 150 Liegestützen pro Tag. Bis dato brauche ich keine Medikamente. Doch sechs Wochen nach meiner ersten und bislang einzigen SARS-CoV-2-Infektion ist nichts mehr, wie es war.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
von MARTIN W. ANGLER
Es ist kurz vor Mitternacht, als mich die Ärztin in der Notaufnahme an den Tropf hängt. Bluthochdruckkrise mit Anfang 40. Wie kann das sein? Ich rauche nicht, trinke keinen Alkohol und ernähre mich gesund. Ich bin schlank, zwar nicht übermäßig sportlich, aber komme immerhin auf 12.000 Schritte und 150 Liegestützen pro Tag. Bis dato brauche ich keine Medikamente. Doch sechs Wochen nach meiner ersten und bislang einzigen SARS-CoV-2-Infektion ist nichts mehr, wie es war.
Offiziell war ich nur leicht erkrankt gewesen, denn ich musste nicht auf die Intensivstation. Fieber, Muskel- und Halsschmerzen hatte ich noch als normal abgewunken. Doch als ich tagelang nicht gehen und mich weder mit Händen noch Mund artikulieren konnte, machte ich mir Sorgen. Zwar schlug meine Hausärztin die Bitte nach einem antiviralen Medikament aus. Doch dafür gab sie mir einen wichtigen Tipp: „Strengen Sie sich ja nicht an. Sonst riskieren Sie eine permanente Verschlechterung.“ Sie war es auch, die zuerst den Verdacht auf Long Covid äußerte.
Die Diagnose dazu wird frühestens nach zwölf Wochen gestellt. Wer nach drei Monaten immer noch an Symptomen leidet, gilt als am „Post-Covid-Syndrom“ erkrankt oder einfach als Long-Covid-Patient – falls sich ein Arzt finden lässt, der das diagnostizieren kann. Denn die Liste umfasst 200 Symptome, von denen viele zu anderen Krankheiten gehören könnten, die zuerst ausgeschlossen werden müssen. Dazu zählen Herzrasen, verminderte Denkleistung und schwere Erschöpfung. Ich hatte großes Glück, weil mich meine Hausärztin an eine Long-Covid-Ambulanz in der Nähe verwies.
Dort stellte eine Neurologin die Diagnose und sagte mir klar: „Es gibt kein Medikament, das Long Covid heilt. Sie müssen jetzt viel Geduld haben.“ Das war drei Monate nach meiner Infektion. Anders als ich warten viele Betroffene mitunter jahrelang auf eine Fachvisite und werden dann mit einer falschen Diagnose abgespeist. Oder Ärzte reden ihnen ein, ihre Beschwerden seien psychischer Natur. Das ist falsch. Denn längst herrscht wissenschaftlicher Konsens, dass Long Covid messbare biologische Ursachen hat.
Klar ist auch, dass nach jeder Covid-Erkrankung ein Risiko für Spätfolgen besteht. Die treten bei etwa fünf Prozent aller Infektionen auf. Das Risiko ist dabei ungleich verteilt. Je schwerer die akute Infektion, desto wahrscheinlicher sind Langzeitschäden. Die Hälfte aller Patienten, die wegen Covid auf der Intensivstation landen, tragen solche Langzeitschäden davon. Frauen sind am häufigsten betroffen. Warum das so ist, darüber spekuliert die Wissenschaft im Moment noch. Es gilt als möglich, dass ihr vergleichsweise aktiveres Immunsystem eine Rolle spielt.
Bis zu 400 Millionen Menschen weltweit leiden unter Long Covid, das zeigt eine große Übersichtsarbeit von US-Forschenden im August 2024 in Nature Medicine. „Ein Risiko von fünf Prozent klingt für viele gering, doch das täuscht“, sagt Ziyad Al-Aly von der Washington University in St. Louis. Er ist Erstautor der Studie und einer von zahlreichen Forschenden, die sich ein Ziel gesetzt haben: Long Covid besser zu verstehen, zu diagnostizieren und zu behandeln. „Die Menschen infizieren sich nach wie vor sehr viel häufiger mit SARS-CoV-2 als mit Grippeviren, deshalb treten auch die Spätfolgen in absoluten Zahlen betrachtet massiv auf“, sagt Experte Al-Aly.
Mehr aus Gesundheit & Medizin
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Gesundheit & Medizin.
Der Epidemiologe hat in einer weiteren Studie untersucht, wie sich das Risiko je nach Virus-Variante entwickelt. Dafür hat er die Daten einer halben Million infizierter US-Veteranen mit Millionen von Datensätzen nicht infizierter Menschen verglichen. Zwar zeigte sich, dass bei neueren Varianten das Long-Covid-Risiko leicht abnimmt. Doch das dürfe nicht über einen wichtigen Fakt hinwegtäuschen, sagt Al-Aly. Denn das Risiko sei kumulativ. „Je häufiger Sie sich infizieren, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie Long Covid bekommen.“
Diagnose und Therapie
Die Neurologin aus der Long-Covid-Ambulanz empfiehlt mir ein Medikament, das „Off-Label“ bei Long Covid angewandt wird, eigentlich also für eine andere Krankheit zugelassen ist. Es soll in niedriger Dosierung gegen die bleierne Erschöpfung helfen, die mittlerweile bei mir Einzug gehalten hat. „Chronic Fatigue“ wird oft verharmlosend mit „chronischer Müdigkeit“ übersetzt. Wer chronisch und schwer erschöpft ist, erholt sich nämlich nicht durch ein paar Stunden Schlaf.
Doch das Medikament schlägt nicht an. Mein Zustand verschlechtert sich und ich setze es wieder ab. Auch damit bin ich nicht allein, wie ich in einem Patientenforum mit über 50.000 Betroffenen lese. Die Verzweiflung ist groß. Viele berichten von gescheiterten Therapieversuchen, andere erzielen mit denselben Medikamenten eine Besserung, zumindest für einige Zeit. Wie kann das sein?
Derzeit fehlen noch verlässliche diagnostische Biomarker, also Laborwerte, durch die sich eine Krankheit eindeutig identifizieren lässt. Deshalb lässt sich momentan nicht mit Sicherheit sagen, unter welcher Art von Long Covid jemand leidet. Medikamente werden oft nach dem Augenschein verschrieben und wirken bei manchen, bei anderen nicht.
Im September 2024 machte die Geschichte eines HNO-Arztes aus Köln die Runde, der an Long Covid erkrankte und sich angeblich selbst heilte. Laut Kölner Stadt-Anzeiger halfen ihm Neuroleptika, Antidepressiva und Nikotinpflaster wieder auf die Beine. Jetzt behandelt er selbst Long-Covid-Patienten. Doch derlei Erfolgsgeschichten haben einen Haken: Sie basieren auf Zufall. Denn die Datenlage zum Erfolg dieser Wirkstoffe ist dünn und fußt oft auf kleinen Studien. Vorab kann derzeit niemand wissen, ob bestimmte Medikamente einem Patienten helfen oder sogar schaden.
Long Covid ist ein Chamäleon: Genauso vielfältig wie die Symptome der Erkrankung sind auch die möglichen Biomarker, die für die Diagnose infrage kommen. Einige Studien vermuten Immunzellen im Blut, das Stresshormon Kortisol und einen niedrigen Serotonin-Spiegel als mögliche Indizien. Auch Zytokine könnten möglicherweise Hinweise liefern: Diese Proteine lotsen die Immunzellen gezielt zu einem Infektionsherd. Eine erhöhte Zytokin-Konzentration geht in der Regel mit einer aktiven Entzündung einher – die kann allerdings auch eine andere Ursache haben als Long Covid.
Sars-CoV-2 kann, anders als beispielsweise Influenzaviren, jedes Körpergewebe befallen und schädigen. Das ist ein Grund, warum es so viele unterschiedliche Symptome hervorruft und mit keinem universellen Laborwert zu diagnostizieren ist. Im Moment wird Long Covid deshalb meistens anhand erkennbarer Symptome wie Herzrasen oder Fatigue und nach Ausschluss anderer Krankheiten diagnostiziert.
Auf Ursachen-Suche
Inzwischen haben sich auf der Suche nach den Ursachen für Long Covid mehrere Theorien herauskristallisiert. Eine geht davon aus, dass die Viren auch nach überstandener Infektion im Körper verbleiben, sich dort weiterhin vermehren und das Immunsystem reizen. Die Theorie einer Viruspersistenz wird durch zahlreiche Studien gestützt, die Virenreservoirs im Darm gefunden haben. Einzelne Facharbeiten berichten von Patienten, die noch ein Jahr nach der Erstinfektion positiv auf das Virus-Antigen getestet werden.
Doch eine klinische Studie mit dem antiviralen Medikament Paxlovid sorgte im Juni 2024 für Ernüchterung. Ein Team von Forschenden der Stanford University verabreichte 155 Long-Covid-Patienten für 15 Tage entweder das Medikament oder ein Placebo. Zehn Wochen später untersuchten sie die Patienten erneut auf Long-Covid-Symptome wie Fatigue, kognitive Probleme und Atembeschwerden. Es zeigten sich keine signifikanten Unterschiede der Paxlovid- zur Placebogruppe. Das deutet darauf hin, dass eine Viruspersistenz zwar nicht ausgeschlossen ist, aber unwahrscheinlicher scheint als zuvor.
Dazu sagt die Hämatoonkologin und Immunologin Carmen Scheibenbogen von der Charité in Berlin: „Es stimmt zwar, dass in mehreren Studien das Virus, Fragmente und das Spike-Protein bei Long-Covid-Patienten gefunden wurden. Doch die finden wir auch in völlig gesunden, beschwerdefreien Menschen nach einer überstandenen Covid-19-Infektion.“ Die Persistenz gibt es also, aber eben nicht nur bei Long-Covid-Patienten. Als diagnostischer Biomarker tauge ein Nachweis des Spike-Proteins oder vermehrungsfähiger Viren deshalb nicht.
Ein plausiblerer Ansatz sei laut Scheibenbogen eine Durchblutungsstörung. Eine solche könne man gut in den feinsten Verästelungen der Blutgefäße messen, aber auch im Gehirn und sogar in Muskeln. Die Minderdurchblutung könnte eine Reihe von Long-Covid-Symptomen erklären wie beispielsweise orthostatische Intoleranz oder einen sprunghaften Anstieg der Herzfrequenz beim Aufstehen. Diese Pulsspitzen sorgen ihrerseits für Schwindelanfälle, Ohnmacht und kognitive Probleme, die vage als „Brain Fog“ (Hirnnebel) zusammengefasst werden. Auch im Muskel hat eine Minderdurchblutung schwere Folgen (siehe Interview). Schlimmstenfalls sind mit der Zeit immer weniger Bewegungen möglich.
Das Leitsymptom PEM
Dieser Teufelskreis mit dem sperrigen Namen „post-exertionelle Malaise“, kurz PEM, ist das Leitsymptom der am schwersten an Long Covid Erkrankten. Das Symptom ist nicht neu. Es ist auch das eindeutige Erkennungsmerkmal einer anderen Multisystemerkrankung: ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue-Syndrom). ME/CFS ist seit 1969 als neurologische Erkrankung eingestuft. Die Zahl der Patienten hat sich allein in Nordrhein-Westfalen innerhalb von zehn Jahren fast verdreifacht, wie aus einer Zwischenbilanz hervorgeht, die die Kassenärztlichen Vereinigungen Nordrhein und Westfalen-Lippe im Oktober 2024 gezogen haben. Die Lebensqualität sei schlechter als bei Patienten mit Multipler Sklerose, AIDS und Krebs, schreiben führende Forschende im Frühjahr 2024 in einem Konsensus-Statement. Etwa ein Viertel der ME/CFS-Betroffenen ist so schwer krank, dass sie das Bett nicht mehr verlassen können. Der Rest ist großenteils arbeitsunfähig.
Etwa 20 Prozent aller Long-Covid-Patienten leiden unter dieser Schwerstform. Anders als einige Long-Covid-Symptome lässt sich das Leitsymptom PEM zwar gut diagnostizieren. Dazu dient häufig ein Belastungstest, bei dem die Patienten auf dem Laufband mit Atemmaske bis an die Belastungsgrenze gehen. Zwei Tage später absolvieren sie den Test erneut. Ein gesunder Mensch hat sich bis dahin erholt, ein Long-Covid-Patient mit PEM nicht. Doch die Diagnose kann die Patienten teuer zu stehen kommen. Denn wer PEM hat, riskiert wegen des Tests eine permanente Verschlechterung.
Als ich mit Herzrasen in der Klinik war, verschrieb mir ein Arzt einen solchen Belastungstest. Ich nahm den Zettel, verzichtete aber letztlich darauf. Schon Wochen zuvor schwante mir, dass mit meinen Muskeln etwas nicht stimmt. Beim Einkaufen konnte ich kein Kilo Mehl mehr tragen. Tat ich es doch, hatte ich danach eine Woche lang Muskelkater. Mittlerweile hat meine Kraft so nachgelassen, dass ich nach dem Abwasch tagelang mit schweren Schmerzen außer Gefecht bin. Das Tippen auf der Tastatur sticht in jedem Finger, und an manchen Tagen schaffe ich es nicht einmal, mein Smartphone zu halten.
Meine Kraft und die Stärke meiner Symptome schwanken von Tag zu Tag – je nach Belastung am Vortag. Besonders trügerisch sind die „guten“ Tage. Denn das Tragen eines Wäschekorbs zu viel rächt sich Stunden später mit Muskelschmerzen und Schwäche. An manchen Tagen falle ich beim Zähneputzen mit Herzrasen im Bad um. Die Reaktionen meines Körpers variieren auf erstaunliche Weise.
Eine Immunerkrankung?
Mit der Zeit kommen sogar neue Symptome hinzu. In den letzten Wochen tauchten brennende Schmerzen in meinen Gelenken auf, die sich wie Entzündungen anfühlen. Sie könnten auf die dritte These der Forschenden zurückgehen, der zufolge eine schwere Long-Covid-Erkrankung eine Autoimmunerkrankung wie Lupus, Diabetes oder Multiple Sklerose sein könnte. Tatsächlich wurden schon mehrfach Autoantikörper im Blut von Long-Covid-Patienten nachgewiesen. Diese Proteine sind fehlgeleitete Bestandteile des Immunsystems und greifen ähnlich wie Erreger den eigenen Körper an. Das wiederum sorgt für Entzündungen, die wiederum der Grund für die Gefäßprobleme sein könnten.
Long Covid passt in das Bild anderer Immunkrankheiten. „Ein gemeinsamer Nenner ist womöglich das Epstein-Barr-Virus“, sagt die Immunologin Scheibenbogen. Nicht nur Multiple Sklerose, auch ME/CFS steht in starkem Zusammenhang mit dem Epstein-Barr-Virus. Und wie bei Long Covid sind auch hier die häufigsten Betroffenen junge Frauen. Eine Studie am New York Medical College hat gezeigt, dass das Epstein-Barr-Virus in einer Gruppe von Probanden mit einer akuten Covid-Infektion etwa doppelt so häufig „aufgeweckt“ ist wie in der Covid-negativen Vergleichsgruppe. Die Theorie der Forschenden ist, dass eine Reaktivierung von Epstein-Barr die Autoimmunkrankheiten auslöst.
Die gute Nachricht: Erste Studienergebnisse geben Hinweise darauf, dass die Entfernung von Autoantikörpern aus dem Blut helfen kann. Diese sogenannte Immunadsorption wurde im Rahmen einer kleinen Studie der Berliner Charité an 20 Long-Covid-Patienten mit dem PEM-Symptom geprüft. 14 Teilnehmenden ging es nach vier Wochen besser. Allerdings hielt der Effekt bei einigen nur drei Monate an. Denn mit der Zeit produziert das Immunsystem erneut die fehlerhaften Antikörper. Hier könnten Medikamente ansetzen, die Antikörper produzierende B-Zellen angreifen. Sie sollen 2025 an der Charité in klinischen Studien geprüft werden.
Eine günstigere Variante, Autoantikörper zu neutralisieren, hätte das Medikament BC007 sein sollen, das in einer kleinen Vorstudie nach nur einmaliger Infusion alle fehlerhaften Antikörper entfernte. Deshalb setzten viele Long-Covid-Betroffene ihre Hoffnungen auf eine größere Zweitstudie des Unternehmens Berlin Cures. Doch im November 2024 kam die Ernüchterung. Das Medikament schlage nicht besser an als ein Placebo, schreibt Berlin Cures. Damit reiht sich BC007 in eine Reihe gescheiterter Wirkstoffe ein und rückt die Aussicht auf spezifische Long-Covid-Medikamente in weite Ferne.
Inzwischen laufen deshalb klinische Studien mit bereits zugelassenen Medikamenten, die auf einzelne Long-Covid-Mechanismen zielen. Im „Netzwerk Nationale Klinische Studien-Gruppe für Post-Covid-Syndrom und ME/CFS“ laufen derzeit fünf klinische Studien, die mit insgesamt zehn Millionen Euro vom Bund gefördert werden. Die Forschenden arbeiten in diesen Studien unter anderem mit einem durchblutungsfördernden Medikament und Kortisonpräparaten, um die Entzündungen zu hemmen. Erste Resultate sind laut Leiterin Scheibenbogen 2025 zu erwarten.
So zuversichtlich die Forscherin ist, so frustriert ist sie wegen der Hürden. „Bis eine Studie beginnen kann, vergeht oft mehr als ein Jahr, schon wegen der bürokratischen Auflagen. Dieselben Arbeiten hätten wir vor 30 Jahren in einem Bruchteil der Zeit fertig gehabt“, sagt sie. Für manche der Studien fänden sich laut Scheibenbogen zudem nur wenige Probanden. Viele Patienten wollten nicht riskieren, an einer Studie teilzunehmen, weil sie vorab nicht erfahren, ob sie das echte Medikament oder ein Placebo erhalten. Das sei einerseits verständlich, solche Studien seien aber andererseits die Voraussetzung für die erfolgreiche Suche nach einem Medikament.
Für bestimmte Symptome gibt es schon jetzt wirksame Medikamente. Gegen Herzrasen und Kreislaufbeschwerden helfen bei manchen Patienten bestimmte Betablocker. Die Herzmedikamente blockieren Adrenalin, senken Pulsschlag und Blutdruck. Andere Betroffene machen gute Erfahrungen mit Medikamenten, die allergische Symptome wie Hautausschläge und Verdauungsprobleme lindern können oder bei Schlafstörungen helfen. Welche Medikamente im Einzelfall wirken, lässt sich momentan anhand der Symptome nur vermuten. Ein medikamentöser Therapieansatz basiert häufig auf Versuch und Irrtum.
Mangelhafte Versorgung
Doch viele Patienten kommen gar nicht erst so weit, weil sie in den Hausarztpraxen keine Medikamente verschrieben bekommen. Das liege oft am unzureichenden Wissen und der Unsicherheit der Ärzte, bestätigen Al-Aly und Scheibenbogen. Vielen sei schlichtweg nicht bekannt, welche Medikamente für eine symptomatische Behandlung infrage kommen – manche davon seien sogar rezeptfrei erhältlich, wie beispielsweise Antihistaminika. Statt dieses Unwissen einzugestehen, stellen solche Ärzte Betroffenen nicht selten eine Fehldiagnose.
Diese Expertenaussagen bestätigt auch eine vom Bundesgesundheitsministerium für Gesundheit (BMG) geförderte Umfrage der Hochschule Fresenius. 85 Prozent der Befragten gaben an, dass medizinische oder soziale Ansprechpersonen nicht ausreichend über das Krankheitsbild informiert sind. 80 Prozent berichteten, dass ihre Beschwerden nicht ernst genommen und als psychosomatisch eingestuft wurden. In der Folge werden Betroffene nicht oder falsch behandelt, heißt es in der Vorab-Publikation vom August 2024. Der Zustand von 72 Prozent der Befragten habe sich verschlechtert, weil sie in manchen Reha-Zentren zu aktivierender Therapie aufgefordert wurden, obwohl sie auf ihre PEM hinwiesen. „Auf Krücken in die Klinik, im Rollstuhl wieder raus“, heißt es unter diesen Patienten.
Der beste Schutz vor Long Covid ist derzeit die Vermeidung einer Infektion, so das Mantra der Long-Covid-Forschenden. Der beste Selbstschutz sind FFP2-Masken und die Impfung. Doch auch öffentliche Präventionsmaßnahmen sind wichtig. Besonders in Krankenhäusern und Arztpraxen fehlt oft das Einhalten einfachster hygienischer Standards. Bizarrstes Beispiel dafür ist mein Besuch in der Notaufnahme. Während die Ärztin meine Daten in den Computer tippt, putzt sie sich die rote Triefnase. Dann zieht sie mir den Tropf aus dem Arm und drückt eine Gaze auf den Einstich. Sie trägt weder Handschuhe noch Maske.
Gesundheit & Medizin
Wie uns die Gene unserer Eltern prägen
11. Juni 2026
Die Gene unserer Eltern haben einen wichtigen Einfluss auf unser Leben – sogar diejenigen, wir nicht von ihnen geerbt haben: Durch ihre…
Gesundheit & Medizin
Forscher verändern Gene menschlicher Embryos
10. Juni 2026
Chance und Risiko zugleich: Eine neue Methode der Gen-Editierung könnte helfen, krankmachende Mutationen und Erbkrankheiten schon beim…