von FREDERIK JÖTTEN
An einem schönen Herbsttag wäre Silke Schneider fast gestorben – an einer Krankheit, von der sie nichts geahnt hatte. An jenem Tag im Oktober 2023 war die 58-Jährige, die in Wirklichkeit anders heißt, mit ihrem Mann auf einer Radtour unterwegs. Plötzlich überkam sie ein Schwächegefühl, sie stieg vom Rad und sackte bewusstlos zusammen. Ihr Mann sprang vom Fahrrad und begann sofort mit der Herzdruckmassage, ein Passant verständigte den Notarzt. Der stellte einen akuten Herzinfarkt mit Kammerflimmern fest. Als Notfall kam sie ins Herzkatheterlabor der Uniklinik Leipzig.
Röntgenaufnahmen zeigten eine verschlossene rechte Herzkranzarterie. Auch weitere Gefäße, die das Herz mit sauerstoffreichem Blut versorgen, waren verengt. Die verstopfte Arterie öffneten die Ärzte mit einem winzigen Ballon. Der Herzmuskel konnte daraufhin wieder mit Blut versorgt werden.
Als die Patientin auf der Intensiv-Station erwachte, konnte sie nicht glauben, dass ausgerechnet sie einen Herzinfarkt erlitten hatte. Sie war körperlich aktiv, hatte kein Übergewicht und sich zuvor belastbar gefühlt. Die Blutuntersuchung zeigte im Nachhinein: Silke Schneider hatte einen sehr hohen LDL-Cholesterinwert, umgangssprachlich bekannt als „schlechtes Cholesterin“. Eine genaue Untersuchung ergab, dass ihr LDL-Rezeptor LDL-C schlecht bindet. Und zwar genetisch bedingt, man spricht in diesen Fällen von familiärer Hypercholesterinämie (FH). Bei Erwachsenen besteht ein Verdacht auf diese Erkrankung bei LDL-C-Werten oberhalb von 190 Milligramm pro Deziliter. Besteht ein Verdacht, kann ein Gentest FH-Mutationen feststellen.
Veranlagung als Risikofaktor
„Je länger eine hohe Konzentration LDL-C im Blut vorhanden ist, desto mehr gefährliche Plaques bilden sich“, so Ulrich Laufs, Direktor der Klinik für Kardiologie am Uniklinikum Leipzig. „Deshalb ist es sinnvoll, früh mit der Behandlung durch Cholesterinsenker zu beginnen.“ Dies ist insbesondere bei FH-Genträgern wichtig. Wobei diese nur einen sehr geringen Teil der Menschen ausmachen, die in Deutschland einen erhöhten Cholesterinspiegel haben: Einer Erhebung des Robert Koch-Instituts (RKI) 2013 zufolge ist dies bei 60 Prozent der Deutschen der Fall.
Damals wurde zur Einteilung allerdings noch das Gesamtcholesterin anstelle des LDL-C benutzt. „Wir gehen heute davon aus, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung die Normwerte überschreitet“, sagt Laufs. Risikofaktoren sind ein höheres Lebensalter, Übergewicht, Diabetes – und Veranlagung.
Welche FH-Mutation auch immer Menschen haben – in Deutschland weiß fast niemand davon. Dabei schweben die Betroffenen schon in jungen Jahren in großer Gefahr, einen Herzinfarkt zu erleiden. „Wir sind in Deutschland ziemlich blank, was die Diagnostik der FH betrifft“, sagt Heribert Schunkert, Direktor der Klinik für Kardiologie am Deutschen Herzzentrum München. Eine Studie des European Heart Journals zum Stand der Diagnose listet Deutschland nicht einmal mehr auf, so gering ist die Zahl der festgestellten FH-Fälle hierzulande. „Die wenigen FH-Patienten, die hierzulande bekannt sind, hatten meist schon einen Herzinfarkt – aber selbst die werden oft ohne weitere molekular-genetische Diagnose aus dem Krankenhaus entlassen.“ Das ist eine vertane Chance – vor allem für die Blutsverwandten. Denn während die Herzinfarkt-Patienten zumindest meist Medikamente zur Cholesterin-Senkung bekommen, laufen etwa Kinder der Betroffenen mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent auf einen frühen Herzinfarkt zu. Ohne dass sie oder ihre Eltern davon etwas ahnen.





