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Doch kein „Alien“

Ata-Mumie
Sieht aus wie ein "Alien": die Mumie aus der Atacamawüste (Foto: Sanchita Bhattacharya et al. 2018)

Seit ihrer Entdeckung im Jahr 2003 sorgt eine kleine Mumie aus der chilenischen Atacamawüste für Aufsehen. Denn mit ihrem langen, übergroßen Kopf und den schrägen Augen ähnelt sie verblüffend der klassischen Vorstellung von Außerirdischen. Doch der vermeintliche „Alien“ ist keiner, wie DNA-Analysen nun endgültig bestätigen. Stattdessen handelt es sich um die Überreste eines menschlichen, weiblichen Fötus, der schweren Fehlbildungen von Knochen und Schädel litt – gleich mehrere Gene für die Knochenentwicklung sind bei ihm mutiert.

Entdeckt wurde die „Ata“-Mumie im Jahr 2003 von dem Chilenen Oscar Muñoz: Hinter einer verlassenen Kirche in der Atacama-Wüste fand er einen Lederbeutel, in dem die mumifizierten Überreste eines nur rund 13 Zentimeter großen Wesens lagen. Das Aussehen dieser Mumie allerdings war bizarr: Sie besaß einen auffallend großen, schmalen Kopf mit schrägen, langgezogenen Augen. Ihr im Verhältnis winziger Körper besaß zudem zwei Rippen weniger als als sonst beim Menschen üblich. Von der Größe her ähnelte das rätselhafte Wesen einem frühgeborenen Säugling oder einem ungeborenen Fötus. Doch die Form und Beschaffenheit seiner Knochen entsprachen eher dem eines achtjährigen Kindes. Über verschlungene Wege gelangte die Mumie auf den Schwarzmarkt und von dort zu einem spanischen Sammler. Gleichzeitig erschienen erste Zeitungsberichte über die „Alien“-Mumie – denn ihr Aussehen passte fast perfekt zum landläufigen Bild eines Außerirdischen.

Chilenisches Mädchen statt Alien

Doch worum handelte es sich? Bereits 2013 ergaben erste DNA-Analysen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Überreste eines Menschen handeln musste – immerhin gut 90 Prozent des Erbguts der Mumie stimmten mit der unsrigen überein. Genauere Informationen dazu, warum dieses Wesen so seltsam aussah, wo es herstammte und wie alt es war, fehlten jedoch noch. Diese liefern nun Garry Nolan von der Stanford University und sein Team. In fünfjähriger Arbeit gelang es den Forschern, fast das gesamte Genom der Ata-Mumie zu sequenzieren und darin nach Mutationen zu suchen, die ihr bizarres Aussehen erklären konnten.

Die neuen DNA-Daten bestätigen, dass es sich bei der Ata-Mumie nicht um einen Außerirdischen, sondern um ein menschliches Wesen handelt. Ihr Erbgut entspricht zu 98 Prozent dem des Menschen, die restlichen zwei Prozent ließen sich wegen zu starker Degradierung der DNA nicht entziffern, wie die Forscher berichten. Sie konnten zudem feststellen, dass die Mumie weiblichen Geschlechts ist. Vergleiche mit dem Erbgut verschiedener Populationen zeigen zudem, dass dieses Mädchen wahrscheinlich lokaler Abstammung ist. Ihre DNA besitzt große Übereinstimmungen mit der der örtlichen Bevölkerung in dieser Region Chiles, so Nolan und seine Kollegen. Auf Basis der Größe gehen sie davon aus, dass es sich hier um ein totgeborenes oder direkt nach einer Frühgeburt gestorbenes Kind handelt.

Mutationen in Knochengenen

Auf der Suche nach Gründen für das extrem ungewöhnliche Aussehen des Mädchens wurden die Forscher ebenfalls fündig: Sie entdeckten gleich mehrere Mutationen im Erbgut, die zusammen zu den schweren Fehlbildungen im Skelett und Schädel führten. „Oft suchen wir bei Fehlbildungen nach einer Ursache – nach der einen superseltenen Mutation, die das Leiden des Kindes erklären kann“, sagt Co-Autor Atul Butte von der University of California in San Francisco. „Aber in diesem Fall liefen gleich mehrere Dinge schief.“ So trägt das Mädchen vier Mutationen in Genen, die bereits im Zusammenhang mit verschiedenen Knochenkrankheiten bekannt sind. Zwei weitere Genveränderungen liegen in Genen, die für die Kollagenproduktion wichtig sind. Zusammen können diese Mutationen das bizarre Aussehen der Mumie und auch die für einen Fötus „zu alte“ Knochenstruktur erklären.

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Nachdem klar ist, dass es sich bei der Ata-Mumie um ein kleines Mädchen handelt, das vor rund 40 Jahren gestorben ist oder tot geboren wurde, hoffen die Forscher, dass sie eines Tages wieder ordentlich begraben wird. „Wir wissen nun, dass es sich um ein Kind handelt. Ich finde, seine Überreste sollten in sein Heimatland zurückgebracht werden und dort entsprechend den Traditionen der örtlichen Population begraben werden“, meint Nolan.

Sanchita Bhattacharya (University of California, San Francisco) edt al., Genome Research, doi: 10.1101/gr.223693.117

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