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Ein Bluttest für das Sterberisiko?

Bluttest
Verrät künftig ein Bluttest das biologisch bedingte Sterberisiko? (Bild: NoSystem images/ istock)

Der Blick ins Blut kann Medizinern eine Menge Informationen über den Gesundheitszustand ihrer Patienten verraten. Sogar das biologisch bedingte Risiko, in den kommenden Jahren zu versterben, könnte sich anhand dieser Körperflüssigkeit ablesen lassen, wie Forscher nun berichten. Sie haben 14 Biomarker im Blut identifiziert, die genau dies möglich machen sollen. Vorhersagen auf Basis dieser Biomarker könnten Ärzten und Patienten in Zukunft zum Beispiel bei Therapieentscheidungen helfen. Vom Einsatz in der Praxis ist ein solcher Bluttest allerdings noch weit entfernt.

„Man ist so alt, wie man sich fühlt“, sagt ein bekanntes Sprichwort – und tatsächlich steckt ein wahrer Kern in dieser Aussage. Denn nicht immer verrät das Geburtsdatum, wie fit und körperlich jung ein Mensch ist. Vor allem bei älteren Personen sagt das kalendarische Alter meist wenig über den Gesundheitszustand oder die noch zu erwartenden Lebensjahre aus. Weitaus aussagekräftiger als ein Blick auf die Zahlen sind in diesem Zusammenhang biologische Indikatoren: zum Beispiel der Blutdruck, der Body-Mass-Index (BMI), aber auch Abbauprodukte des Stoffwechsels im Blut. Doch lässt sich mit solchen Biomarkern verlässlich vorhersagen, wie wahrscheinlich eine Person die kommenden Jahre überleben wird? Und wenn ja, mit welchen?

14 Biomarker im Blut

Genau diesen Fragen haben sich nun Joris Deelen vom Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns in Köln und seine Kollegen gewidmet. Für ihre Untersuchung analysierten die Forscher metabolische Daten aus dem Blut von 44.168 Probanden, die an wissenschaftlichen Langzeitstudien teilgenommen hatten und zu Beginn zwischen 18 und 109 Jahre alt gewesen waren. 5.512 der beteiligten Personen waren im Studienzeitraum verstorben. Würde sich ein Zusammenhang zwischen der Restlebenszeit und bestimmten Substanzen im Blut offenbaren? Tatsächlich ergaben die Auswertungen: Ein Set aus insgesamt 14 Biomarkern schien mit der Sterblichkeit der Probanden zusammenzuhängen – darunter Aminosäuren, Lipidwerte und Entzündungsparameter.

Wie die Wissenschaftler berichten, lässt sich auf Basis dieser Marker sowie dem Geschlecht erstaunlich gut vorhersagen, mit welcher Wahrscheinlichkeit ein Mensch im Laufe der nächsten fünf und zehn Jahre versterben wird. Gemeint ist dabei das biologisch bedingte Sterberisiko – Todesfälle durch die Ansteckung mit einer tödlichen Infektionskrankheit oder einen Autounfall lassen sich auf diese Weise natürlich nicht prognostizieren. Das Interessante an den Ergebnissen: Die Prognosen auf Grundlage dieses metabolischen Profils sind offenbar genauer als bisher verfügbare Marker. Dies gilt sowohl für Männer und Frauen als auch über unterschiedliche Altersgruppen hinweg. Nach Ansicht von Deelen und seinem Team könnten sich die nun identifizierten Biomarker daher in Zukunft unter anderem für die Risikobewertung im Rahmen von Therapieentscheidungen eignen. Ist eine ältere Person zum Beispiel zu fragil für eine invasive Operation? Sollte ein hochbetagter Patient noch behandelt oder nur noch palliativ versorgt werden?

Ethische Fragen

Bis Daten aus einem Bluttest Ärzten und Patienten in solchen Situationen bei der Entscheidung helfen können, ist es jedoch noch ein weiter Weg, wie auch Florian Kronenberg von der Medizinischen Universität Innsbruck betont: „Die Studie ist insofern bemerkenswert, weil sie einen weiteren Schritt hin zu einer personalisierten Medizin darstellt. Aber vor einer klinischen Anwendung ist es nun unbedingt erforderlich, dass erst einmal weitere Studien kontrolliert durchgeführt werden, die die Vor- und Nachteile der Vorhersage überprüfen.“ Dabei müssten auch die Algorithmen erprobt werden, die es den Medizinern ermöglichen, das Vorhersagepotenzial der Daten aus dem Blut zu nutzen.

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Unweigerlich stellt sich auch die Frage nach den ethischen Konsequenzen eines solchen Tests: „Wie verhindern wir, dass die Zugehörigkeit zu einer statistisch analysierten Hochrisikogruppe von Biomarkern zu einer Diskriminierung von Patienten führt? Und wer teilt dieses Risiko und seine Bedeutung dem einzelnen Patienten mit?“, kommentiert Annette Rogge von der Christian-Albrechts-Universität Kiel. „Es macht möglicherweise Angst, wenn ein Algorithmus über Therapien mitentscheidet“, sagt Kronenberg. „Doch schon heute fallen in der Medizin ständig Entscheidungen, meist auf der Basis von relativ wenigen Daten.“ Mehr Daten und bessere Biomarker könnten medizinische Vorhersagen seiner Ansicht nach in Zukunft präziser machen, wenn auch niemals hundertprozentig treffsicher. „Wichtig ist daher, vor Entscheidungen auf jeden Fall auch die Präferenzen des Patienten zu berücksichtigen“, schließt der Mediziner.

Quelle: Joris Deelen (Max-Planck-Institut für die Biologie des Alterns, Köln) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-019-11311-9

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