Das Gespräch führte RAINER KURLEMANN
Frau Schickl, Forscher können im Labor winzige Strukturen des menschlichen Gehirns züchten. Müssen wir uns vor dem fürchten, was noch kommen wird?
Nein. Die Debatte um menschliche Hirnorganoide wird meines Erachtens unnötig aufgeblasen. Sie wird von unrealistischen frankensteinartigen Befürchtungen geleitet, die mit dem aktuellen und zu erwartenden zukünftigen Forschungsstand wenig zu tun haben.
Das ist eine recht harsche Zurückweisung der Kritik. Halten Sie einen besonderen Schutz der Hirnorganoide aus ethischen Gründen nicht für nötig, obwohl sie menschlichen Gehirnen ähneln?
Ein besonderer Schutz menschlicher Zellen ist ethisch nicht zu rechtfertigen. Ethisch relevant ist nicht, welcher Spezies eine Entität angehört, sondern welche aktualen, also tatsächlich vorhandenen Fähigkeiten sie besitzt, die uns einen direkten Grund dafür geben, auf deren Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen. Menschliche Zellen, Zellstrukturen oder Hirnorganoide haben keine Bedürfnisse und werden voraussichtlich auch nie welche haben. Es geht daher vielmehr darum, die Nutzung von menschlichen Hirnorganoiden als Alternativmethoden für Tierversuche intensiv zu erforschen.
»Ein besonderer Schutz menschlicher Zellen ist ethisch nicht zu rechtfertigen«
Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina sagt, dass derzeit keine Reglementierung nötig ist, will aber beobachten. Gibt es Kriterien, mit denen sich bestimmen lässt, wann Forscher nicht mehr weitermachen sollten?
Ja, sobald Leid verursacht wird. Es wäre daher wichtig, striktere Forschungsgrenzen zu setzen: bei Tierversuchen und auch bei Eingriffen in die Keimbahn, zu der Eizellen und Spermien gehören. Bei Tierversuchen wird das verursachte Leid durch eine ethisch nicht gerechtfertigte Bevorzugung der menschlichen Spezies relativiert. Beim reproduktiven Klonen besteht internationaler Konsens, dass das gesundheitliche Risiko und mögliche Leid für den geborenen Menschen zu groß wäre. Bei der Keimbahnintervention bleibt das gesundheitliche Risiko allerdings ähnlich groß – und sie wird inzwischen dennoch international für eine therapeutische Anwendung in der Zukunft in Erwägung gezogen.





