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Deutschland

Erste Hantavirus-Übertragung durch eine Hausratte

Ratte
Ratte als Haustier. (Bild: Sergei Pivovarov/ iStock)

Erstmals in Deutschland wurde die Übertragung des Seoulvirus auf den Menschen nachgewiesen. Eine junge Frau aus Niedersachsen hatte sich bei ihrer als Haustier gehaltenen Ratte angesteckt. Mit akutem Nierenversagen musste sie intensivmedizinisch behandelt werden. Das Seoulvirus gehört zur Familie der Hantaviren und ist vorwiegend in Asien verbreitet. In Deutschland kamen bisher nur Hantavirustypen vor, die von Mäusen übertragen werden und in der Regel mildere Verläufe verursachen.

Hantaviren sind weltweit verbreitet. Ihre Wirte sind kleine Säugetiere wie Mäuse und Ratten, über deren Ausscheidungen die Viren auf den Menschen übertragen werden können. Es handelt sich also um Zoonosen. Abhängig von der Virusspezies erzeugen sie unterschiedlich schwere Verläufe – von asymptomatischen Verläufen bis hin zu lebensbedrohlichem hämorrhagischem Fieber mit Nierenversagen. Seit 2001 sind Hantavirus-Erkrankungen in Deutschland meldepflichtig. In Mitteleuropa kommen vor allem Puumala- und Dobrava-Belgrad-Viren vor, Hantavirustypen, die von Mäusen übertragen werden und nur selten zu schweren Verläufen führen.

Identische Virussequenzen bei Ratte und Besitzerin

Bei einer 18-jährigen Rattenbesitzerin aus Niedersachsen wurde nun aber eine Infektion mit dem hierzulande neuen Seoulvirus nachgewiesen. Dieser Erreger verursacht ein ähnliches Krankheitsbild wie die schon bekannten Hantaviren, führt aber etwas häufiger zu schweren Verläufen. Wie Wissenschaftler von der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) nun bekannt gaben, wurde die Patientin im Oktober 2019 mit hohem Fieber und schlechtem Allgemeinzustand ins Krankenhaus eingeliefert. Im Verlauf ihrer Erkrankung entwickelte sie ein akutes Nierenversagen sowie Leber- und Magen-Darm-Probleme. Erst nach etwa zwei Wochen konnte sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.

Erste serologische Analysen bestätigten zwar schnell, dass es sich um eine Hantavirus-Infektion handelte, der Typ allerdings war zunächst unklar. Erst eine weitergehende molekulare Spezialdiagnostik durch ein Team um Jörg Hofmann von der Charité identifizierte den Krankheitserreger als Seoulvirus. Bei der betroffenen Heimratte konnten Experten am Friedrich-Loeffler-Institut dasselbe Virus nachweisen. Hofmann erklärt: „Beide Virussequenzen, die der Patientin und die der Ratte, waren identisch. Dies bestätigt eine Erkrankung durch Übertragung des Erregers vom Tier auf den Menschen – eine sogenannte Zoonose.“

Bislang kaum Fälle in Europa

Damit wurde die Übertragung des Seoulvirus erstmals in Deutschland nachgewiesen. Bekannt waren bislang nur einzelne Fälle aus Frankreich und den Niederlanden. „Dieses Virus kommt ursprünglich aus Asien und ist wahrscheinlich durch infizierte Wildratten auf Schiffen nach Europa gelangt, konnte in Deutschland bisher aber noch nie beobachtet werden“, sagt Hofmann. Der einzige Fall in Deutschland war bisher ein Rentner, der sich 2017 auf einer Indonesienreise mit dem Virus angesteckt hatte.

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Die infizierte Zuchtratte der Patientin wurde mutmaßlich aus einem anderen Land nach Deutschland importiert. Gekauft hatte die junge Frau das Tier zwei bis drei Wochen vor Ausbruch ihrer Erkrankung. Folgeuntersuchungen sollen die genaue Herkunft der Heimratte sowie des dort gefundenen Erregers zeigen. Dazu sind weitere Untersuchungen von Rattenhaltungen und Wildratten vorgesehen. Vor einigen Jahren gab es Erkrankungen durch von Heimratten übertragenes Kuhpockenvirus. „Der Nachweis eines weiteren Zoonoseerregers in Heimratten unterstreicht erneut die Notwendigkeit eines Monitorings von Heimratten auf Zoonoseerreger“, so Co-Autor Rainer Ulrich vom Nationalen Referenzlabor für Hantaviren des FLI.

Ratten als Überträger

Soweit bislang bekannt ist, werden die in Europa und Asien vorkommenden Hantaviren nur von Tieren auf den Menschen übertragen, nicht aber von Mensch zu Mensch. Ihre Verbreitung ist daher an die Lebensräume der entsprechenden Wirtstiere gebunden. „Bislang dachte man nur bei Mäusekontakt an Hantavirus-Infektionen. Jetzt muss man die Möglichkeit einer Infektion auch bei Kontakt zu Wild- oder Heimratten in Betracht ziehen“, warnen die Autoren. „Der Nachweis in einer Heimratte bedeutet außerdem, dass über den Verkauf dieser Tiere das Virus praktisch überallhin exportiert werden kann.“ Weitere Untersuchungen sollen klären, inwieweit das eine Gefahr für Rattenhalter, -züchter und die Gesamtbevölkerung darstellt.

Quelle: Jörg Hofmann (Charité–Universitätsmedizin Berlin) et al., Emerging Infectious Diseases, doi: 10.3201/eid2612.200708

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