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Gesundheit+Medizin

FRAPPANTE WURM-KUR

Joel Weinstock, Mediziner an der University of Iowa, hat recht behalten: Seine Idee, Darmentzün- dungen mit Parasiten aus Tieren zu behandeln, hat sich durchgesetzt.

„IN SPÄTESTENS ZWEI JAHREN wird die ungewöhnliche Kur breite Anwendung finden“, prophezeite Medizin-Professor Joel Weinstock zu Beginn seines Projekts an der University of Iowa. Ende der 1990er-Jahre hatte der Gastroenterologe vermutet: Chronisch- entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa brechen aus, wenn das Immunsystem – mangels anderer Angriffsziele – auf harmlose Bakterien der körpereigenen Darmflora überschießend reagiert. Also muss man das Immunsystem anderweitig beschäftigen. Dazu verabreichte Weinstock darmkranken Patienten etwas, was zunächst Ekel auslöst: Wurmeier. Der Clou: Es handelte sich um Eier des spezifisch auf Schweine angepassten – und daher in Menschen nicht lebensfähigen – Schweinepeitschenwurms (Trichuris suis). bild der wissenschaft berichtete darüber in Heft 4/2000: „Gesünder mit Würmern“.

Gegen diesen Parasiten sollte der Körper seine Immunreaktion richten und die eigene Darmflora dafür in Ruhe lassen. Nach durchschnittlich zwei Wochen werden die Würmer im Darm vollständig verdaut. Weinstocks Idee bewährte sich: Zahlreiche Studien haben den Erfolg dieser Kur bestätigt. Mehr noch: Die Behandlungsmethode soll nun auf Lebensmittel- und saisonbedingte Allergien sowie auf Asthma ausgeweitet werden – und verblüffenderweise sogar bei Autismus positive Effekte haben.

Nach den vielversprechenden Ergebnissen der ersten Studien in Iowa entwickelte die Ovamed GmbH in Barsbüttel, in Zusammenarbeit mit der Freiburger Firma Dr. Falk Pharma, den Herstellungsprozess von „Trichuris suis ova“ (TSO). „Von den 4000 Patienten, die bisher weltweit mit TSO behandelt wurden, waren 80 Prozent nach der Behandlung symptomfrei. Es sind keine Nebenwirkungen aufgetreten“, sagt Detlev Goj, Geschäftsführer von Ovamed. „Bei älteren Menschen, bei denen das Immunsystem weniger lernfähig oder die Erkrankung bereits weiter fortgeschritten ist, kann es allerdings nach zwei bis drei Jahren erneut zu Symptomen kommen.“

Eine offizielle Zulassung hat das Unternehmen zwar zunächst nur in Thailand erhalten. Da aber kein ähnliches Mittel in Europa oder den USA erhältlich ist, dürfen auch deutsche Ärzte – im Einvernehmen mit ihren Patienten – TSO verschreiben. Europaweit plant derzeit Dr. Falk Pharma die erste Zulassungsstudie zur Behandlung von Morbus Crohn mit TSO, unter der Leitung des Regensburger Lehrstuhlinhabers für Innere Medizin, Jürgen Schölmerich.

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Auf keine Darm-, sondern auf eine Nervenkrankheit zielt der Neurologie-Professor John O. Fleming. An der University of Wisconsin leitet er eine TSO-Studie zur Behandlung der Multiplen Sklerose (MS), gefördert von den National Institutes of Health. Bei dieser Autoimmunkrankheit greift der Körper die Hüllen der eigenen Nervenfasern an. Wie bei den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen attackiert das Immunsystem also körpereigenes Gewebe. Fleming hofft, dass die Schweinewürmer auch bei MS-Kranken das Immunsystem wieder einpendeln können.

Noch überraschender ist das Projekt einer Gruppe um den Psychiatrie-Professor Alexander Kolevzon an der Mount Sinai School of Medicine in New York: Sie testet das Mittel an Menschen mit Autismus. „Viele Untersuchungen haben einen Zusammenhang zwischen Störungen des Zentralnervensystems bei Autismus und chronisch-entzündlichen Nervenkrankheiten gezeigt“, erklärt Kolevzon. „TSO stellt das Gleichgewicht im Nervensystem wieder her.“ Hier winkt vielleicht sogar eine Schnellzulassung. Denn bei Autismus gibt es bislang kein Medikament, das ursächlich wirkt und nicht nur Begleitsymptome abschwächt. Deirdre Ann Weber ■

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