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Gesundheit+Medizin

Freispruch für den Hüftspeck

Der Body-Mass-Index verrät wenig über das Risiko, krank zu werden.

7000 Kilokalorien muss sich ein japanischer Sumo-Ringer täglich einverleiben, um sein stattliches Gewicht zu halten. Die schwersten Ringer kommen auf 280 Kilogramm – krankhafte Fettberge? Schließlich gilt Fettsucht (Adipositas) als Risikofaktor für Altersdiabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall und diverse Krebsarten.

Doch nach neue Studien scheint Dicksein weniger zu schaden als bislang befürchtet, vor allem dem Herzen. „Wir haben das Risiko überschätzt“, meint Hans Hauner, Ernährungsmediziner an der TU München. Eine dieser erstaunlichen Untersuchungen stammt von Susanna Calling, Epidemiologin an der schwedischen Universität Lund. Sie wertete kürzlich Daten aus zwei großen schwedischen Bevölkerungsstudien mit je 22 000 und 28 000 Teilnehmern aus. Ergebnis: 16 Prozent der Teilnehmer mit einem Body-Mass-Index (BMI) über 30 – nach derzeitiger Definition kranke und behandlungsbedürftige Menschen – erfreuen sich bester Gesundheit. Sie erkranken nicht häufiger am Herzen als Normalgewichtige (BMI unter 25) und weisen auch keine Risikofaktoren wie Diabetes, Bluthochdruck oder erhöhte Blutfettwerte auf. Nur wenn sich solche Risikofaktoren dazugesellen oder die Dicken rauchen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie ernsthaft krank werden.

Solche Befunde widersprechen anderen Untersuchungen. In den USA errechneten Ärzte, dass bereits ein BMI von 25 bis 30 das Sterblichkeitsrisiko und damit auch die Gefahr für Herzleiden erhöhe. Wie kommt es zu solchen Diskrepanzen?

Als wichtigste Quelle für Fehlinterpretationen gilt unter Forschern inzwischen der BMI selbst, der in praktisch allen Studien als Vergleichswert verwendet wurde. In ihn fließen aber nur Gewicht und Größe eines Menschen ein. Entscheidend ist jedoch wohl nicht, dass sich Fett im Körper ansammelt, sondern vielmehr wo das geschieht. So erkranken Menschen des „Birnentyps“ seltener am Herzen als solche des „Apfeltyps“, die einen dicken Bauch und keine ausgeprägte Taille haben. Denn nur im „mittleren Ring“ werden hormonähnliche Stoffe gebildet, die den Arterien zusetzen (bdw 9/2006, „Fett – das lebenswichtige Organ“). Da der BMI nichts über die Art des Fetts aussagt, fordern immer mehr Forscher, ihn nicht mehr als Maßstab für das Krankheitsrisiko zu verwenden.

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Sie schlagen als Alternative den Waist-to-Hip-Ratio (WHR) vor, der das Verhältnis von Taillen- zum Hüftumfang widerspiegelt. „ Studien haben bestätigt, dass ein erhöhter WHR dreimal gefährlicher für das Herz ist als ein hoher BMI“, schrieb Maria Grazia Franzosi, Herzspezialistin der Universität Mailand, kürzlich im Fachblatt „Lancet“.

Schon der Taillenumfang allein ist ein Gefahren-Indikator: Er sollte der Gesundheit wegen 88 Zentimeter bei Frauen und 102 Zentimeter bei Männern nicht überschreiten, empfiehlt die Adipositas-Gesellschaft. In der westlichen Welt laufen etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen gemäß dieser Definition mit einem zu dicken Bauch durchs Leben. Veranschlagt man aber den BMI, gelten zwei Drittel der Männer und jede zweite Frau als „zu dick“ und damit als „potenziell krank“. Viele Menschen quälen sich also unnötigerweise mit fragwürdigen Diäten.

Doch der WHR gilt bislang nicht als Standard. Hauner nennt den Grund: „Es gibt keinen Konsens darüber, wo man das Maßband genau anlegen soll.“ Präzise kann man Bauchfett nur mit Tomographien lokalisieren. Doch die sind teuer und obendrein mit einer Strahlenbelastung verbunden.

Ein weiteres Manko des BMI: Er unterscheidet nicht zwischen Muskel- und Fettmasse. Doch gerade das Muskelgewebe leistet einen großen Beitrag zur Gesundheit. Im Blut von sportlichen Menschen wabert weder zu viel Cholesterin noch Zucker, ihre Herzgefäße sind frei, und die Lunge arbeitet effizient. Das bewahrt sie erwiesenermaßen vor einem frühzeitigen Herz-Kreislauf-Versagen.

Sumo-Ringer trainieren täglich mehrere Stunden, um im Wettkampf mit Muskeln und Beweglichkeit zu punkten. Trotzdem sterben sie im Durchschnitt schon mit 50 bis 60 Jahren – weil sie im Ruhestand meist weiter völlen. ■

Kathrin Burger

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