Knapp zehn Prozent aller Babys kommen in Deutschland vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt – und gelten damit als “Frühchen”. Diese Säuglinge sind für ein Leben außerhalb des Mutterleibs eigentlich noch nicht reif genug. Dank des medizinischen Fortschritts haben sie inzwischen zwar gute Überlebenschancen. Trotzdem sind Frühgeburten bis heute die Hauptursache der Säuglingssterblichkeit in den Industrienationen. Doch wie kommt es überhaupt zu einer zu früh eingeleiteten Geburt? Diese Frage gibt Wissenschaftlern seit langem Rätsel auf. “Das Dogma war bisher immer, dass der Fötus ein sehr unreifes Immunsystem hat. Es wurde daher nie bedacht, dass es womöglich eine Rolle bei den Schwangerschaftskomplikationen spielen könnte”, sagt Tippi MacKenzie von der University of California in San Francisco.
Aktivierte Immunzellen
In letzter Zeit zeigt sich jedoch: Genau das könnte der Fall sein. So deuten einige neuere Studien daraufhin, dass vorzeitige Wehen womöglich durch anomale Interaktionen zwischen dem Immunsystem der Mutter und dem ihres ungeborenen Kindes ausgelöst werden. Diesem potenziellen Zusammenhang hat sich die Seniorautorin nun gemeinsam mit einem Team um ihre Kollegin Michela Frascoli genauer gewidmet. Für ihre Studie untersuchten die Forscher 89 Mütter mit gesunden Schwangerschaften und 70, die eine Frühgeburt gehabt hatten. Dabei analysierten sie Blut der Frauen sowie Nabelschnurblut, das auch Zellen der Föten enthielt. Würden sich in den Proben Hinweise auf eine Immunreaktion zeigen?
Im Blut, das sie den Müttern abgenommen hatten, konnten die Wissenschaftler nichts Auffälliges feststellen. Dafür aber im Nabelschnurblut: Dort entdeckten sie bei den Frühgeborenen zum einen erhöhte Konzentrationen dendritischer Zellen. Diese Zellen präsentieren dem Immunsystem mögliche Eindringlinge und lösen dadurch eine Kaskade weiterer Reaktionen aus. Zum anderen war die Zahl bestimmter fötaler T-Zellen erhöht, die entzündungsauslösende Cytokine produzieren. Solche Cytokine koordinieren die Immunabwehr – und auch ihre Konzentration war im Nabelschnurblut deutlich erhöht. Weitere Experimente offenbarten: Die von den T-Zellen der Frühchen produzierten Cytokine lösten bei Zellen aus der Gebärmutterwand Kontraktionen aus. Bei Mäusen führten die aktivierten T-Zellen zu vermehrten Fehlgeburten.
Infektion als Auslöser?
All das deutet nach Ansicht der Forscher daraufhin, dass das Immunsystem des Ungeborenen im Vorfeld einer Frühgeburt ungewöhnlich aktiv ist – und sich gegen die Mutter richtet. Normalerweise sorgen spezialisierte Immunzellen während der Schwangerschaft dafür, dass sich die Immunsysteme von Mutter und Kind tolerieren. Frascoli und ihre Kollegen glauben: Diese Harmonie könnte aus dem Lot geraten, wenn die Mutter zum Beispiel eine Infektion erleidet und eine Entzündung entsteht. Die ungewöhnlichen Vorgänge könnten das fötale Immunsystem in Alarmbereitschaft versetzen – und als Folge eine vorzeitige Geburt auslösen. “Wenn du ein Fötus bist und sich dein Immunsystem in einer gesunden Umgebung entwickelt, ist es in deinem Interesse, dich still zu verhalten. Gibt es aber Schwierigkeiten, kann dies deine Immunzellen aufwecken”, sagt Frascoli. Womöglich handele es sich dabei um einen Abwehrmechanismus, um einer potenziell unwirtlichen Gebärmutterumgebung entfliehen zu können.





