Schläft man geschaukelt besser? - wissenschaft.de
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Gesundheit+Medizin Nachgefragt

Schläft man geschaukelt besser?

Sanftes Hin und Her… und schon werden die Augen schwer. Was hat es mit diesem altbekannten Schlaf-Trick auf sich? Profitiert man tatsächlich vom Schlummer im Wiege-Modus? Diesen Fragen sind Forscher durch experimentelle Untersuchungen nachgegangen. Sie konnten zeigen: Durch den Wiege-Effekt wird tatsächlich nicht nur das Einschlafen leichter, auch die Schlafqualität profitiert. Der durch das Schaukeln optimierte Schlaf führt demnach sogar zu einer verbesserten Gedächtnisleistung. In einer zweiten Studie zum Thema konnten Forscher zudem bei Mäusen zeigen, auf welchen körperlichen Mechanismen der Wiege-Effekt beruht.

Der Erforschung des Themas widmen sich bereits seit einiger Zeit die Forscher um Laurence Bayer von der Universität Genf. In einer ersten Studie gelang es ihnen zunächst, die einschläfernde Wirkung des Wiege-Effekts wissenschaftlich zu bestätigen: Kontinuierliches Wippen im Rahmen eines 45-minütigen Nickerchens trug demnach deutlich dazu bei, Probanden deutlich schneller und tiefer einschlafen zu lassen. In einer weiteren Studie sind sie dann der Frage nachgegangen, inwieweit schaukelnde Bewegungen auch den weiteren Verlauf des Schlafs beeinflussen.

18 Probanden ließen sich für die Studie nicht nur in den Schlaf wiegen, sondern auch die ganze Nacht durchschaukeln. Sie verbrachten dazu zwei Nächte im Schlaflabor – in der einen schlummerten sie auf einem sanft schaukelnden Bett und in der anderen schliefen sie auf einem identischen Gestell, das sich aber nicht bewegte. Stets wurden sie dabei durch spezielle Geräte genau beobachtet und auch die Gehirnströme erfassten die Forscher über Elektroden am Kopf der Probanden.

Optimierter Schlummer im Wiege-Modus

Die Ergebnisse bestätigten zunächst erneut die einschläfernde Wirkung des Schaukelns. Die Daten zum weiteren Schlafverlauf zeigten dann zudem: Im Wiege-Modus verkürzte sich der Anteil des sogenannten REM-Schlafs, der durch schnelle Augenbewegungen gekennzeichnet ist und den Traumschlaf kennzeichnet. Stattdessen verbrachten die Probanden längere Phasen im Tiefschlaf und wachten auch seltener auf, berichten die Wissenschaftler. Die Analysen der Hirnströme bestätigten diese Effekte. Es zeichnete sich ab, dass die kontinuierliche Schaukelbewegung neuronale Prozesse im Gehirn synchronisierte, die sowohl für den Schlaf als auch für die Gedächtniskonsolidierung eine wichtige Rolle spielen.

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Ob sich dieser Effekt konkret nachweisen lässt, testeten die Forscher, indem sie den Probanden Gedächtnisaufgaben stellten. Sie sollten sich dazu zunächst Wortpaare einprägen. Wie gut sie sich erinnern konnten, zeigten sie dann bei einem abendlichen Test und schließlich nach der Nacht im Schlaflabor. So konnten die Forscher bestätigen: Wenn die Probanden im Wiege-Modus geschlafen hatten, schnitten sie beim morgendlichen Test vergleichsweise gut ab. Bayer kommt zu dem Fazit: „Wir konnten dokumentieren, dass sich das Schaukeln günstig auf das Schlafen und seine Effekte auswirkt. Unsere Freiwilligen schliefen – obwohl sie alle normale Schläfer waren – schnell ein und dann besonders gut durch, wenn sie schaukelten“, resümiert er das Ergebnis.

Auch Mäuse lassen sich in den Schlaf wiegen

Die zweite Studie zum Thema hat sich mit der Frage beschäftigt, ob der Wiege-Effekt typisch für den Menschen ist, oder ob er auch bei anderen Säugetieren auftritt. Um ihr nachzugehen, hat das Forscherteam um Paul Franken von der Universität Lausanne die Käfige von Mäusen geschaukelt. So zeigte sich: Auch den Nagern fielen die Äuglein im Wiege-Modus besonders schnell zu und sie schliefen länger als üblich. Allerdings war dafür eine viermal höhere Schaukelfrequenz notig als beim Menschen, stellten die Forscher fest.

An den Versuchstieren konnten die Wissenschaftler anschließend auch untersuchen, welcher Mechanismus hinter dem Wiege-Effekt steckt. Ihr Verdacht richtete sich dabei auf die Rolle der Stimulation des vestibulären Systems, das mit dem Gleichgewichtssinn und der räumlichen Orientierung verknüpft ist. Um die mögliche Bedeutung zu untersuchen, führten die Forscher Versuche mit Mäusen durch, bei denen die Funktion des vestibulären Systems gestört war. Es zeigte sich: Bei diesen Tieren hatte das Schaukeln keine Auswirkungen auf das Schlafverhalten. Somit scheint klar: Das vestibuläre System spielt eine wichtige Rolle beim Wiege-Effekt.

Quelle: Cell Press, Université de Genève, Fachartikel:

Current Biology, Perrault et al.: „Whole-Night Continuous Rocking Entrains Spontaneous Neural Oscillations with Benefits for Sleep and Memory“ https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(18)31662-2 DOI: 10.1016/j.cub.2018.12.028

Current Biology, Kompotis et al.: „Rocking Promotes Sleep in Mice through Rhythmic Stimulation of the Vestibular System“ https://www.cell.com/current-biology/fulltext/S0960-9822(18)31608-7 DOI: 10.1016/j.cub.2018.12.007

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