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Hunde: Rasse sagt wenig über Verhalten aus

Hunde
Wie stark bestimmen Gene das Verhalten verschiedener Hunderassen? © Eriklam/ iStock

Border Collies gelten als außergewöhnlich schlau, Pitbull Terrier als überdurchschnittlich aggressiv und Golden Retriever als besonders kinderlieb. Doch wie viel sagt die Rasse tatsächlich über den Charakter eines Hundes aus? Weniger als gedacht, zeigt nun eine Studie. Die Analyse basiert auf genetischen Analysen von über 2.000 Hunden verschiedener Rassen, kombiniert mit Befragungen der Besitzer zum Verhalten ihrer Hunde. Demnach bestimmt die Genetik zwar zu einem entscheidenden Anteil über das Aussehen eines Hundes, hat jedoch nur geringen Einfluss auf seine Wesensmerkmale.

Welche Hunderassen sind besonders gut für Familien geeignet? Welche sind eher ängstlich oder aggressiv und welche leicht zu erziehen? Viele zukünftige Hundebesitzer stellen sich auf der Suche nach ihrem Traumhund solche Fragen – und finden bereits bei kurzer Internetrecherche ausführliche Schilderungen zu typischen Charakterzügen verschiedener Rassen. Auch gesetzliche Regelungen orientieren sich an angeblich typischen Eigenschaften bestimmter Rassen. So unterliegen sogenannte Kampfhunderassen vielerorts einer Maulkorbpflicht oder dürfen gar nicht erst gehalten werden. Doch was ist dran an solchen Rassestereotypen?

Befragungen und genetische Analysen

Mit dieser Frage hat sich nun ein Team um Kathleen Morrill von der University of Massachusetts auseinandergesetzt. Dazu befragten die Forscher 18.385 amerikanische Hundebesitzer nach Eigenschaften und Verhaltensweisen ihrer Vierbeiner. In über 100 Fragen ging es unter anderem darum, wie menschenbezogen der Hund ist, wie sozial er sich anderen Hunden gegenüber verhält, wie er sich mit Hundespielzeugen beschäftigt und wie leicht er sich aus der Ruhe bringen lässt.

Die Antworten auf diese Fragen glichen die Forscher zum einen mit den Angaben der Besitzer zur Rasse ihres Hundes ab. Zum anderen sequenzierten sie für 2.155 Hunde aus der Stichprobe die DNA und analysierten das Erbgut auf Genorte und Varianten, die mit bestimmten Verhaltensweisen assoziiert sind. Anschließend verglichen sie, ob und in welchem Maße sich diese Genvarianten bei verschiedenen Rassehunden und Mischlingen wiederfanden. Rund die Hälfte der untersuchten Hunde waren reinrassige Vertreter einer von 78 Rassen, bei der anderen Hälfte handelte es sich um Mischlinge.

Verhalten nicht genetisch festgeschrieben

Das Ergebnis: „Die Rasse erklärt nur etwa neun Prozent der Verhaltensvariationen und besitzt somit nur einen geringen Vorhersagewert für Individuen“, schreiben die Forscher. Eine der Eigenschaften, die noch am ehesten mit der Rasse zusammenhängen, ist, wie gut ein Hund auf menschliche Kommandos reagiert und wie leicht er sich erziehen und trainieren lässt. Ängstlichkeit und Aggression dagegen hängen der Analyse zufolge kaum mit genetischen Merkmalen zusammen, sondern scheinen vielmehr durch die individuellen Erfahrungen eines Hundes in seiner Umwelt beeinflusst zu sein.

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Für elf genetische Varianten fanden die Forscher eine signifikante Assoziation mit Verhaltensweisen. Eine bestimmte Stelle im Genom beeinflusst etwa, wie aufgeschlossen der Hund gegenüber ihm bekannten und unbekannten Menschen ist, eine andere bestimmt seine Neigung zu heulen. Vergleichbare Regionen im menschlichen Genom wurden mit dem Langzeitgedächtnis beziehungsweise mit Sprache in Verbindung gebracht.

Rassen auf Aussehen gezüchtet

Diese genetischen Variationen gibt es allerdings schon viel länger als moderne Hunderassen existieren, betonen die Forscher. „Die meisten Verhaltensweisen, die wir als Merkmale spezifischer moderner Hunderassen ansehen, sind höchstwahrscheinlich im Laufe von Tausenden von Jahren der Evolution vom Wolf über den wilden Hund zum domestizierten Hund und schließlich zu den modernen Hunderassen entstanden“, sagt Morills Kollegin Elinor Karlsson. „Diese vererbbaren Merkmale liegen Tausende von Jahren vor unserem Konzept der modernen Hunderassen.“

Die moderne Rassezüchtung begann dagegen erst im 19. Jahrhundert. Dabei lag der Fokus weniger auf dem Charakter der Hunde als auf äußerlichen Merkmalen wie der Körpergröße sowie der Länge und Musterung des Fells. Tatsächlich sind diese Merkmale der Analyse zufolge deutlich stärker in der rassetypischen Genetik verankert. Wer sich also einen Golden Retriever anschafft, kann sich recht sicher sein, dass dieser auch aussehen wird wie ein typischer Golden Retriever. Für das Verhalten gilt das hingegen weniger: „Die Rasse kann zwar die Wahrscheinlichkeit beeinflussen, mit der ein bestimmtes Verhalten auftritt, ist aber entgegen der landläufigen Meinung nicht aussagekräftig genug ist, um die Veranlagung eines Individuums vorherzusagen“, so die Forscher.

Quelle: Kathleen Morrill (University of Massachusetts, USA) et al., Science, doi: 10.1126/science.abk0639

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