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Gesundheit|Medizin

Klimawandel erhöht das Risiko für Infektionskrankheiten

Aedes albopictus
Die Tigermücke ist ein Vektor für mehrere virale Krankheiten. © frank600/ iStock

Der Klimawandel lässt nicht nur Temperaturen ansteigen und Wetterextreme zunehmen – Klimafolgen wie Dürren, Hitzewellen oder Überschwemmungen beeinflussen auch das Risiko für viele Infektionskrankheiten. Wie groß das Ausmaß dieses Einflusses ist, beziffern Forscher nun in einer Analyse für zehn Klimafolgen und 378 bekannte Infektionskrankheiten. Ihren Ergebnissen zufolge haben Klimafolgen bereits 58 Prozent dieser Krankheiten begünstigt und zu mehr Fällen geführt. Beispiele dafür sind Erreger, die von Stechmücken oder Zecken übertragen werden, aber auch über das Wasser oder durch Wildtiere verbreitete Pathogene. Gleichzeitig können die sich verschärfenden Klimabedingungen auch den Menschen anfälliger für Infektionen machen.

Ob Tigermücke, Asiatische Buschmücke oder exotische Zeckenarten: In den letzten Jahren haben sich mehrere ursprünglich nur in südlicheren Gefilden vorkommende Tierarten bei uns etabliert, die als potenzielle Überträger von Infektionskrankheiten gelten. Die zunehmend milderen Winter und warmen Sommer begünstigen das Überleben solcher Vektorarten und der von ihnen übertragenen Viren oder Bakterien. Dadurch könnten künftig Tropenkrankheiten wie Dengue, Chikungunya oder das Fleckfieber auch bei uns auftreten. Erste Fälle des von Stechmücken übertragenen West-Nil-Fiebers hat es in Deutschland schon gegeben. Aber auch wetterbedingte Katastrophen können Krankheiten begünstigen, indem beispielsweise wasserlebende Keime sich nach Überschwemmungen ausbreiten oder überschwemmte Flächen zu Mückenbrutstätten werden.

Günstigere Bedingungen für 277 Infektionskrankheiten

Ob und wie sich verschiedene Klimafolgen auf Infektionskrankheiten und ihre Erreger auswirken, haben nun Camilo Mora von der University of Hawaii in Manoa und seine Kollegen genauer untersucht. Für ihre Metaanalyse werteten sie die Ergebnisse von 830 Studien aus aller Welt zu allen 375 bekannten Infektionskrankheiten aus, die in offiziellen Listen der Gesundheitsorganisationen aufgeführt sind. Neben klassischen, von Mikroorganismen wie Viren, Bakterien oder Pilzen übertragenen Infektionskrankheiten nahmen sie auch 40 nicht im klassischen Sinne übertragbare Krankheiten auf, darunter vor allem Allergien. „Auch deren Auslöser können durch Erwärmung, Überschwemmungen und Stürme verstärkt werden und werden immer mehr zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem für Ausbrüche von Asthma, Haut- und Atemwegskrankheiten“, erklären die Wissenschaftler.

Bei der Auswertung fanden die Wissenschaftler 3213 dokumentierte Krankheitsfälle, für die ein Zusammenhang mit Klimafolgen nachweisbar war. „Diese Beispiele ließen sich auf 286 Krankheiten zurückführen, von denen 277 durch mindestens einen klimabedingten Faktor verstärkt wurden“, berichten Mora und sein Team. „Nur neun von Pathogenen verursachte Krankheiten wurden durch Klimarisiken negativ beeinflusst.“ Insgesamt wurden den Analysen zufolge bereits 58 Prozent aller von Erregern verursachten Krankheiten durch den Klimawandel und seine Folgen begünstigt. Die Wege, durch die dies geschieht, sind dabei vielfältig. „Wir haben 1006 Arten identifiziert, die durch Klimafolgen über verschiedenste Übertragungsformen zu Fällen von pathogenen Krankheiten führen“, erklärt das Team.

Wirkung auf gut tausend verschiedenen Wegen

Den größten Einfluss hat dabei die Erwärmung: Sie begünstigt den Daten zufolge 160 Krankheiten, indem sie beispielsweise die Verbreitungsgebiete von Erregern und ihren Überträgern ausdehnt. Als Beispiele dafür nennen die Wissenschaftler Krankheiten wie Zika, Dengue, Malaria, Chikungunya, die Pest oder das West-Nil-Fieber, die durch sich in zuvor kühlere Gebiete ausbreitende Vektoren wie Stechmücken übertragen werden. Auch die Erwärmung des Wassers in Meeren und Binnengewässern kann die Ausbreitung von Krankheiten begünstigen und tut dies schon, wie das Team berichtet. So können sich Bakterien wie der Choleraerreger Vibrio cholerae oder bestimmte krankmachende Amöben im warmen Wasser besser vermehren und führen vermehrt zu Ausbrüchen auch in Gegenden, in denen dies früher gar nicht oder selten vorkam. Änderungen der Niederschläge und Überschwemmungen stehen den Daten zufolge mit 122 und 121 verschiedenen Krankheiten in Zusammenhang. Dazu gehören viele von Mücken oder wasserlebenden Erregern verbreitete Krankheiten. Wärme und veränderte Niederschläge können zudem günstigere Bedingungen für Nagetiere schaffen und Massenvermehrungen auslösen, die dann wiederum die Übertragung von Erregern wie dem Hantavirus oder der Pest auf den Menschen.

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Klimafolgen fördern aber auch dadurch die Übertragung von Krankheiten, indem sie Mensch und potenzielle Vektoren verstärkt in Kontakt bringen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn Waldbrände, Dürren oder Überflutungen Fledermäuse, Nagetiere und andere Wildtiere näher an menschliche Siedlungen bringen. Umgekehrt können diese Klimafolgen dazu führen, dass Menschen ihre Nutztiere in zuvor unberührte Lebensräume wie Wälder treiben oder diese Habitate nun selbst für die Landwirtschaft oder als Siedlungsgebiet nutzen. „Solche klimabedingten Landnutzungsänderungen haben das Vordringen des Menschen in wilde Gebiete begünstigt und zahlreiche Ausbrüche von Krankheiten wie Ebola, Malaria, Tsutsugamushi-Fieber, Lyme-Borreliose und australisches Zeckentyphus ausgelöst“, schreiben Mora und seine Kollegen. Parallel dazu können Klimafolgen wie Hitze oder Wetterkatastrophen auch die menschliche Abwehr schwächen und sie so anfälliger für Infektionen machen.

„Die schiere Menge der pathogenen Krankheiten und Übertragungswege, die durch Klimarisiken verschlimmert werden, enthüllt das Ausmaß der gesundheitlichen Bedrohung, der wir Menschen durch den Klimawandel ausgesetzt sind“, konstatieren die Wissenschaftler. Umso wichtiger sei es, den Klimawandel durch eine Verringerung der Treibhausgasemissionen zu bremsen. Ähnlich sieht es der nicht an der Studie beteiligte Virologe Renke Lühke vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg: „Die Studie zeigt eindrücklich, dass viele unterschiedliche Übertragungspfade einen Einfluss auf diverse Krankheitserreger haben. Diese Vielschichtigkeit macht eine gesellschaftliche Anpassung sehr schwierig, sodass die Reduzierung der Treibhausgasemissionen als wichtigste Gegenmaßnahme weiter im Fokus stehen muss.“

Quelle: Camilo Mora (University of Hawaii, Manoa) et al., Nature Climate Change, doi: 10.1038/s41558-022-01426-1

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