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Gesundheit+Medizin

Legasthenie beeinträchtigt visuelle Verarbeitung

Schulkind
Kindern mit Legasthenie fällt nicht nur das Lesen und Schreiben schwerer. (Bild: Brian A. Jackson/ iStock)

Wer an einer Lese- und Rechtschreibstörung leidet, hat unter anderem Probleme damit, sich beim Lesen zu merken, wie Wörter richtig geschrieben werden. Eine neue Studie belegt nun, dass sich die Legasthenie auch auf Hirnprozesse auswirkt, die nichts mit Lesen oder Schreiben zu tun haben, darunter die visuelle Verarbeitung von Bewegungen. Im Experiment brauchten Kinder mit Legasthenie im Vergleich zu Altersgenossen länger, um zu erkennen, in welche Richtung sich eine Masse von Punkten bewegt. Der Befund ließ sich auch anhand von Hirnstrommessungen nachvollziehen. Die Forscher hoffen, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen, Betroffene wirksamer unterstützen zu können.

Rund fünf Prozent der Kinder in Deutschland leiden unter einer Lese- und Rechtschreibstörung. Sie lesen typischerweise sehr langsam, verdrehen dabei oft Buchstaben und haben Schwierigkeiten, Wörter korrekt zu schreiben. Das führt oft zu schulischen und psychischen Problemen, darunter schlechten Noten, Schulangst, mangelndem Selbstbewusstsein und Traurigkeit. Die Ursachen von Legasthenie sind bislang noch weitgehend unklar – und auch spezifisch angepasste Hilfsangebote sind begrenzt. Forscher diskutieren unter anderem, ob es sich bei der Legasthenie im Kern um eine Störung der visuellen Verarbeitung handelt.

Gestörte Verarbeitung von Bewegungen

Ein Team um Catherine Manning von der University of Oxford hat nun mit neuen Methoden untersucht, wie sich die visuelle Verarbeitung und die Gehirnaktivität bei Kindern mit und ohne Legasthenie unterscheiden. Dazu präsentierten sie 100 Kindern im Alter von sechs bis 14 Jahren, von denen die Hälfte an Legasthenie litt, eine Masse von sich bewegenden Punkten. Während die Forscher per Elektroenzephalographie (EEG) die Hirnströme der Kinder maßen, sollten diese entscheiden, in welche Richtung sich der Großteil der Punkte bewegte.

Das Ergebnis: Kinder mit Legasthenie brauchten länger, um die visuellen Anhaltspunkte zu erfassen und zu einer Entscheidung zu kommen. Zudem waren sie dabei ungenauer als ihre Altersgenossen. Auch in der Gehirnaktivität waren diese Unterschiede erkennbar. Bei allen Kindern nahm die Aktivität in Hirnregionen, die an der Entscheidungsfindung beteiligt sind, stetig zu, bis das Kind eine Entscheidung traf. Allerdings erfolgte dieser Anstieg der Gehirnaktivität bei Kindern mit Legasthenie langsamer. Allein auf Basis der Gehirnaktivität während der Aufgabe konnten die Forscher erkennen, welche EEG-Daten von Kindern mit Legasthenie stammten.

Chancen für gezieltere Förderung

„Diese Ergebnisse zeigen, dass sich die Schwierigkeiten von Kindern mit Legasthenie nicht auf das Lesen und Schreiben beschränken“, sagt Manning. „Stattdessen zeigen Kinder mit Legasthenie als Gruppe auch Unterschiede bei der Verarbeitung visueller Informationen und bei der Entscheidungsfindung in Bezug auf diese.“ Bereits frühere Forschungen hatten darauf hingedeutet, dass es einen Zusammenhang zwischen Legasthenie und einer gestörten visuellen Bewegungsverarbeitung geben könnte. Die aktuelle Studie unterstützt diese These.

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„Künftige Forschungen werden zeigen, ob diese Unterschiede in der visuellen Verarbeitung und Entscheidungsfindung trainiert werden können, um die Lesefähigkeit betroffener Kinder zu verbessern oder Hinweise auf die Ursachen der Legasthenie zu erhalten“, sagt Manning. Bekannt ist bereits, dass Legasthenie nicht mit einer verringerten Intelligenz oder allgemeinen Konzentrationsschwierigkeiten zusammenhängt. Ein genaueres Verständnis der zugrundeliegenden neuronalen Prozesse könnte dabei helfen, gezielte Förderangebote zu entwickeln, die schulischen Problemen und den oft damit verbundenen psychischen Folgeerkrankungen vorbeugen können.

Quelle: Catherine Manning (University of Oxford, UK) et al., Journal of Neuroscience, doi: 10.1523/JNEUROSCI.1232-21.2021

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