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Leid macht Kinder zu Greisen

Misshandlungen können in Genen und Gehirn lebenslang sichtbare Spuren hinterlassen.

Meredith und Julia* – zwei Frauen und zwei Schicksale, die sich ähneln: Beide sind 40 Jahre alt, wohnen in amerikanischen Orten mit hoher Kriminalitätsrate und haben Gewalt am eigenen Leib erfahren: Meredith wurde als kleines Kind mehrfach sexuell missbraucht, Julia geschah das Gleiche als junge Frau. Heute, mit 40, leiden beide an posttraumatischen Belastungsstörungen: Die Bilder der Taten tauchen plötzlich auf, verfolgen sie bis in den Schlaf. Die Frauen sind schreckhaft, fühlen Schuld und Scham, haben Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren und finden an vielen Dingen des Lebens keine Freude. Augenscheinlich hat sie das Schicksal auf die gleiche Weise gezeichnet. In den Genen aber hat sich der Missbrauch bei Meredith ausgewirkt, bei Julia nicht. Der Grund: Meredith war zum Zeitpunkt der Vergewaltigung noch ein Kind.

der Körper vergisst nicht

Noch nach Jahrzehnten soll der Körper offenbaren, in welchem Alter er Schock und Stress erlitt? Bis vor wenigen Monaten hätten Wissenschaftler bei dieser Frage den Kopf geschüttelt. Mittlerweile wissen sie es besser.

Elisabeth Binder und Torsten Klengel vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München haben gemeinsam mit deutschen und amerikanischen Kollegen Menschen wie Meredith und Julia untersucht – knapp 2000 US-Bürger, streng anonymisiert. Die Forscher stellten bei vielen Teilnehmern wiederholte Erfahrungen von Misshandlung, Vernachlässigung und sexuellem Missbrauch fest. Etwa ein Drittel der Betroffenen litt an posttraumatischen Belastungsstörungen. Unter denjenigen, die bereits als Kind schwer traumatisiert worden waren, fanden die Forscher zudem eine spezielle Veränderung im Erbgut: Das FKBP5-Gen war überaktiv.

Signalflaggen gekappt

Dieses Gen enthält den Bauplan für ein Protein, das jene Rezeptoren steuert, an die das Stress-Hormon Cortisol andocken kann. Wie stark das Gen abgelesen und wie oft das entsprechende Protein hergestellt wird, darüber entscheiden einfache chemische Markierungen, sogenannte Methyl-Gruppen. Wie Signalflaggen sitzen sie auf der Oberfläche des Gens. Bei Menschen wie Meredith sind diese Signalflaggen am FKBP5-Gen gekappt, vermutlich durch die starke Ausschüttung von Cortisol.

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Vereinfacht gesagt: Die Arbeiter haben die Herrschaft über die Fabrik übernommen – und eine der Stellschrauben bei der Regulierung von Cortisol so gedreht, dass die Produktion des Hormons auf Hochtouren läuft. Nach der Vergewaltigung stellte sich Merediths Organismus offenbar auf eine besonders harsche und gefährliche Umwelt ein, weshalb er auch noch bei der erwachsenen Frau auf Stress sehr empfindlich reagiert.

Julias FKBP5-Gen weist dagegen keine Veränderungen auf, obwohl auch sie traumatisiert ist. Ungeklärt ist bislang, sagt Studienleiter Klengel, wie schnell es zu einer „epigenetischen Umaktivierung“ im Kindesalter kommt, wie viele Gene betroffen sind, ob verschiedene Arten von Traumata unterschiedliche Spuren hinterlassen – und welche Rolle das Alter beim Missbrauch spielt.

Beim FKBP5-Gen kommt noch ein Faktor hinzu: Es wird nach einem Trauma im Kindesalter nur dann umaktiviert, wenn seine Struktur eine bestimmte Variante aufweist, die das Gen für molekulare Veränderungen empfänglich macht. Das ist wie bei einem terroristischen Schläfer, der erst durch einen Befehl aktiv wird. „Bei posttraumatischen Belastungsstörungen zeigt sich deutlich, dass Umwelteinflüsse und Gen-Veränderungen stark miteinander verknüpft sind“, sagt Klengel.

Auch Mobbing ist sichtbar

Schockierende Erlebnisse können nicht nur einzelne Gene, sondern auch das gesamte Erbgut schädigen, wie Forscher der Tulane University in New Orleans und des Children’s Hospital in Boston sowie der Duke University in Durham und des King’s College in London unabhängig voneinander nachgewiesen haben. Bei Kindern, die vernachlässigt, misshandelt oder gemobbt wurden, hatten sich die Telomere – die Schutzkappen am Ende der Chromosomen – verkürzt und zwar umso stärker, je länger die Kinder gequält wurden.

Die Telomere verkürzen sich bei allen Menschen mit zunehmendem Alter, weil sie sich bei jeder Zellteilung mitteilen. Bei den misshandelten Kindern schreitet dieser Verschleiß aber schneller voran. Dadurch erhöht sich ihr Krankheitsrisiko, und ihre Lebenserwartung sinkt. Stress macht Kinder – genetisch gesehen – also zu Greisen, während ihr Körper noch im Wachsen ist. Die Formbarkeit, die dem Organismus in jungen Jahren Chancen eröffnet, wird ihm zum Verhängnis.

Veränderungen im Gehirn

Das zeigt sich auch bei der Entwicklung des Gehirns. Udo Dannlowski und Harald Kugel von der Universität Münster haben im Gehirn von 148 Erwachsenen, die in ihrer Kindheit Misshandlungen unterschiedlicher Art erlebt hatten, deutliche Veränderungen nachgewiesen:

· einen überaktiven Mandelkern, der als Angstzentrum im Gehirn gilt,

· einen verkleinerten Stirnlappen, der dieses Angstzentrum kontrollieren soll,

· einen unterentwickelten Hippocampus, der eine zentrale Rolle bei der Bildung von Erinnerungen spielt.

Bei den Misshandlungen ging es nicht nur um schlagzeilenträchtige Taten wie sexuellen Missbrauch oder physische Gewalt. „Eine überforderte Mutter oder ein Kind, das als Partnerersatz dienen muss – auch solche emotionalen Wunden können sich in der Hirnentwicklung niederschlagen“, sagt Dannlowski.

Ein sensibles Angstzentrum und einen verkleinerten Gedächtnismotor findet man auch bei Patienten mit Depressionen, Schizophrenie und Borderline-Störung. Dannlowskis Testpersonen gelten hingegen als psychisch gesund. Doch die Verletzungen der Vergangenheit haben Spuren hinterlassen.

Das Lesen dieser Spuren gelingt den Wissenschaftlern immer besser. Beim Blick ins Gehirn hat eine internationale Forschergruppe um Christine Heim von der Charité in Berlin vor Kurzem erkannt, dass sich unterschiedliche Formen traumatischer Erfahrungen genau auf die Regionen in der Hirnrinde auswirken, die diese Erfahrungen verarbeiten. Bei Frauen, die in ihrer Kindheit sexuell missbraucht wurden, ist jener Bereich dünner, der Signale und Empfindungen aus den Geschlechtsorganen verarbeitet: Statt der üblichen fünf Millimeter ist er oft nur drei bis vier Millimeter dick. Der Stress hat im wahrsten Sinne des Wortes an den Nerven genagt. Bei Frauen, die als Kinder emotional misshandelt wurden und nie ein Wort der Wertschätzung zu hören bekamen, sind die Areale betroffen, die für Selbstwahrnehmung und Selbstbewertung zuständig sind.

Wenn schutz Schadet

Wie bei der Umaktivierung der Gene meint es der Körper auch bei den Umbauten im Gehirn eigentlich gut. Er versucht, die schmerzlichen Erfahrungen während der Misshandlung auszublenden, indem er – so vermuten die Wissenschaftler – die eingehenden Nervenimpulse hemmt. Das Gehirn macht dicht. Langfristig gesehen wird der Nutzen allerdings zum Schaden. Durch die Blockade in bestimmten Hirnbereichen bilden sich dort wohl weniger neuronale Verzweigungen – was die Dünnhäutigkeit erklären könnte. Fest steht, dass sexuell missbrauchte Mädchen als Frauen häufig Schmerzen beim Sex haben und wenig Lust empfinden. Und emotional verhungerte Kinder tun sich unter Umständen zeitlebens schwer, ihren eigenen Wert zu erkennen, Ängste zu überwinden und sich Depressionen zu entziehen.

Während eine überstandene Naturkatastrophe in der Psyche selten tiefe Spuren hinterlässt, können Quälereien durch Mitmenschen erschreckend nachhaltig wirken – durch den Pfleger im Waisenhaus, der sich nicht darum schert, ob ein Dreijähriger gehen und sprechen kann, durch die Mutter, die ihre Zigaretten auf der Haut des Kinds ausdrückt, durch den Vater, der sich an seinem Kind vergeht. „Kinder, die sexuell missbraucht oder emotional gequält werden, entwickeln zu 50 Prozent eine posttraumatische Belastungsstörung. Jene, die eine Naturkatastrophe erleben, nur zu 3 bis 4 Prozent“, sagt die Vorsitzende der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie Julia Schellong.

Doch es scheint eine Art „Schonfrist“ zu geben, innerhalb der sich schmerzvolle Erfahrungen wieder ausmerzen lassen. Rumänische Waisenkinder, die im Alter zwischen anderthalb und zwei Jahren adoptiert worden waren und ein gutes Zuhause erhalten hatten, holten in den folgenden Lebensjahren wieder auf, was sie vorher an kognitiver und emotionaler Entwicklung eingebüßt hatten. Das stellte der britische Entwicklungspsychologe Michael Rutter fest. Waren die Kinder bei der Adoption älter als zwei Jahre, ließ sich die Zeit nicht mehr zurückdrehen. Ihre Verhaltensauffälligkeiten, Entwicklungsstörungen und Bindungsängste blieben auch im neuen guten Umfeld bestehen.

Allerdings liegt in der Verletzlichkeit von Menschen, die durch Misshandlungen in Genen und Gehirn gezeichnet sind, auch eine Chance auf Heilung. Der Psychiater Chaltes B. Nemeroff und die Psychologin Christine Heim, beide damals an der Emory University School of Medicine in Atlanta, untersuchten schon vor etlichen Jahren 681 Patienten mit chronischer Depression und stellten fest, dass jene, die als Kinder traumatisiert worden waren, besonders gut auf psychotherapeutische Behandlungen ansprachen. So gut, dass Psychopharmaka, die bei den anderen Patienten zusätzlich eingesetzt werden mussten, nicht nötig waren. „Das Gehirn dieser Menschen scheint sehr stark durch Erfahrungen formbar zu sein – und zwar im Negativen wie im Positiven“, sagt Heim. „Bei den anderen Patienten mussten solche Veränderungen im Gehirn erst mithilfe von Medikamenten angeschoben werden.“ ■

Der Nachweis, dass emotionale Wunden ihre Spuren im Gehirn hinterlassen, hat bdw-Autorin BETTINA GARTNER sehr beeindruckt.

von Bettina Gartner

Ohne Titel

Internet

Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie: www.degpt.de

Projekt „Lebenstagebuch“ für traumatisierte Kinder des Zweiten Weltkriegs: www.lebenstagebuch.de

LESEN

Für Erwachsene, die mit traumatisierten Kindern zu tun haben: Andreas Krüger Erste Hilfe für traumatisierte Kinder Patmos, Ostfildern 2012, € 16,95

Fachlich fundiert und auch für Laien gut lesbar: Michaela Huber Trauma und die Folgen Junfermann, Paderborn 2009, € 26,90

Kompakt

· Traumatische Erlebnisse können das Ergbut umprogrammieren.

· Bei chronischem Stress werden bestimmte Hirnregionen um Millimeter dünner.

· Erwachsene, die in der Kindheit traumatisiert wurden, können auch ohne Psychopharmaka erfolgreich behandelt werden.

Die Last von der Seele schreiben

Mit einem „Lebenstagebuch“ haben der Greifswalder Trauma- forscher Philipp Kuwert und seine Kollegin Christine Knaevelsrud von der Freien Universität Berlin Menschen geholfen, die als Kinder im Zweiten Weltkrieg traumatisiert wurden. Die Betroffenen schrieben ihre teils verschütteten Erlebnisse und Gefühle auf: Wie sie Nächte voller Angst in Bunkern verbrachten, wie über ihnen Bomben einschlugen, wie sie fliehen mussten, wie sie zu verhungern drohten. Sechs Wochen dauerte die Schreibtherapie. Das Besondere: Teilnehmer und Therapeuten sahen sich kein einziges Mal. Sie kommunizierten ausschließlich über das Internet. Es gab weder persönlichen Kontakt noch Medikamente – dafür Aufmerksamkeit und Beachtung.

Die Auswertung der Studie, die derzeit noch läuft, zeigt „ einen signifikanten Nutzen für die Betroffenen“, sagt Studienleiter Kuwert. Der erste Schritt zur Heilung besteht oft darin, dass das erlebte Leid ernst genommen wird – auch wenn es schon viele Jahrzehnte zurückliegt.

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