Lunge: Therapie außerhalb des Körpers - wissenschaft.de
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Lunge: Therapie außerhalb des Körpers

Blick auf ein Organ Care System (OCS), das eine Schweinelunge enthält. (Foto: Karin Kaiser/MHH)

Nichts schlägt mehr an: Für schwere Lungenentzündungen durch antibiotikaresistente Bakterien gibt es manchmal keine Behandlungsmöglichkeiten mehr. Doch dies könnte sich möglicherweise ändern: Mediziner haben in Tierversuchen erstmals eine Lungenentzündung außerhalb des Körpers erfolgreich behandelt. Das Konzept: Der entzündete Lungenflügel wird entnommen, in einem speziellen System mit einer normalerweise unverträglich hohen Antibiotikadosis behandelt und anschließend wieder rückimplantiert. Auch andere Organe könnten auf diese radikale Weise von Bakterien oder auch Krebszellen befreit werden, sagen die Forscher.

Die Grundlagen des Verfahrens stammen aus der Transplantationsmedizin: Um entnommene Organe am Leben zu erhalten, werden sie in einem Organ Care System (OCS) gelagert. Es handelt sich um ein mobiles Gerät, in dem das Organ körperwarm transportiert, von Spenderblut durchflossen und mit Nährstoffen versorgt die Zeit bis zur Transplantation überdauern kann. Lungenflügel können in einem OCS außerdem beatmet werden, sodass sie sich selbst mit Sauerstoff versorgen.

Eine normalerweise tödliche Dosis wird möglich

In ihrer Pilotstudie haben die Mediziner um Axel Haverich von Medizinischen Hochschule Hannover nun untersucht, ob sich die Behandlung mit hoch dosierten Antibiotika in einem Organ Care System als neue Therapie für ansonsten unheilbare antibiotikaresistente Lungeninfektionen eignet. Als Versuchstiere suchten sie sich Schweine aus, da deren Lungen denen des Menschen ähneln. Bei dem Antibiotikum im Test handelte es sich um Colistin. Es ist bereits lange bekannt, wurde aber wegen seiner für den Körper schädlichen Eigenschaften bisher nur sehr selten verwendet. Bedingt durch das zunehmende Auftreten von antibiotikaresistenten Bakterien wird Colistin allerdings seit einiger Zeit als Reserveantibiotikum angesehen.

Im Rahmen ihrer Studie behandelten die Mediziner eine Gruppe von erkrankten Schweinen mit der für den Körper verträglichen Dosis des Antibiotikums Colistin. Bei der anderen Gruppe explantierten sie hingegen den erkrankten Lungenflügel und behandelten ihn zwei Stunden lang in einem OCS mit der hundertfachen Dosis des Antibiotikums. „Eine solche Dosis wäre für den Patienten nicht verträglich. Sie würde zu Nierenversagen und Schäden am zentralen Nervensystem führen“, erklärt Co-Autor Norman Zinne.

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Mögliche Notfall-Alternative

Anschließend implantierten die Ärzte die Lungenflügel wieder in die Tiere. Es zeigte sich: „Während in der nicht behandelten Kontrollgruppe und der konventionell behandelten Gruppe nur ein Drittel der Schweine die Lungenentzündung überlebte, erholten sich zwei Drittel der Tiere, deren Lungen wir außerhalb des Körpers behandelt haben, von der Erkrankung“, berichtet Zinne. Auch die Symptome der Infektion waren in der OCS-Gruppe weniger schwerwiegend als in den anderen Gruppen, sagen die Mediziner.

„Die Ergebnisse zeigen, dass die Behandlung von multiresistenter Lungenentzündung mit sehr hoch dosierten Antibiotika außerhalb des Körpers eine neue therapeutische Strategie für schwer verlaufende Infektionen darstellt, für die es ansonsten keine alternativen Therapien mehr gibt“, sagt Haverich. Noch besteht alllerdings weiterer Testbedarf: „Bevor wir die Methode auf den Menschen übertragen können, werden wir zur Sicherheit der Patienten noch weitere Studien im Tiermodell durchführen“, betont der Mediziner. Ihm zufolge bietet das Verfahren möglicherweise viel Potenzial „Es ist durchaus denkbar, die Methode auf weitere Organe wie das Herz oder andere Therapieoptionen wie Chemo- oder Zelltherapien zu übertragen“, sagt Haverich.

Quelle: Medizinische Hochschule Hannover, Originalarbeit der Forscher: PLoS One, doi: 10.1371/journal.pone.0193168

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