von JÜRGEN BRATER
Muskeln brauchen wir, um uns zu bewegen, das weiß jeder. Und auch, dass diese Kraftpakete umso leistungsfähiger werden, je mehr man sie beansprucht – Stichwort: Training. Aber dass sie dabei hormonähnliche Botenstoffe absondern, die im Körper vielerlei positive Wirkungen auslösen, ist kaum bekannt. Die Rede ist von den sogenannten Myokinen (von griechisch mys für Muskel und kinos für Bewegung). Sie gehören zu den Zytokinen und damit zu einer Klasse von Peptiden und Proteinen, die der Signalübertragung zwischen Zellen dienen. Als Entdeckerin und Namensgeberin gilt die dänische Sportwissenschaftlerin Bente Klarlund Pedersen von der Universität Kopenhagen, die 2007 beobachtete, dass sich im Organismus von Sportlern mit zunehmender Trainingsintensität Substanzen anreichern, die über das Blut im ganzen Körper verteilt werden. Indem sie fortwährend mit den Organen kommunizieren, tragen sie entscheidend zu deren optimaler Funktion bei. Experten sprechen in diesem Zusammenhang von „Muscle-Body-Crosstalk“.
So haben Messungen ergeben, dass während eines Marathonlaufs die Konzentration des am besten erforschten Myokins Interleukin 6 (IL-6) auf das 100-Fache des Ruhewerts ansteigen kann. Und IL-6 ist nur einer von mehr als 700 derartigen Botenstoffen, die bis heute entdeckt und näher erforscht worden sind. Man kann getrost davon ausgehen, dass es von ihnen noch deutlich mehr gibt. Da alle rund 650 Muskeln des menschlichen Körpers – abhängig vom Grad der Aktivität – Myokine ausschütten, stellen sie in ihrer Gesamtheit dessen größte Hormondrüse dar.
Wissenschaftler um Wilhelm Bloch, Leiter der Abteilung für molekulare und zelluläre Sportmedizin an der Deutschen Sporthochschule in Köln, haben Probanden vor und nach sportlicher Betätigung – Laufen, Radfahren, Krafttraining – Blut abgenommen und die Werte miteinander verglichen. Das 2021 veröffentlichte Ergebnis war beeindruckend: Die Menge der Myokine hatte sich während des Trainings mehr als verzwanzigfacht. Als die Forscher das myokinhaltige Blutserum auf unterschiedliche Gewebe aufbrachten und beobachteten, welche Wirkung die Botenstoffe dort jeweils auslösten, beobachteten sie, dass insbesondere der Myokin-Wachstumsfaktor VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) Blutgefäße in Muskeln veranlasste, sich zu verzweigen. Die gesteigerte Durchblutung mit der damit verbundenen verbesserten Nährstoff- und Sauerstoffversorgung machte die Muskeln leistungsfähiger. Außerdem trug die dabei zu beobachtende Entspannung der Gefäße dazu bei, den Blutdruck zu senken. Auch die Leistungsfähigkeit des Immunsystems wurde durch die Muskelbotenstoffe gestärkt. Bloch sagt: „Indem die Myokine nachweislich einen aktivierenden Einfluss auf das Immunsystem haben, beeinflussen sie praktisch jede Krankheit positiv. Insofern kann man sie getrost als körpereigene Apotheke bezeichnen. Wir haben zwar noch sehr viel Forschungsbedarf, um die Muskelapotheke anzuwenden. Aber das Potenzial ist da.“





