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Darmbakterien-Hirn-Achse

Mikrobielle Hilfe bei Depressionen

Probiotika können als Zusatztherapie offenbar helfen, Symptome von Depressionen zu lindern. © kieferpix/iStock

Die Darmflora spielt auch für unsere psychische Gesundheit eine wichtige Rolle, verdeutlicht eine Studie: Durch die Beeinflussung der Bakteriengesellschaft im Darm mittels Probiotika kann der Erfolg einer Therapie durch Antidepressiva deutlich verbessert werden. Die Stimmung der Patienten hellt sich durch die verstärkte Besiedlung des Darms mit bestimmten Bakterien stärker auf und auch eine typische Begleiterscheinung der Depression wird abgemildert, berichten die Wissenschaftler. Ihnen zufolge sollte nun weitere Forschung das Potenzial des Einsatzes von Probiotika in der Therapie allerdings noch detaillierter ausloten.

In uns leben wichtige Winzlinge: Die gesundheitliche Bedeutung der Bakterien in unserem Verdauungssystem ist in den letzten Jahren immer mehr in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Dabei zeigte sich, dass die Zusammensetzung der Darmflora nicht nur mit dem Immunsystem und rein körperlichen Effekten verknüpft ist, sondern auch mit neurodegenerativen Erkrankungen und psychischen Problemen. Bestimmte Merkmale des menschlichen Mikrobioms wurden etwa mit der Entwicklung von Depressionen und Angstzuständen in Verbindung gebracht. Offenbar können bestimmte Darmbakterien über ihre Stoffwechselprodukte das Nervensystem beeinflussen. Diese sogenannten Darm-Hirn-Achse hat sich mittlerweile zu einem wichtigen Forschungsfeld entwickelt.

Probiotische Zusatztherapie

Die Wissenschaftler um Anna-Chiara Schaub von der Universität Basel beschäftigen sich dabei gezielt mit der Frage, inwieweit sich der Einsatz von Probiotika im Rahmen einer medikamentösen Behandlung von Depressionen günstig auswirken kann. Wie sie erklären, besteht Bedarf an Möglichkeiten, die bestehenden Therapien zu verbessern und neue zu entwickeln. Denn Antidepressiva können zwar den finsteren Stimmungszustand der Betroffenen häufig aufhellen, der Effekt lässt allerdings in vielen Fällen zu wünschen übrig und es fehlt der entscheidende Kick, um die Lebensqualität wieder nachhaltig zu stabilisieren.

An der Studie nahmen insgesamt 47 Freiwillige teil, die sich wegen ihrer Depressionen in stationärer Behandlung in psychiatrische Kliniken begeben hatten. Vor Therapiebeginn erfassten die Forscher durch Standardtests den depressiven Zustand der Patienten und auch ihre Hirnreaktionen wurden bei bestimmten Reizen mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) erfasst. Anschließend begann die Therapie, bei der die eine Hälfte der Probanden zusätzlich zu gängigen Antidepressiva 31 Tage lang ein Probiotikum einnahmen. Es handelte sich dabei um ein kommerziell erhältliches Präparat, das acht verschiedene Bakterienstämme aus der Gruppe der Milchsäurebakterien umfasst, von denen günstige Wirkungen angenommen werden. Die Kontrollgruppe erhielt hingegen unwissentlich ein Scheinpräparat (Placebo) ohne Bakteriengehalt. Begleitend zu dem Versuch unterzogen die Forscher alle Studienteilnehmer einer Reihe von Tests.

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Stimmungsaufhellender Effekt

Aus den Ergebnissen ging hervor: Die Antidepressiva milderten bei allen Probanden die depressiven Symptome grundlegend ab. Doch in der Probiotika-Gruppe verbesserte sich der Gemütszustand der Studienteilnehmer deutlich stärker als in der Placebo-Gruppe, stellten die Wissenschaftler fest. Der Effekt ging dabei auch mit einer Veränderung der Darmflora einher: In der Probiotika-Gruppe bestätigten Untersuchungen von Stuhlproben die Zunahme von Milchsäurebakterien in der Zusammensetzung der mikrobiellen Gesellschaft des Darms. Nach dem Absetzen der Probiotika nahm der Anteil dieser Mikroben im Laufe der folgenden vier Wochen allerdings wieder deutlich ab, stellten die Forscher fest. „Womöglich sind vier Wochen Behandlung nicht lang genug und die neue Zusammensetzung der Darmflora stabilisiert sich erst nach einem längeren Zeitraum“, sagt Schaub.

Ein weiterer Effekt der Probiotika-Einnahme betraf die Beeinflussung der Hirnaktivität, berichtet das Team. Es ist bekannt, dass bei Patienten mit Depressionen bestimmte Hirnregionen, die für die emotionale Verarbeitung verantwortlich sind, anders reagieren als bei psychisch Gesunden. Dies spiegelt sich auch in bestimmten Mustern bei der Betrachtung neutraler und ängstlicher Gesichter wider, die die Forscher mittels fMRT erfassten. Wie sich im Rahmen der Studie zeigte, normalisierten sich die entsprechenden Hirnaktivitäten bei den Probanden der Probiotika-Gruppe. Bei der Placebo-Gruppe konnten die Forscher diesen Effekt hingegen nicht feststellen.

Die Ergebnisse verdeutlichen damit nun das Potenzial des Einsatzes von Probiotika in der Therapie bei psychischen Problemen, sagen die Forscher. Als alleinige Therapie eignen sie sich ihnen zufolge zwar nicht in der klinischen Behandlung von Depressionen, aber der Zusatzeffekt könnte wichtig sein. Dabei zeichnet sich allerdings weiterer Forschungsbedarf ab, betont Schaub: „Die Mikrobiom-Darm-Hirn-Achse ist zwar schon einige Jahre Thema der Forschung, die genauen Mechanismen sind bis heute allerdings nur teilweise klar. Mit zusätzlichem Wissen über die spezifische Wirkung bestimmter Bakterien wäre es möglich, die Auswahl der Bakterien zu optimieren und die beste Mischung einzusetzen, um die Therapie bei Depressionen zu unterstützen“, sagt die Forscherin.

Quelle: Universität Basel, Fachartikel: Translational Psychiatry, doi: 10.1038/s41398-022-01977-z

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