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Neuer Ansatz gegen chronisches Jucken

Juckreiz
Gegen chronisches Jucken gibt es bisher kaum wirksame Mittel. (Foto: Tharakorn/ iStock)

Betroffen sind Neurodermitis-Patienten, aber auch Menschen mit Schuppenflechte, Ekzemen oder Nieren- und Leberkrankheiten: Sie alle leiden oft unter chronischem, kaum behandelbarem Juckreiz. Jetzt jedoch könnten Forscher ein neues Mittel gegen das ständige Jucken gefunden haben. Dieses aktiviert gezielt hemmende Schaltkreise im Rückenmark und unterdrückt so den Juckreiz. In Versuchen mit Mäusen und Hunden erwies sich die Substanz bereits als wirksam und gut verträglich. Jetzt muss getestet werden, ob dies auch beim Menschen funktioniert.

Den lästigen Juckreiz nach einem Mückenstich kennen wohl die meisten von uns. Er lässt aber zum Glück schon nach kurzer Zeit von selbst wieder nach. Anders ist dies jedoch mit dem chronischen Juckreiz, unter dem bis zu zehn Prozent der Bevölkerung leiden. Er tritt als Folge von hartnäckigen Ekzemen, Schuppenflechte oder Neurodermitis auf, kann aber auch durch Nieren- oder Lebererkrankungen ausgelöst werden. Bereits vor einigen Jahren fanden Wissenschaftler heraus, dass das chronische Jucken nicht nur den bei gereizter Haut aktivierten „Juck-Schaltkreis“ und die entsprechenden Nerven aktiviert, sondern auch weitere Nerven mit einbezieht, darunter solche, die sonst Schmerz übertragen. Das macht das Unterdrücken dieses chronischen Juckens schwer und gängige Mittel gegen akutes Jucken wirkungslos. Meist wird versucht, dieses Leiden mit Immunsuppressiva oder Antidepressiva zu behandeln. Diese Medikamente, die eigentlich für andere Krankheiten entwickelt wurden, verschaffen den Betroffenen aber oft nicht die erhoffte Linderung oder haben schwere Nebenwirkungen.

Ansatz am Rückenmark

Jetzt könnten Forscher um William Ralvenius von der Universität Zürich einen neuen Ansatz gegen das chronische Jucken entdeckt haben. Für ihre Studie nutzten sie zunächst transgene Mäuse, um herauszufinden, welche Nervenzellen und Rezeptoren im Rückenmark möglicherweise eine hemmende Wirkung auf die Weiterleitung der Juckreize ausüben. Wie sich zeigte, spielen zwei Rezeptoren im Hinterhorn des Rückenmarks dabei eine wichtige Rolle. Werden sie bei Mäusen genetisch deaktiviert, kratzen und putzen sich diese im Übermaß. Wie die Forscher berichten, gehören die beiden Rezeptoren zu einer größeren Gruppe von Andockstellen für den Botenstoff γ-Aminobuttersäure, kurz GABA. Genau an dieser Stelle setzen die Wissenschaftler nun mit einem experimentellen Wirkstoff an: Sie injizierten Mäusen mit chronischem Juckreiz eine Substanz, die diese hemmenden Rezeptoren verstärkt aktiviert.

Das Ergebnis: Die Mäuse, die den Arzneistoff verabreicht bekamen, kratzten sich weniger und ihre Hautveränderungen verheilten deutlich schneller als bei Tieren, die mit Plazebo behandelt wurden. Das Mittel wirkte zudem nicht nur bei akutem Juckreiz, sondern auch bei ekzemartigen, nichtallergischen Hautveränderungen und entsprechenden chronischen Juckbeschwerden, wie die Forscher berichten. Dieselbe juckreizlindernde Wirkung zeigte sich auch in Versuchen mit Hunden. „TPA023B war sowohl gegen histaminbedingtes Jucken wie gegen nicht-histaminerges Jucken wirksam“, berichten Ralvenius und seine Kollegen. „Außerdem war die Substanz bei chronischem Juckreiz sogar effektiver als bei akutem.“ Ein weiteres positives Ergebnis: Das Medikament erzeugte keine unerwünschten Nebenwirkungen. Im Gegensatz zu Benzodiazepinen hatte das Mittel keine einschläfernde Wirkung und beeinträchtigte auch nicht die Bewegungskoordination der Tiere, wie die Forscher berichten.

Hoffnung auf Wirkung auch beim Menschen

Noch hat die Substanz ihre Wirksamkeit nur im Tierversuch bewiesen. Doch die Forscher sind zuversichtlich: „Wenn sich die hohe Effizienz gegen das Jucken und die gute Verträglichkeit, die sich in dieser Studie gezeigt hat, auf den Menschen übertragen lassen, dann könnten TPA023B und ähnliche Verbindungen gut geeignet sein, um chronischen Juckreiz beim Menschen zu behandeln“, sagen Ralvenius und seine Kollegen. Dass die Forscher Potenzial in ihrer Entdeckung sehen, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass sie diese bereits zum Patent angemeldet haben. Derzeit arbeiten sie mit Firmen zusammen, die dabei sind, die Substanz als Arzneimittel für die Human- und Tiermedizin weiterzuentwickeln. „Haushunde leiden wie Menschen häufig an chronischem Juckreiz. Auch sie können also von einer neuen Therapie profitieren“, erklärt Co-Autor Hanns Ulrich Zeilhofer von der Universität Zürich.

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Quelle: William Ralvenius (Universität Zürich) et al., Nature Communications, doi: 10.1038/s41467-018-05709-0

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