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Parkinson: Risikofaktor Blinddarm?

Der Wurmfortsatz des Blinddarms scheint das Risiko für Parkinson zu beeinflussen. (Bild: wildpixel/ istock)

Etwa jeder zehnte Deutsche hat seit seiner Kindheit eine kleine Narbe über der rechten Hüfte – eine Blinddarmnarbe. Diese Operation könnte überraschende Konsequenzen haben, wie eine Studie nun nahelegt: Sie scheint das Risiko zu senken, später an Parkinson zu erkranken. Welche Ursachen hinter diesem bemerkenswerten Phänomen stecken, ist allerdings noch weitestgehend unklar.

Zittrige Hände, steife Muskeln und verlangsamte Bewegungen: Das sind die typischen Symptome von Parkinson – einer neurodegenerativen Erkrankung, die weltweit über sechs Millionen Menschen betrifft. Diese motorischen Beschwerden spielen bei der Diagnose des Leidens eine entscheidende Rolle. Darüber hinaus macht sich Parkinson aber auch durch andere Krankheitszeichen bemerkbar. So wissen Forscher inzwischen etwa: Bereits Jahre vor dem Auftreten der ersten charakteristischen Parkinson-Symptome leiden viele Patienten unter Schlafstörungen, Beeinträchtigungen des Geruchssinns – oder Magen-Darm-Beschwerden. Letzteres ist besonders interessant, weil frühere Studien in den Nervenzellen des gastrointestinalen Trakts von Betroffenen Ablagerungen des Proteins Alpha-Synuclein gefunden haben. Dieses Eiweiß lagert sich bei Parkinson-Patienten auch im Gehirn ab und scheint eine Schlüsselrolle für die Erkrankung zu spielen.

Geringeres Risiko durch Appendektomie

Um den Einfluss des Magen-Darm-Trakts auf die Krankheit genauer zu untersuchen, haben sich Bryan Killinger vom Van Andel Research Institute in Grand Rapids und seine Kollegen nun dem Appendix gewidmet – denn auch im Wurmfortsatz des Blinddarms wurden in der Vergangenheit Alpha-Synuclein-Aggregate entdeckt. Für ihre Studie werteten die Wissenschaftler Krankheitsdaten von 1,6 Millionen Schweden aus, die im Zuge einer Langzeituntersuchungen bis zu 52 Jahre lang begleitet worden waren. Dabei stellten sie einen bemerkenswerten Zusammenhang fest: Eine Entfernung des Appendix in jungen Jahren ging im Schnitt mit einem rund 20 Prozent geringeren Risiko für eine spätere Parkinson-Diagnose einher. Bei Personen, die auf dem Land lebten, reduzierte sich dieses Risiko sogar um 25 Prozent. Die Auswertung eines separaten Datensatzes von 849 Parkinson-Patienten offenbarte zudem: Wer den Blinddarm entfernt bekommen hatte, bei dem hatte sich die Erkrankung in einem höheren Alter manifestiert als bei anderen Betroffenen. Im Schnitt verschob sich die Erstdiagnose dadurch um 3,6 Jahre.

Damit zeichnet sich ab, dass der Blinddarm in irgendeiner Art und Weise bei der Entstehung und dem Verlauf von nicht erblichem Parkinson mitmischt. Aber wie konkret? In der Hoffnung auf neue Einblicke analysierten Killinger und sein Team in einem nächsten Schritt Appendix-Proben gesunder Menschen und Parkinson-Patienten. Das Ergebnis: Sowohl bei Gesunden als auch bei Kranken fanden sie krankhafte Ablagerungen von Alpha-Synuclein. „Wir waren überrascht, die pathogene Proteinform bei beiden Probandengruppen im Appendix zu finden. Dies legt nahe, dass ihre Präsenz allein nicht die Ursache der Erkrankung ist. Denn Parkinson ist eine relativ seltene Krankheit, die weniger als ein Prozent der Bevölkerung betrifft. Es muss also noch andere Faktoren geben, die den beobachteten Einfluss des Blinddarms erklären können“, konstatiert Killingers Kollegin Viviane Labrie.

Zusammenhang mit Umweltgiften?

Womöglich, so spekulieren die Forscher, könnte es einen Zusammenhang mit Umweltgiften geben – so mehren sich in letzter Zeit die Hinweise darauf, dass beispielsweise der Kontakt zu Pestiziden das Krankheitsrisiko beeinflusst. „Bekannt ist, dass der Wurmfortsatz des Blinddarms Reste von Lebensmitteln über längere Zeiträume als andere Regionen im Darm enthalten kann. Deshalb ist zumindest denkbar, dass der Wurmfortsatz häufiger und länger mit Umweltgiften, die über die Nahrung aufgenommen werden, in Kontakt kommt“, erklärt der nicht an der Studie beteiligte Mediziner Francisco Pan-Montojo von der Universität München. Über welche Mechanismen solche Umweltgifte dann das Risiko für Morbus Parkinson beeinflussen, müssen weitere Untersuchungen erst noch zeigen – und auch insgesamt bleiben viele Fragen offen: „Die Daten der Studie sind interessant, aber es kann derzeit nicht viel daraus abgeleitet werden“, konstatiert Pan-Montojo.

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Entsprechend vorsichtig fällt auch das Fazit der Autoren selbst aus. Klar ist ihnen zufolge bisher nur: „Der normale menschliche Blinddarm enthält pathogene Formen von Alpha-Synuclein und beeinflusst das Risiko einer Parkinson-Diagnose.“ Wie so oft in der Medizin heißt es für die Wissenschaftler daher nun erst einmal weiter forschen – und für den Otto Normalverbraucher, keine voreiligen Konsequenzen zu ziehen: „Auf keinen Fall rechtfertigt die Studie eine Blinddarmentfernung zur Vorbeugung einer Parkinson-Erkrankung“, kommentiert Walter Schulz-Schaeffer von der Universität des Saarlandes in Homburg. „Dafür ist der statistische Zusammenhang viel zu gering.“

Quelle: Bryan Killinger (Van Andel Research Institute, Grand Rapids) et al., Science Translational Medicine) doi: 10.1126/scitranslmed.aar5280

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