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Gesundheit+Medizin

Prädiabetes ist nicht gleich Prädiabetes

Prädiabetes
Bei Menschen mit Prädiabetes gibt es sechs klar abgrenzbare Subtypen. (Bild: Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen)

Schon vor Ausbruch eines Diabetes Typ 2 zeigen sich erste Vorstufen, die auf ein erhöhtes Risiko hinweisen. Wie sich jetzt zeigt, gibt es bei diesem Prädiabetes aber deutliche Unterschiede. Forscher haben sechs klar unterscheidbare Subtypen des Prädiabetes identifiziert, von denen drei eher ungefährlich sind, drei andere aber das Risiko für schweren Diabetes und Folgekrankheiten deutlich erhöhen. Das Wissen um diese Subtypen und ihre Erkennung könnten künftig helfen, Betroffene gezielter zu behandeln und einem Diabetes effektiver vorzubeugen, so die Hoffnung der Wissenschaftler.

Diabetes ist eine der großen Volkskrankheiten: Seit 1980 hat sich die Zahl der Menschen mit Diabetes Typ 2 weltweit vervierfacht. Allein in Deutschland leiden derzeit rund sieben Millionen Menschen an diesem sogenannten Altersdiabetes. Bis zum Jahr 2040 könnte sich die Zahl der Betroffenen Schätzungen zufolge auf bis zu zwölf Millionen Menschen erhöhen. Bei dieser Erkrankung produziert die Bauchspeicheldrüse zunächst meist noch ausreichend Insulin. Dieses kann den Blutzucker aber nicht mehr effektiv senken, weil die Körperzellen unempfindlich gegenüber diesem Hormon geworden sind. Im weiteren Krankheitsverlauf nimmt dann auch die Insulinausschüttung aus der Bauchspeicheldrüse ab. Als Folge steigt der Blutzuckerspiegel krankhaft an, das wiederum kann zu Folgeerkrankungen wie Nierenschäden, Netzhauterkrankungen und Herz-Kreislauf-Krankheiten führen.

Gibt es Unterschiede bei der Diabetes-Vorstufe?

Allerdings entwickelt sich der Typ-2-Diabetes nicht von einem Tag auf den anderen. Oft durchlaufen Betroffene zunächst eine längere Vorstufe des Diabetes, den sogenannten Prädiabetes, in der die Blutzuckerwerte bereits erhöht, aber die Menschen noch nicht krank sind. Ob und wann aus einem solchen Prädiabetes dann ein Diabetes wird, ließ sich aber bislang schwer im Vorhinein feststellen. „Bisher konnte man bei Menschen mit Prädiabetes nicht vorhersehen, ob sie einen Diabetes entwickeln und Risiken zu schweren Folgeerkrankungen wie Nierenversagen haben, oder nur eine harmlose Form von leicht höheren Blutzuckerwerten ohne bedeutsames Risiko aufweisen“, erläutert Seniorautor Hans-Ulrich Häring vom Institut für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen (IDM) des Helmholtz Zentrums München an der Universität Tübingen.

Um das zu ändern, haben die Forscher Daten einer Tübinger Langzeitstudie ausgewertet, bei der knapp 900 noch gesunde Teilnehmer mit ersten Vorzeichen eines Prädiabetes über 20 Jahre hinweg medizinisch untersucht wurden. Dabei wurden auch für Diabetes relevante Stoffwechselparameter wie die Blutzuckerwerte, das Leberfett, die Körperfettverteilung und der Blutfettspiegel regelmäßig analysiert, aber auch das genetische Risiko ermittelt. Das Team um Häring und Erstautor Robert Wagner vom IDM hat mithilfe einer Clusteranalyse innerhalb der Teilnehmergruppe nach Untergruppen gesucht, die in Bezug auf ihre Risikofaktoren und Stoffwechselmerkmale Gemeinsamkeiten aufweisen.

Sechs Subtypen identifiziert

Die Forscher wurden fündig: Sie identifizierten sechs Subtypen des Prädiabetes mit jeweils klar unterscheidbaren Merkmalen. „Wie beim manifesten Diabetes gibt es auch im Vorstadium des Diabetes unterschiedliche Krankheitstypen, die sich durch Blutzuckerhöhe, Insulinwirkung und Insulinausschüttung, Körperfettverteilung, Leberfett sowie genetisches Risiko unterscheiden“, fasst Wagner das Ergebnis zusammen. Diese sechs Subtypen konnten die Wissenschaftler auch in einer ergänzenden Langzeitstudie mit 7000 Teilnehmern in London bestätigen. Wie nähere Analysen ergaben, zeichnen sich drei dieser Subtypen (Cluster 1, 2 und 4) durch ein niedriges Diabetes-Risiko aus. Dabei gehören dem Cluster 2 vor allem schlanke Menschen an. Sie haben ein besonders niedriges Risiko, an Komplikationen zu erkranken. Das Cluster 4 bilden übergewichtige Menschen, deren Stoffwechsel noch relativ gesund ist – sie gehören damit zu den „gesunden Dicken“, wie die Forscher erklären.

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Deutlich höher ist das Risiko dagegen für die drei übrigen Subtypen (Cluster 3, 5 und 6). Bei Menschen, die dem Subtyp 3 angehören, bildet die Bauchspeicheldrüse bereits zu wenig Insulin, zudem sind sie genetisch vorbelastet. Menschen aus dem Cluster 5 weisen eine ausgeprägte Fettleber und ein sehr großes Diabetesrisiko auf, weil ihre Körperzellen schon resistent gegen die blutzuckersenkende Wirkung von Insulin sind. Beim Subtyp 6 treten bereits vor einer Diabetesdiagnose Schädigungen der Niere auf. Hier ist auch die Sterblichkeit besonders hoch, wie die Wissenschaftler berichten. Sie hoffen, dass dieses Wissen nun dabei helfen kann, einem Diabetes gezielter vorzubeugen. „Die Identifizierung von Subtypen im Vorstadium des Typ-2-Diabetes ist ein wichtiger Schritt in Richtung einer Präzisionsmedizin bei der Prävention des Diabetes und seiner Begleiterkrankungen“, sagt Martin Hrabe de Angelis vom Deutschen Zentrum für Diabetesforschung in Neuherberg.

Quelle: Robert Wagner (Universität Tübingen) et al., Nature Medicine, doi: 10.1038/s41591-020-1116-9

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