Prägen wir die Genetik unserer Nachkommen? - wissenschaft.de
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Prägen wir die Genetik unserer Nachkommen?

Gibte es Generationen übergreifende epigenetische Effekte?(Henrik5000/iStock)

Stress, schreckliche Erfahrungen, Hunger… Das Schicksal und die Lebensgewohnheiten können Spuren an unserem Erbgut hinterlassen – Epigenetik heißt das Stichwort. Doch werden diese Veränderungen auch auf Folgegenerationen übertragen? Diese in den Medien populäre Theorie hinterfragt bild der wissenschaft in seiner Januar-Ausgabe. Das Fazit lautet: Zumindest beim Menschen scheint der Effekt wohl kaum eine Rolle zu spielen.

Es klingt spannend und auch ein bisschen gruselig: Medienberichten zufolge gibt es wissenschaftliche Hinweise darauf, dass sich beispielsweise Kriegserfahrungen im Erbgut verankern und anschließend an die Nachfolgegenerationen weitergegeben werden können. Konkret könnte das bedeuten: Gerade den Deutschen könnte demnach noch der Zweite Weltkrieg in den Genen stecken. Im Auftrag von bild der wissenschaft ist der Molekularbiologe Ludger Weß diesen angeblich wissenschaftlich fundierten Effekten auf den Grund gegangen.

Zu Beginn des Leitartikels erklärt der Autor zunächst die Grundlage, auf der die Theorie von der Generationen überspannenden Prägung des Erbguts basiert. Dabei handelt es sich um die sogenannte Epigenetik: Die Forschung hat in den letzten Jahrzehnten immer deutlicher gezeigt, dass die Merkmale von Lebewesen nicht nur auf der genetischen Sequenz des Erbguts basieren, sondern auch auf Schalter-Elementen an der DNA. Diese epigenetischen Faktoren sitzen an bestimmten Abschnitten der DNA und beeinflussen deren Zugänglichkeit für Ablesefunktionen. Veränderungen dieser Kontrollelemente können im Laufe des Lebens durch Umweltfaktoren entstehen, haben Studien gezeigt. Zu den Auslösern gehören Ernährung, körperliche Aktivität, Stress und weitere Faktoren der Lebensweise eines Menschen. All das kann die DNA modifizieren und beeinflussen, ob Gene abgelesen werden.

Die Frage ist nun, ob diese epigenetischen Veränderungen auch an Nachkommen und nicht nur an die nächste Zellgeneration vererbt werden können. Wie Weß berichtet, werden häufig Untersuchungsergebnisse bei Mäusen als Bestätigung dieser Möglichkeit zitiert und ein häufig genanntes Beispiel für angebliche epigenetische Auswirkungen beim Menschen ist der niederländische Hungerwinter von 1944/45. Kinder leiden demnach eher unter gesundheitlichen Problemen, wenn ihre Mütter während der Schwangerschaft schwer hungern mussten. Dies betrifft die erste und teilweise die zweite Generation – die Töchter und die Enkeltöchter der hungernden Frauen.

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Menschen sind weder Mäuse noch Pflanzen

Doch wie Weß in dem Artikel verdeutlicht, gibt es einfachere Erklärungen für das beobachtete Phänomen als die epigenetische Vererbung. Sie kann nicht als wissenschaftlich gesichert gelten und erscheint aus verschieden Gründen unwahrscheinlich, so das Fazit. Abgerundet wird diese Einschätzung durch ein Interview im Rahmen des dreiteiligen Titelthemas, das Weß mit der Biochemikerin Ann Ehrenhofer-Murray von der Humboldt Universität in Berlin geführt hat. Darin äußert sie sich über die Möglichkeit der Vererbung von Erfahrungen an Folgegenerationen beim Menschen und verdeutlicht zudem, was epigenetische Forschung leisten kann.

Wie aus dem dritten Teilartikel hervorgeht, kann bei anderen Lebewesen allerdings tatsächlich eine epigenetische Veränderung über mehrere Generationen vererbt werden. Darin berichtet die bdw-Autorin Vivien Kring, wie Pflanzen auf Umwelteinflüsse reagieren, indem sie ihr Erbgut anpassen. Von diesen Veränderungen können dann auch die folgenden Generationen profitieren, verdeutlicht der Artikel „Das Gedächtnis der Pflanzen“.

Das Titelthema „Erben wir Erlebnisse unserer Vorfahren?“ finden Sie in der Januar-Ausgabe von bild der wissenschaft, die ab dem 17. Dezember im Handel erhältlich ist.

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