von JÜRGEN BRATER
Als der britische Bakteriologe Alexander Fleming im September 1928 nach dem Sommerurlaub wieder sein Labor betrat, erschrak er. Eine vor den Ferien angelegte Kolonie des Bakteriums Staphylokokkus aureus war von einer grünlich glänzenden Schicht überzogen, alle Mikroben waren tot. Offensichtlich war die von winzigen Schimmelpilzen der Gattung Penicillium ausgeschiedene Substanz in der Lage, Bakterien den Garaus zu machen. Das war nicht nur die Geburtsstunde des Penicillins und damit des ersten Antibiotikums, sondern auch eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts überhaupt.
In der Folgezeit wurden zahlreiche weitere bakterientötende Substanzen entdeckt, doch im gleichen Maße entwickelten auch immer wieder Keime gegen diese Stoffe eine Unempfindlichkeit. Die Resistenz beruht darauf, dass es bei einer bakteriellen Infektion unter den Millionen Krankheitserregern immer einige wenige gibt, denen die eingesetzten Arzneimittel aufgrund natürlicher Genmutationen nichts anhaben können. Diese Erreger vermehren sich umso stärker, je weniger konkurrierende Mikroben den medikamentösen Angriff überlebt haben. Eine große Rolle beim Problem der Resistenzen spielt, dass Antibiotika viel zu häufig – unter anderem auch bei Virus-Infekten, wo sie keinerlei Nutzen haben – verschrieben werden.
Hinzu kommt, dass Bakterien in der Lage sind, ihre Gene untereinander auszutauschen. Auf diese Weise entstehen mit der Zeit immer mehr Keime, die gegen viele unterschiedliche Antibiotika unempfindlich („multiresistent“) sind. Sie verbreiten sich vor allem in Krankenhäusern, wo Bakterien naturgemäß besonders häufig mit Medikamenten in Berührung kommen und zudem auf Patienten treffen, die ein geschwächtes Immunsystem aufweisen. Untersuchungen der Techniker-Krankenkasse kamen zu dem Resultat, dass aktuell rund sechs Prozent der in Kliniken nachgewiesenen Keime nicht von den gegen sie eingesetzten Medikamenten abgetötet werden und sich daher ungehindert vermehren. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bezeichnet Antibiotikaresistenzen als globale Bedrohung, die jedes Jahr 1,3 Millionen Todesopfer fordert.
Sequenzielle Antibiotikatherapie
Eine vielversprechende Möglichkeit, die Resistenzentwicklung zu unterdrücken, ist die sequenzielle Antibiotikatherapie, so die 2021 veröffentlichte Studie eines Forscherteams der Universität Kiel um Hinrich Schulenburg, Leiter der Arbeitsgruppe Evolutionsökologie und Genetik. Das Verfahren beruht auf einem häufigen Wechsel der Antibiotika während der Behandlung. Im Idealfall kommt es dabei zu einer sogenannten kollateralen Sensivität, bei der die Resistenz von Bakterien gegenüber einem Medikament dazu führt, sie gegen ein anderes umso empfindlicher werden zu lassen.





