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Gesundheit+Medizin

Raucher belasten Nichtraucher-Räume

Rauch nimmt man offenbar auch mit sich. (Bild: ljubaphoto/iStock)

Wenigstens in Nichtraucherbereichen ist man vor Zigarettenqualm sicher, könnte man meinen. Doch wie nun eine Studie in einem Kino verdeutlicht, raucht man auch dort mit: Raucher tragen schädliche Substanzen aus Zigarettenqualm an ihrem Körper mit sich und setzte sie in Nichtraucherbereichen frei. Die Qualität der Raumluft wird dadurch möglicherweise erheblich beeinträchtigt, sagen die Forscher.

Rauchen nur noch vor der Tür! Um Menschen vor dem nachweislich schädlichen Effekt des Passivrauchens zu schützen, ist das Rauchen in öffentlichen Bereichen mittlerweile streng verboten. Um sich bei Veranstaltungen in geschlossenen Räumen eine Dosis Nikotin zu verpassen, genießen Raucher deshalb in Raucherbereichen ihre Zigaretten. Wer eine feine Nase hat, kann dies bei ihrer Rückkehr riechen – sie tragen mitunter wahrnehmbar Rauch-Geruch mit sich. Inwieweit dieser Effekt eine Bedeutung für die Belastung der Luft in Nichtraucherbreichen hat, haben nun Forscher aus Deutschland und den USA untersucht.

Belastete Luft im Kino

Die Forscher führten ihre Studie in einem Kinosaal durch, in dem noch keine Zigarette angezündet worden ist. Durch ein hochauflösendes Massenspektrometer erfassten sie dort die Veränderungen der Konzentrationen von verschiedenen Verbindungen, die mit Tabakrauch verknüpft sein können. In dem Kinosaal fanden im Verlauf von vier Tagen verschieden Vorstellungen statt: Nachmittags gab es Kinderfilme mit einem entsprechend jungen Publikum – am Abend standen dann Filme für Erwachsene auf dem Programm.

„Bei den Tests unter diesen Alltags-typischen Bedingungen zeichnete sich deutlich ab, dass Personen, die zuvor Tabakrauch ausgesetzt waren, beim Betreten eines zuvor strikt rauchfreien Raums potenziell gefährliche Substanzen abgaben“, sagt Co-Autor Drew Gentner von der Yale Universität. Neben Nikotin konnten die Wissenschaftler weitere Substanzen in der Raumluft nachweisen, die aus Zigarettenrauch stammen und ein gesundheitsschädliches Potenzial aufweisen. Darunter waren Verbindungen wie Acrolein, Formaldehyd, Benzol oder Acetonitril.

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„Wir gehen davon aus, dass die Kinobesucher die Zigarettenrauchrückstände mit ihrer Kleidung und ihrem Körper in den geschlossenen Raum transportiert haben“, sagt Co-Autor Jonathan Williams vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Dieser Effekt wurde beim Vergleich der unterschiedlichen Kinovorstellungen deutlich: Besonders stark stieg die Belastung bei den abendlichen Vorstellungen für Erwachsene an, denn der Prozentsatz an Rauchern war im Vergleich zu den Kinder-Vorstellungen höher, erklären die Wissenschaftler.

Unerhebliche Spuren?

Die Menge der gefährlichen Substanzen sei nicht vernachlässigbar, sagen die Forscher. Die Besucher des Kinoraumes waren einer Belastung ausgesetzt, die der einer passiven Konfrontation mit Rauch von ein bis zehn Zigaretten entsprach. Wie die Forscher berichten, erreichten die Luftkonzentrationen ihren Höhepunkt bei der Ankunft des Publikums und nahmen im Laufe der Zeit ab. Sie verschwanden jedoch nicht ganz – selbst nach dem Verlassen des Publikums waren sie nachweisbar. Diese anhaltende Belastung führen die Forscher darauf zurück, dass Flächen und die Raumeinrichtung die Substanzen absorbieren und später erneut freisetzen.

„Die Vorstellung, dass man als Nichtraucher in einem rauchfreien Raum vor Passivrauchen geschützt wäre, ist ein Trugschluss“, resümiert Gentner das Ergebnis der Studie. Er und seine Kollegen betonen in diesem Zusammenhang, dass es sich bei dem Kinosaal um einen vergleichsweise gut belüfteten und großen Raum gehandelt hat. In öffentlichen Verkehrsmitteln, Bars, Büros und Wohnungen würden die indirekten Rauchemissionen hingegen wahrscheinlich zu erheblich höheren Konzentrationen vieler der problematischen Verbindungen führen, sagen die Forscher.

Im Rahmen der Studie berücksichtigten sie auch die möglichen Auswirkungen von E-Zigaretten. „Als Quelle für viele Verbindungen, die wir festgestellt haben, kommen sie zwar eher nicht in Frage. Die Nikotinbelastungen könnten allerdings durchaus aus E-Zigaretten stammen“, sagt Gentner. Deshalb wollen sich er und seine Kollegen nun auch in weiteren Untersuchungen der möglichen Bedeutung dieser Art des Rauchens für die indirekte Raumluftbelastung widmen.

Quelle: Yale University, Max-Planck-Institut für Chemie, Fachartikel: Science Advances, doi: 10/eaay4109

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Nikolaus Piper, die neoliberale Edelfeder der Süddeutschen Zeitung, warnt in der heutigen Ausgabe vor einer Vermögensabgabe zur Refinanzierung der Pandemiefolgen.

Die Pandemie hat die Wirtschaft schwer getroffen, nach den zuletzt veröffentlichten Daten des Statistischen Bundesamtes fast so schwer wie die Finanzkrise vor gut 10 Jahren. Zur Schadensbegrenzung hat der Staat viel Geld in die Hand genommen, sehr viel Geld. Die schwarze Null, der heilige Gral der staatsausgabenbegrenzenden Finanzpolitik, ist vorläufig Geschichte. In die Diskussion, ob der Staat die Schulden, die jetzt gemacht wurden, wirklich nach Art der schwäbischen Hausfrau zurückzahlen muss, damit eines fernen Tages wieder ein kleines Guthaben auf dem Sparbuch ist, und falls ja, wie, oder ob es reicht, dass er seinen Schuldendienst vernünftig organisiert, will ich nicht einsteigen. Ich bin kein Ökonom. Ich bin Leser der Süddeutschen Zeitung und freue mich, dort im Feuilleton gut unterhalten zu werden.

Nikolaus Piper hat einen Albtraum: Schuldenabbau durch eine Vermögensabgabe der Reichen. Dass das nicht infrage kommt, dagegen schreibt er mit der ganzen Glut seines Herzens an.

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„Eigentlich sollten auch die historischen Vorläufer misstrauisch machen (…). Etwa der ‚Wehrbeitrag‘ von 1913, der die Aufrüstung des Deutschen Reiches mitfinanzierte – kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieg(s).“

In der Hinsicht könnte man ihn vielleicht beruhigen, dass er nur schlecht geträumt hat. Selbst wenn Armin Laschet, der neue CDU-Chef, Bundeskanzler werden sollte, einen Weltkrieg wird er gewiss nicht anzetteln. Der ist schon zufrieden, wenn der Kölner Karneval wieder gefeiert werden kann. Die Argumentation mit den historischen Vorläufern setzt Piper dann mit dem gescheiterten „Reichsnotopfer“ 1919 fort, um einen fulminanten Schlussakkord zu setzen:

„Ein Erfolg immerhin war der Lastenausgleich von 1952, bei dem Vermögende in Westdeutschland einen Schadensausgleich an früher vermögende Flüchtlinge und Vertriebene finanzierten.“

Auch wenn man das „früher vermögende“ statt der „Flüchtlinge“ betont, erschließt sich die Logik des Gedankens von den abschreckenden historischen Beispielen nicht wirklich. Aber egal, man weiß ja, was er meint: Finger weg vom Geld der Reichen, das wäre ungerecht. Obwohl, eigentlich weiß man gar nicht, was gerecht ist:

„‘Gerechtigkeit“ und ‚gerecht‘ werden heutzutage inflationär gebraucht. Es gibt die soziale Gerechtigkeit, die Geschlechtergerechtigkeit und die gerechte Sprache.“

Ein Beispiel für die „gerechte Sprache“ hätte mir an der Stelle geholfen, auch, was das mit einer Vermögensabgabe zu tun hat, aber vermutlich kommt es auf etwas ganz anderes an, auf die Pandemieabhängigkeit des Gerechtigkeitsbegriffs unter besonderer Berücksichtigung der Pflegekräfte:

„In der Pandemie zeigt sich, wie unscharf der Gebrauch dieser Begriffe ist. Kann man definieren, wo der gerechte Lohn für all die Menschen liegt, die derzeit in den Krankenhäusern Übermenschliches leisten – jenseits der Feststellung, dass sie mehr verdienen sollten als heute?“

Piper gibt darauf keine wirtschaftswissenschaftliche Antwort, er meint das natürlich rhetorisch, wir sind schließlich im Feuilleton und nicht im Wirtschaftsteil. Hier lautet die Antwort „nein“ und darum muss man auch nicht ernsthaft über Lohnerhöhungen nachdenken. Kostet eh nur Geld, und auch noch das der Arbeitgeber. Obwohl er einräumt, dass die nicht alle arm sind:

„Zweifellos sind die Vermögen der Reichen und Superreichen gewachsen, weltweit und auch in Deutschland. Nach dem Milliardärsreport der Schweizer Großbank UBS und der Unternehmensberatung PwC wurden die deutschen Dollarmilliardäre von März 2019 bis Juli 2020 um 95 Milliarden Dollar reicher.“

Die Frage, ob man definieren kann, wie viel Milliarden Vermögen im Vergleich mit dem Einkommen einer Pflegekraft gerecht sind, stellt Piper nicht, denn es ist ganz klar:

Die Ungerechtigkeit „(…) liegt aber nicht darin, dass Jeff Bezos der reichste Mann der Welt ist, sondern sie liegt darin, dass Amazon keine oder nur sehr wenig Steuern zahlt.“

Davon abgesehen, dass das eine irgendwie mit dem anderen zusammenhängen könnte, liegt an der Stelle ein Konsens nahe. Sollte man also die Reichen entsprechend besteuern? Man könnte es ja statt Vermögensabgabe Vermögenssteuer nennen? Piper schlägt internationale Absprachen zur Besteuerung der Tech-Konzerne vor. Merkwürdig, warum es die nicht gibt, das Problem ist ja nicht neu. Aber bevor man da noch etwas Unziemliches unterstellt und Nikolaus Piper wieder albträumt: Man muss die Sache vom tiefsten Grund her denken, sozusagen fundamentalökonomisch, wenn man verstehen will, wo das Problem wirklich liegt:

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