von ANGELIKA FRIEDL
Es summt, rauscht, piepst oder klingelt: Störende Geräusche im Ohr, medizinisch Tinnitus genannt, kennt fast jeder. Bei den meisten verschwinden sie nach kurzer Zeit wieder. Geschätzt 5 bis 15 Prozent aller Erwachsenen weltweit leiden länger oder dauerhaft darunter.
Oft tritt Tinnitus als Folge von Lärm auf – nach einem lauten Knall oder einer sehr lauten Beschallung –, durch den die Sinneszellen der Hörschnecke im Innenohr geschädigt wurden. Aber es gibt noch viele andere Ursachen, und manchmal sind auch gar keine auszumachen.
„Tinnitus ist nicht gleich Tinnitus. Es gibt viele Phänotypen“, betont Birgit Mazurek, Direktorin des Tinnituszentrums der Berliner Charité. Bei manchen Patienten lässt sich ein akuter Tinnitus erfolgreich behandeln, wenn der Arzt die Ursache findet. Wird zum Beispiel ein Bluthochdruck erkannt und medikamentös gesenkt, verschwindet auch der Tinnitus. Ähnlich, wenn Ohrenschmalz den Gehörgang verstopft hatte oder eine chronische Mittelohrentzündung ausgeheilt ist. Lässt sich dagegen keine eindeutige Ursache feststellen, oder wird der Tinnitus chronisch, ist die Behandlung schwierig. Eine heilende Therapie gibt es dann bislang nicht.
Vielen Betroffenen gelingt es, sich mit den Geräuschen zu arrangieren und sie weitgehend auszublenden, vorausgesetzt, diese sind leise und unaufdringlich. Aber bei manchen Menschen wird die Lebensqualität durch die Ohrgeräusche erheblich beeinträchtigt. Sie sind dauergestresst, können sich nicht mehr konzentrieren oder nicht mehr schlafen. Die Töne – mal hoch, mal tief, mal pulsierend, mal als Dauergeräusch auf einem oder auf beiden Ohren – quälen manche Patienten so stark, dass sie Angststörungen oder Depressionen entwickeln.
Eine neue Therapie-Hoffnung
Auf großes mediales Interesse stieß daher die Nachricht über eine neue Behandlungsmethode, die bimodale Neuromodulation, die mit akustischen und elektrischen Signalen arbeitet. Forscher stellten sie kürzlich in der Fachzeitzeitschrift Science Translational vor. An der Studie beteiligt waren Wissenschaftler des Medizingeräteherstellers Neuromod Devices, der Universität Regensburg und des Trinity College in Dublin. „Rund 86 Prozent der Teilnehmer berichteten am Ende der zwölfwöchigen Behandlungsdauer, dass sich die Schwere der Symptome reduziert hatte. Und eine spätere Nachuntersuchung ergab, dass bei mehr als 80 Prozent die Besserung auch nach zwölf Monaten noch anhielt“, erklären die Autoren in der Veröffentlichung. Nach ihren Angaben ist es die bisher größte und längste Studie zu Tinnitus.
Kurz zusammengefasst funktioniert die Methode folgendermaßen: Es werden gleichzeitig zwei Sinneskanäle aktiviert. Über einen Kopfhörer hören die Patienten unterschiedliche Geräusche. Zur gleichen Zeit stimuliert ein Gerät, das auf der Zunge liegt, die Zungenspitze mit leichten elektrischen Impulsen. Dadurch wird der Trigeminusnerv angeregt – einer der großen Hirnnerven, dessen Nervenfasern auch zu dem Zentrum im Gehirn führen, wo die Hörwahrnehmung stattfindet. Das Ziel ist, durch die akustischen und elektrischen Signale neue Verknüpfungen im Gehirn zu bilden und einen Umbauprozess im auditorischen Cortex, dem Hörzentrum des Gehirns, anzuregen. Denn eine Erklärung für die Entstehung des Tinnitus besagt, dass die Nervenzellen im Hörzentrum überreagieren, wenn nach einem Hörschaden die Sinneszellen der Cochlea, der Hörschnecke, keine oder nur wenige Signale an das Gehirn weiterleiten.





