Schon länger ist klar, dass Lebensweise und Ernährung nicht die einzigen Faktoren sind, die unser Körpergewicht beeinflussen. Denn auch die genetische Veranlagung spielt eine Rolle. Auf der Suche nach Genvarianten, die Übergewicht fördern, haben Wissenschaftler inzwischen mehr als 700 Mutationen identifiziert, die mit einer erhöhten Neigung zu Adipositas verknüpft sind. Doch selbst wenn man alle diese Genvarianten zusammennimmt, kann ihr gemeinsamer Effekt nur rund zwei bis drei der individuellen Variationen beim Körpergewicht von uns Menschen erklären. Sie allein können demnach nicht der Grund sein, warum es einige Menschen gibt, die extrem gute “Futterverwerter” sind und andere, die gefühlt fast alles essen können, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen.
Fahndung nach Gen-Auffälligkeiten bei Untergewichtigen
Auf der Suche nach weiteren Genen, die unser Körpergewicht beeinflussen, haben nun Michael Orthofer vom Institut für Molekulare Biotechnologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (IMBA) einen anderen Ansatz gewählt: Statt nach genetischen Gemeinsamkeiten bei fettleibigen Menschen zu suchen, nahmen sie besonders dünne Menschen ins Visier. Dafür werteten sie die Gendaten von 47.102 Menschen im Alter von 20 bis 44 Jahren aus, die in der estnischen Biobank erfasst sind. In ihrer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) verglichen sie dabei gezielt das Erbgut der Teilnehmer, deren Body-Mass-Index langfristig bei unter 18 lag – dies entspricht einem deutlichen Untergewicht – mit dem der Teilnehmer mit normalem oder erhöhtem Körpergewicht. “Übergewicht und dessen Genetik erforschen viele, deshalb wollten wir das Umgekehrte tun und stattdessen Schlankheit untersuchen, sagt Seniorautor Josef Penniger vom IMBA.
In ihren Auswertungen stießen die Forscher auf ein Gen, das bei den sehr schlanken Teilnehmern ihrer Studie auffallend oft verändert war: das Gen ALK, das die Bauanleitung für die sogenannte Anaplastische Lymphom-Kinase enthält. Dieses Protein gehört zur Familie der Insulin-Rezeptoren und ist dafür bekannt, dass es bei einigen Krebsarten wie Lungenkrebs und Neuroblastom mutiert sein kann. “ALK wurde deshalb im Zusammenhang mit Krebs intensiv untersucht, aber über die biologische Rolle dieses Gens außerhalb dieses Kontexts ist bislang nur wenig bekannt”, erklären Orthofer und seine Kollegen. Wie ihre Vergleichsanalysen ergaben, war eine Teilsequenz des ALK-Gens bei den sehr schlanken Teilnehmern der Studie überproportional häufig deaktiviert. Das weckte die Frage, auf welche Weise dieses Gen möglicherweise auf Stoffwechsel und Körpergewicht einwirkt.





